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Ralph Schock hat Joseph Roths Frühwerk „Die Rebellion“ neu editiert

Literatur : Schroffe Anklage eines jungen Autors

Ralph Schock, ehemaliger SR-Literaturredakteur, hat Joseph Roths Frühwerk „Die Rebellion“ auf Grundlage von dessen handschriftlichem Manuskript neu editiert.

Der promovierte Germanist Ralph Schock ist ausgewiesener Kenner der Exilliteratur, Mitherausgeber der Gustav-Regler-Werkausgabe und Roth-Experte. „Briefe aus Deutschland“ heißt der 2007 im Gollenstein-Verlag von ihm herausgegebene Band. Darin Roths 1927 entstandene Reportagen über das Saargebiet. Im letzten Jahr, anlässlich Roths 125. Geburtstag, erschien im Wallstein-Verlag Roths dritter Roman „Die Rebellion“ zusammen mit 24 thematisch verwandten Feuilletons aus den frühen Zwanzigern.

„Rund hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung sind nun auch diese Texte Roths in jener Fassung lesbar, die ihnen der Autor einst gab“, betont der Herausgeber, der die „zahllosen Fehler und Entstellungen der Werkausgabe“ akribisch korrigiert hat, wie im angehängten Verzeichnis aller Textvarianten ersichtlich. Grundlage der von Schock rekonstruierten Urfassung des Romans ist Roths 74 Seiten starkes handschriftliches Manuskript – im Deutschen Literaturarchiv Marbach unter der Nummer 94.114.12 verwahrt. Beim Lesen fallen Roths „oft eigenwillige, häufig inkonsequente Interpunktion und Orthographie“ auf. Doch nicht nur das. Kundigen Lesern bietet Schocks sorgfältige Romanedition zwei Seiten mehr, die in der Erstausgabe, „aus welchen Gründen auch immer“ (Schock), fehlen. Denkbar sind Nachlässigkeiten des Setzers, Streichungen Roths oder gar Zensuren des Verlags. Letzteres ließe eine Stelle im XIV. Kapitel vermuten, so Schock, denn hier stellt Roth – nicht das erste und nicht das letzte Mal – die großen unbequemen Fragen: „Was blieb überhaupt noch es selbst? Das Vaterland? Wem gehörte es? Demjenigen, der die Kurbel des Leierkastens drehte? Oder Willi, der die Würste stahl? Oder dem Krämer, dem sie gehörten? Dem Richter im Talar? Dem Aufseher, die [sic!] die Gefangenen spazieren führte?“

Gleich mehrere Schlüsselbegriffe bzw. -personen fallen in dieser Passage, die sich wie ein roter Faden durch Roths Werke ziehen: Gefangene, Aufseher, Richter – sozial deklassierte Kriegsveteranen und Verbrecher auf der einen und die Wohlhabenden auf der anderen Seite. Das alles verbunden mit den Fragen des Lebens nach Sinn, Recht und Gerechtigkeit. Und über alle dem das Vaterland – der Dreh- und Angelpunkt vieler seiner Romane – identitätsstiftend und existenzzerstörend gleichermaßen. Nicht für den Protagonisten Andreas Pum, sondern auch seinen Schöpfer, der in der letzten Dekade seines kurzen Lebens in eskapistischer Mythomanie den Glanz und Zerfall der k. und k.-Monarchie meisterlich in seinen beiden Habsburger-Romanen „Radetzkymarsch“ und der „Kapuzinergruft“ zu verklären verstand. Doch in „Rebellion“ schreibt der junge Roth. Im Stile der Neuen Sachlichkeit von expressionistischen Momenten zuweilen unterbrochen bringt er die unmittelbare Nachkriegszeit zu Papier – formuliert seine große, stellenweise schroffe Anklage.

Die Lazarette sind voll, der Krieg vorbei. Doch nicht für die Kriegsversehrten: „Sie rüsteten schon zu einem neuen Krieg: gegen die Schmerzen; gegen die Prothesen; gegen die lahmen Gliedmaßen; gegen die krummen Rücken; gegen die Nächte ohne Schlaf und gegen die Gesunden.“ Das lässt uns der Erzähler auf der ersten Romanseite wissen und fährt fort: „Nur Andreas Pum war mit dem Lauf der Dinge zufrieden. Er hatte ein Bein verloren und eine Auszeichnung bekommen.“ Die Lizenz als Leierkastenspieler sichert dem Protagonisten die Existenzgrundlage und er ehelicht die Witwe Blumich. Doch Pums Glück währt nur kurz, obwohl er gottesfürchtig, gesetzestreu und bescheiden lebt.

