Premiere von „Dosenfleisch“ in der Sparte 4 in Saarbrücken

Premiere von „Dosenfleisch“ in der Sparte 4 : Wir sind alle ja nur Fleischkonserven

Was sollen Radwege auf der Autobahn? Und was sind „Teppichbodenmenschen“? Das Stück „Dosenfleisch“ von Ferdinand Schmalz in der Sparte 4 gibt Antworten.

Ein intensiver Sonntagabend in der Sparte 4, mit enormer Dynamik: Ob nun in der Sprache, die zwischen feiner Wortdrechselei und grobem Scherz changiert; in der Stimmung  zwischen Melancholie und Witz, stillen Momenten und garstigem, lautem Schrecken; oder im Rhythmus des Geschehens – von hingedöster Lethargie bis zur grellen Gefühlsexplosion.

Sein Stück „Dosenfleisch“ hat der Grazer Autor Ferdinand Schmalz (der Name passt vortrefflich zum Werk) sozusagen bis unter den Konservenrand vollgepackt – und kompakt ist das Ganze auch: Gerade mal eine Stunde läuft das Stück, das 2016 zu den Mülheimer Theatertagen geladen war, in der Saarbrücker Inszenierung von Niklas Ritter. In einer nächtlichen Autobahnraststätte befinden wir uns, in einer stilisierten Kulisse (von Karoline Bierner) mit einer Theke aus einem strahlenden „M“ und einem leuchtenden Vollmond, der bei aller Schönheit dann doch bedrohlich nah und groß wirkt.

Noch bedrohlicher allerdings ist der Autobahnabschnitt, in dem die Raststätte liegt – eine Todeszone, in der sich die Unfälle, Trümmer und Opfer häufen. Vier Menschen hat es hierher verschlagen: Ein Fernfahrer (Johannes Frick) kommt wegen eines Unfalls nicht weiter, ein Versicherungsmann (Michael Wischniowski) ist aus „privatem Interesse“ da, wie er sagt; die Frau Jayne (Laura Trapp) scheint ziellos herumzuhängen – und Beate (Christiane Motter) ist sowieso immer da: Sie führt den Rastplatz, bizarrerweise am Ort ihres Kinderzimmers – durch das Haus ihrer Kindheit hatte sich einst die neue Autobahntrasse gefressen. Freie Fahrt für freie Bürger eben. Entsprechend verbittert ist die Frau, von Motter mit sturer, versteinerter Präsenz ausgestattet. Ein schöner Kontrast zu Trapp, die ebenfalls eine Angeschlagene spielt, die aber noch nicht so verhärtet ist wie Beate.

Die Vier warten auf etwas. Wenn nicht auf Godot, dann doch auf irgend etwas, das passiert; eine Veränderung, einen Ausweg aus dieser lethargischen Malaise – oder einfach auf den großen Zusammenbruch von allem, hat sich die Welt doch doll gedreht. Zum Beispiel durch den ungebremsten Kapitalismus, den der Fernfahrer in einem einführenden, atemlosen und sprachmächtigen  Monolog (mit Musik) beschwört. Oder durch den Klimakollaps, der mit dem Kapitalismus einhergeht und uns vielleicht vom Antlitz der Erde wegbrennen wird. Zumindest unser Betonfetisch Autobahn wird das wohl überstehen.

Das Gute am Stück und an der flotten, dynamischen Inszenierung: Diese Interpretationen werden angeboten, aber nicht humorlos als letzte Wahrheit herabgepredigt – zumal die ökologisch-ökonomische Alternative, die die beiden Frauen ausrufen, naiv/plakativ wirkt und außerdem gar nicht zu dem passt, was die beiden dann später tun. (Mehr verraten sollte man nicht). So bleibt es in gewisser Weise spielerisch, und gegen Ende biegt das Stück noch in Richtung Thriller ab, denn das Damenduo ist nicht ganz das, was es zu sein vorgibt (so wie der Autor Schmalz eigentlich auch nicht Schmalz heißt, sondern Schweiger). Dann wird klar, was es mit der Unfallserie auf sich hat und mit der Idee, auf der Autobahn Fahrradstreifen (!) hinzutünchen.

Zum Wrack wird der Versicherungsmann Rolf, der an der Raststätte auf Unfälle wartet – weder aus Voyeurismus noch beruflichem Interesse. Er fühlt mittlerweile so wenig, dass ihn selbst eine Gabel im Arm nicht mehr juckt. Nur noch Unfälle, Verletzungen, die Verwundbarkeit des menschlichen Körpers – wir sind im Grunde Fleischkonserven – erreichen ihn noch. Zumindest glaubt er das, bis er die beiden Frauen näher kennenlernt. Wischniowski macht diesen Kollaps schmerzhaft spürbar, vom distanzierten „Teppichbodenmenschen“ (wie er seine Kollegen nennt, zu denen er vergeblicherweise nicht gehören will) im steingrauen Anzug hin bis zum Häufchen Elend. Am Ende schrauben sich Text, Gesang (von Darsteller und Musiker Frick), Schreie und die Projektion eines glühenden Erdballs zu einer orgiastischen Explosion hoch. Sieht man die Tankstelle als Symbol der Welt, hat es uns nun alle von der Erde hinweggefegt. Vielleicht haben wir es ja nicht besser verdient.

Termine (jeweils 20 Uhr): