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Regisseur Wim Wenders erhält Ehrenpreis des Filmfestivals Max Ophüls Preis.

Ophüls-Ehrenpreisträger Wim Wenders : „Kino als Event wird sich weiter tragen“

Der Filmemacher über das Saarbrücker Ophüls-Festival, die Lage der angeschlagenen Kinos – und über Kollege Werner Herzog in „The Mandalorian“.

Wim Wenders (75, „Der Himmel über Berlin“, „Paris, Texas“) ist einer der auch international bekanntesten deutschen Filmemacher. Das Saarbrücker Filmfestival Max Ophüls Preis zeichnet Wenders, der unter anderem mit seiner Stiftung den Kinonachwuchs unterstützt,  nun mit dem Ehrenpreis aus. Wir haben Wenders, der auch als Fotograf arbeitet und Filmstudierende unterrichtet, befragt.

Herr Wenders, wie war das vergangene Corona-Jahr für Sie persönlich? Sie haben sich einmal vor allem als Reisenden bezeichnet und erst danach als Regisseur und Fotografen. Wie schwer fallen dann Lockdowns und Kontaktbeschränkungen – auch was die Kreativität betrifft?

WENDERS Das ist mir leichter gefallen, als ich dachte, vor allem, weil ich mich sehr früh aufs Land zurückgezogen habe. Ich habe zum ersten Mal an ein und demselben Ort den Winter Frühling werden sehen, dann den Sommer kommen und gehen sehen, dann den Herbst und jetzt den Winter. Nur zwischendurch, im Sommer, war ich mal ein paar Wochen weg. Seit meiner Kindheit ist mir so etwas nicht mehr passiert, und ich habe es ausgekostet. Aus den Reisen in die Welt sind Reisen nach innen geworden, das war fast abenteuerlicher.

Das Filmfestival Max Ophüls Preis, das Sie in diesem Jahr auszeichnet, muss digital stattfinden, wie viele andere Festivals zuletzt. Wie schmerzhaft ist das für Filmemacher?

„Paris, Texas“ mit Nastassja Kinski gewann 1984 die Goldene Palme in Cannes. Foto: Studiocanal

WENDERS Das tut weh. Vielleicht nicht so sehr für einen alten Hasen wie mich, aber für einen jungen Filmemacher wie Luca Lucchesi, dessen Erstlingsfilm „A Black Jesus“ das Festival eröffnet, ist das bitter. Was ist das für ein Film, den man gemacht hat? Wird er verstanden? Wird er gebraucht? Wie reagieren die Leute darauf? Hab ich im Schnitt alles richtig gemacht? All das weiß man erst, wenn man im Publikum sitzt, es dunkel wird und man den Film zum ersten Mal mit den Augen von anderen sieht. Ja, so krass ist das. Man kennt seinen Film erst dann richtig, wenn die Menschen rund um einen nichts davon wissen und man seinen Film mit ihren Augen entdeckt. Das ist mit die wichtigste Aufgabe von Festivals heute, diese Momente zu ermöglichen.

Welche Sicht haben Sie auf das  Ophüls-Festival in Saarbrücken? Und auf den Regisseur und Namensgeber Max Ophüls? Manchen jungen Filmemachern beim Festival ist er ja gar kein Begriff mehr.

WENDERS Für mich war Max Ophüls noch einer der großen „Klassiker“, aber eher des französischen Films. Bezeichnend ist auch, daß ich ihn in Paris entdeckt habe und seine Hauptwerke alle dort gesehen habe. Das Alleinstellungsmerkmal Saarbrückens als ein Festival für Erstlingsfilme oder frühe Arbeiten von jungen Regisseuren finde ich ganz hervorragend. Ich habe ja schon 1969 meinen ersten Film gemacht, deswegen kam ich für Saarbrücken schon am Anfang als „Nachwuchsregisseur“ nicht mehr in Frage. Aber ich war mal als Gast da, ganz am Anfang.

Bruno Ganz als Engel Damiel in „Der Himmel über Berlin“ aus dem Jahr 1987. Foto: Wim Wenders Stiftung

In dem Dokumentarfilm über Sie, „Wim Wenders, Desperado“, sagt Ihr Kollege und Freund Werner Herzog, sein Rat an einen jungen Filmstudierenden sei: „Schau Dir Wim Wenders‘ Filme an, Du Depp“. Was wäre denn Ihr grundsätzlicher Rat an den Filmemachernachwuchs? „Schau Dir Herzog-Filme an, Du Depp?“ Oder doch etwas anderes?

