Primeurs-Festival in Saarbrücken

„Primeurs“ : Von Allmachtsphantasien und erzkatholischen Kreisen

An Steve Jobs kommt man derzeit offenbar nicht vorbei. Nach zwei Spielfilmen wird sich auch die neue Produktion der Saarbrücker Performance-Gruppe „Die Redner“ in der Alten Feuerwache mit dem 2011 verstorbenen Gründer des Apple-Imperiums auseinander setzen.

Und die „Primeurs“ hoben ihn nun an gleicher Stelle ebenfalls auf die Agenda: Ein schlicht „Steve Jobs“ getauftes Stück eröffnete als deutschsprachige Werkstattinszenierung den dritten Abend des 13. Festivals für frankophone Gegenwartsdramatik.

Insgesamt vier solcher Formate, sämtlich ausgerichtet vom Saarländischen Staatstheater, waren am Freitag und Samstag in diesem Rahmen zu sehen. Dominierendes Thema des Festivals war die so genannte Autofiktion, darunter Elise Noirauds unterhaltsames, feministisches Selbstfindungstück „Elise – ein ganzes Feld an Möglichkeiten“, das mit einem spontan ausgelobten zweiten, ebenfalls mit 1000 Euro dotierten Übersetzerpreis (für Franziska Baur) honoriert wurde.

„Steve Jobs“, von SR2 bereits als Hörspiel produziert, gehört zum Genre der „Biofiktion“. Das Stück glänzt mit geschliffenen Dialogen und ist sprachlich so brillant wie existenzialphilosophisch tiefschürfend. Nicht verwunderlich, hat sich der 1975 geborene Autor, Übersetzer und Redakteur Albert Lefranc doch mit seinen literarischen Neuerfindungen von Personen der Zeitgeschichte bereits einen gewissen Namen gemacht. Übersetzer Christian Driesen, Jahrgang 1977, ist außerdem studierter Philosoph – die Idealbesetzung also für dieses Stück.

Lefranc schildert den verzweifelten Versuch, Bauchspeicheldrüsenkrebs zu überwinden: Als erfolgsverwöhnter, neoliberaler Kontrollfreak glaubt Jobs, auch den Tod durch Askese und Sport rational besiegen zu können. Ein Überlebensdrama, das Regisseur Daniel Kunze als ruhiges und dennoch sinnliches Zwei-Personen-Stück mit trockenhumorigem Zynismus inszeniert hat. Fabian Gröver gibt Jobs souverän als nicht eben angenehmen Charakter: ein hybrider, von Unsterblichkeits- und Allmachtsphantasien getriebener, dominanter Choleriker, bei dem selbst Emotionen auf Effektivität gebürstet und streng durchkalkuliert sind. Bernd Geiling verkörpert die Entourage, vom bemühten Arzt bis zum hechelnden, speichelleckenden Bewunderer, und liefert ein komödiantisches Bravourstückchen ab.

Man hätte dem Stück gern auch den mit 3000 Euro dotierten Autorenpreis gegönnt, doch der ging (zusammen mit dem rein anerkennenden Publikumspreis für Text und Regie) an Marine Bachelot Ngyuens Dokufiktion „Le fils/Der Sohn“ (Übersetzung: Claudia Hamm). Waren die beiden Hauptpreise bisher miteinander gekoppelt, wurden sie nun erstmals gesplittet, um der Eigenleistung der Übersetzung mehr Gewicht zu verleihen, und obendrein durch eine (rein weibliche) Fachjury vergeben.

Mit „Le fils“ kürten Christa Hohmann (Verlag Felix Bloch Erben, Berlin), Anne Legill (Les Théâtres de la Ville de Luxembourg) und Patricia Oster-Stierle (Lehrstuhl Französische Literaturwissenschaft an der Saar-Uni) freilich ein Stück, das womöglich mehr durch seine gesellschaftliche Ambition und seinen spezifisch weiblichen Blick überzeugt als durch seine theatrale Qualität. Ngyuen, Jahrgang 1978, beschäftigt sich als Autorin und Regisseurin mit feministischen Themen und den Wechselbeziehungen zwischen Fiktion und Dokumentation, zwischen Individuum und Politik. Für das Auftragswerk „Der Sohn“ recherchierte sie nun über das Wiedererstarken ultrakonservativer und rechter Tendenzen in Frankreich und schrieb einen aus wechselnden Erzählhaltungen konstruierten Monolog für eine frustrierte Apothekerin, die sich in erzkatholische Kreise flüchtet und ignorant Amok läuft gegen die Homosexualität ihres Sohnes – am Ende bringt er sich um.

„Steve Jobs“ mit Bernd Geiling (links, verschiedene Rollen) und Fabian Gröver (rechts, als Steve Jobs) gewann den Übersetzerpreis. Foto: Kerstin Krämer

Es ist das Verdienst von Regisseurin Milena Mönch, dieses reine Erzähltheater, dessen Hauptkonflikt überzogen und ziemlich verstaubt anmutet, flott, temporeich und durchaus amüsant auf mehrere Schultern (Laura Trapp, Gaby Pochert, Silvio Kretschmer, Michael Wischniowski) zu verteilen. Damit öffnet sie ein reizvolles Spiel mit Gegenwart und Vergangenheit und bringt durch die unterschiedlichen Perspektiven eine ironische Distanz ein, walzt aber leider auch das mitunter ohnehin schwer erträgliche Pathos weiter aus.

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