Lyriker Nora Gomringer beim Resonanzen-Festival : Wenn ein Hermelin Depressionen hat und andere Skurrilitäten

Im Rahmen des „Resonanzen“-Festivals gastierte die Lyrikerin Nora Gomringer begleitet von Schlagzeuger Philipp Scholz im Pingusson-Bau in Saarbrücken.

„Trommeln und Sprache, das ist die älteste Kombination der Musik“, bringt es Nora Gomringer hinterher auf den Punkt. Zuvor hatten die überraschend wenigen Zuhörer (es waren trotz der Hygienemaßnahmen nicht alle Plätze verkauft worden) eine fulminante Version dieser „ältesten Kombination“ im Saarbrücker Pingusson-Gebäude hören und erleben dürfen. Die Lyrikerin Gomringer hatte nämlich zu ihrer Lesung im Rahmen des Resonanzen-Festivals den Jazz-Schlagzeuger Philipp Scholz mitgebracht. Die beiden treten schon seit 2015 zusammen auf, nachdem sie sich auf der Leipziger Buchmesse kennengelernt hatten.

Die 40-jährige Dichterin erschien im Hiphop-Outfit mit Käppi und Ballonseiden-Jacke – klar, gerappt wurde natürlich auch. Aber die beiden Künstler spielten auch ziemlich alles andere durch, was man in dieser Kombination veranstalten kann: Gruselgeschichten mit schauerlichen Geräuschen, die Scholz mittels Geigenbogen und Klangschalen erzeugte; Punk mit einem geschrieenen Kurt Schwitters-Text und wildem Getrommel; entspannte Klänge vom kleinen roten Schul-Xylophon mit einer Rezitation wie von einer Meditations-CD oder ein Märchen, bei dem Scholz nach jeweiliger Aufforderung eine klangliche Untermalung lieferte.

„Hier könnte das zweigestrichene C eine schöne Wirkung erzielen“, meinte die Autorin da in gespielter Blasiertheit inmitten der absurden Handlung: Während einer Wanderung trifft sie nämlich auf einen sprechenden Hermelin. Den lässt Gomringer kindlich lispeln, was die innere Vorstellung von einem naseweisen Tier noch verstärkt. Nach anfänglichem Misstrauen unterhalten sich beide über Depressionen und den Verlustschmerz.

Ähnlich Skurriles fand sich in einigen Texten der Autorin, auch Abgründe – und viel Humor. Scholz passte sich dem Rhythmus der Texte wunderbar an, wirkte nie aufdringlich, bearbeitete seine Trommeln mit allem möglichen Gerät und setzte einige passende Geräuscheffekte ein. Gomringer stellte ebenfalls so einiges mit ihrer Stimme an, klang mal fast wie Nina Hagen, erzeugte Laute aller Art oder sang sehr berührend ein Gedicht von Selma Meerbaum-Eisinger. Nicht überraschend, dass sie Ernst Jandl eine Hommage widmete. Aber auch ihrem Vater, dem Dichter Eugen Gomringer, huldigte sie mit dessen Gedicht „Avenidas“. Seinen Namen verwendete sie so, als sei er irgendein von ihr bewunderter Künstler und kein nächster Verwandter. Das Gedicht hatte vor drei Jahren für Aufruhr gesorgt, weil es auf eine Wand der Alice Salomon-Hochschule in Berlin gemalt war. Sexistisch sei der Text, der nicht viel weiter enthält als die spanischen Ausdrücke für Straßen, Frauen, Blumen und Bewunderer. Das Gedicht wurde überpinselt. „Oh, es war furchtbar“, meinte Nora Gomringer dazu rückblickend.

Gegen Ende erzählte sie von Auftritten mit Scholz in Japan, als die Hälfte des Publikums einschlief – das sei dort völlig normal und eher ein Zeichen der Anerkennung. Für alle während des Saarbrücker Auftritts Eingeschlafenen (natürlich niemand) wollte sie den Abend deswegen zusammenfassen mit dem Gedicht „Was wirklich geschieht“, das die Kommunikation zwischen Dichter und Publikum beschreibt und mit den Worten endet: „Dichter steht auf / Dichter verbeugt sich / Dichter signiert / Dichter geht ab / Dichter steigt in seinen Ferrari / und braust in die Nacht.“ Ob Gomringer nun tatsächlich einen so tollen Abgang aus Saarbrücken hatte, konnte nicht überprüft werden. Rasant war das Programm von ihr und Philipp Scholz aber allemal.