WENDERS (lacht) Meine Wortwahl wäre anders. Für den einen oder anderen Filmstudierenden wären Werners Filme sicherlich die notwendige Offenbarung.

Wie finden Sie Werner Herzog als Darsteller in der „Star Wars“-Serie „The Mandalorian“ bei Disney+? Würden Sie ihn auch mal besetzen wollen?

Wenders’ Film „Buena Vista Social Club“ über die Musik Kubas wurde 1999 ein Welterfolg. Foto: lewis/senator

WENDERS (lacht) Durchaus! Aber dann eher gegen seinen üblichen Filmcharakter. Er hat ja schon einige Bösewichte gespielt, und die Rolle im „Mandalorian“ hat er, nach eigenen Angaben, angenommen, als er das Drehbuch gelesen und gesehen hat: „Das ist eine Figur, der man nicht über den Weg trauen darf. Ja, das kann ich.“ Ich würde ihn also eher als einen besetzen, dem man Vertrauen schenken kann. Als solcher erscheint er auch in den zwei Dokumentarfilmen, in denen er bei mir schon mal vorgekommen ist: „Tokyo-Ga“ und „Room 666“.

Wie schätzen Sie die Situation des Nachwuchses ein? Beim Ophüls-Festival sieht man oft Debüts, die noch an der Hochschule entstehen. Viele Filmemacherinnen und Filmemachern scheitern aber dann daran, einen zweiten, dritten Film jenseits der Hochschule auf den Weg zu bringen.

WENDERS Das ist systembedingt, sozusagen. Wir haben in Deutschland ein paar großartige Filmschulen, aber das Auffang- oder Aufwärmbecken danach fehlt. Man muß ins Wasser springen und ist dafür oft nicht vorbereitet. Da ist einfach ein Loch. Genau da haben wir mit meiner Stiftung angesetzt, und an genau der Schnittstelle zwischen Hochschulabschluss und ersten Filmen versuchen wir, mit dem Wim Wenders Stipendium zu helfen, gemeinsam mit der Filmstiftung NRW. Zeit zu haben, um in Ruhe etwas zu entwickeln, das wollen wir zumindest ein paar jungen Filmemachern jedes Jahr ermöglichen.

Ist das Streaming mit ständigem Bedarf an Serien und Filmen da möglicherweise ein Segen für junge Filmemacherinnen und Filmemacher?

WENDERS Eher weniger. Vielleicht für ein paar wenige. Aber was bei den Streamingdiensten fehlt, gerade für junge Regisseurinnen und Regisseure, ist der Kontakt mit dem Publikum. Wenn dein Film da läuft, hast Du keine Ahnung, wie er gesehen wird. Das hilft Dir nicht, herauszukriegen, was Du jetzt als nächstes machen sollst.

Sie haben in Ihrer Pariser Zeit in den 1960er Jahren Tausende Filme in der Cinématèque gesehen – wie schauen Sie heute Filme? Mit Beamer und Leinwand im Heimkino?

WENDERS Ja, sehr viel. Ganz einfach auch deswegen, weil ich Mitglied von fünf Akademien bin, die ihren Mitgliedern über das Jahr verteilt Hunderte von DVDs oder Blu-rays oder Links schicken. Woanders könnte ich die Filme oft gar nicht sehen, außer ich würde von Festival zu Festival hecheln. Ins Kino gehe ich trotzdem, aber nicht mehr so oft wie früher.

Welchen Film haben Sie denn zuletzt im Kino gesehen?

WENDERS Ich war seit Beginn der Pandemie nicht im Kino. Zuletzt gesehen hatte ich „Fünf Dinge, die ich nicht verstehe“ von Henning Beckhoff, „Epicentro“ von Hubert Sauper und „Joker“ von Todd Phillips. Letzteren im IMAX, die beiden davor in einem kleinen Kiezkino bei mir in Berlin um die Ecke.

Die Kinos, schon angeschlagen durch die Streaming-Konkurrenz, sind durch die coronabedingten Schließungen in Existenznot. Wie sehen Sie die Zukunft der Kinos? Werden vor allem die großen Paläste überleben – oder die kleinen Kunsthäuser?

WENDERS Bei den Arthouse Kinos werden wohl die überleben, die das beste Programm machen. Um die anderen mache ich mir nicht so richtig Sorgen. Kino als Event wird sich weiter tragen, aber auch diese großen Paläste müssen sich strecken und mehr bieten. Die Leute überlegen sich mehr und mehr, in welchem Kino sie einen Film sehen wollen, wo die beste Vorführung ist, wo man am besten sitzt und wo man gerne wieder hingeht.