Nach der Auseinandersetzung mit einem „höhergestellten“ Pedanten in der Straßenbahn verliert er Knall auf Fall die Drehorgellizenz, seine Frau – und schließlich den Glauben an Gott und die Regierung. Ihn ereilt der soziale Tod, aber der natürliche nicht: „Todgeweiht blieb er dennoch am Leben, um zu rebellieren. Gegen die Welt, die Behörden, gegen die Regierung und gegen Gott.“ Fatal, dass die Strahlkraft seines zu spät gewonnenen Revoluzzertums lediglich den gekachelten Vorraum der von ihm bewachten Bedürfnisanstalt ausleuchtet. Diesem anrüchigen Echoraum menschlicher und sogar nationaler Grundbedürfnisse, dem er als Toilettenwärter im Café Halali einen zweifelhaften Glanz verleiht. Roths Kritik ist eindeutig und bissig. Ironisch zugespitzt, wenn er von dem cleveren Unternehmer berichtet, der nur Latrinenwächter in Uniform – unbedingt mit Orden auf der Brust – einsetzt. Denn: „ohne Orden könne man keinen Dienst in der Toilette versehen. Er kannte die geheimen Zusammenhänge zwischen Bedürfnisanstalten und Patriotismus und wußte die ornamentale Wirkung eines dekorierten Invaliden im Klosett zu schätzen.“

Auch in den beiden zuvor erschienenen Romanen „Das Spinnennetz“ (1923) und „Hotel Savoy“ (1924) klagte Roth die Zustände seiner Zeit an – und bekam dafür gute Presse. „Ein Buch, das die Tragik eines Einzelnen zur Schuld jener werden läßt, die ahnungslos über Leichen gehen.“, schrieb Otto Rosenfeld am 9. November 1924 im „Prager Tagblatt“, für das auch Roth schrieb. Der junge Roth hatte sich erst in Wien und dann in Berlin einen Namen als vielschreibender Feuilletonist gemacht und war in allen namhaften deutschsprachigen Zeitungen vertreten – was er sich gut bezahlen ließ. Seinen literarischen Ambitionen ging er auch in der Folge mit Eifer nach – 1930 gelang ihm zwar mit „Hiob. Roman eines einfachen Mannes“, der märchenhaften Parabel über Mendel Singer, der Durchbruch als Romancier, doch seine jüdische Herkunft zwang ihn ins Exil. Am 30. Januar 1933, dem Tag von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, verließ Roth Deutschland. Vom jahrelangen Alkoholismus gezeichnet verstarb er am 30. Mai 1939 im Elend des Pariser Armenspitals „Hôpital Necker“.

Schock gebührt nicht nur der Verdienst, mit der gesicherten Rekonstruktion von Roths Text aus erster Hand eine verlässliche Studienausgabe für die Roth-Forschung herausgeben zu haben, die sich gut in die Reihe der vier im Wallstein-Verlag bereits erschienen Roth-Bücher einfügt und diese ergänzt. Sondern er gewährt in dem lesenswerten Nachwort gleichsam einen kenntnisreichen Blick auf den literarhistorischen Kontext sowie den Entstehungsprozess des Romans. Die von Schock zusammengetragenen 24 Feuilletons weisen bemerkenswerte Parallelen zum Roman hinsichtlich Personal, Schauplätzen und Szenen auf – auch hier Leierkastenmänner und Kriegsversehrte, für die Roth im Sinne seines sozial engagierten Journalismus Partei ergreift, in dem er den chancenlosen Sprachlosen Gehör verschafft.

Literatur-Experte Ralph Schock. Foto: Sonja Colling-Bost

Joseph Roth: Die Rebellion. Roman nach dem Manuskript ediert und mit einem Nachwort herausgegeben von Ralph Schock. Wallstein, Göttingen 2019, 280 Seiten, 24 Euro.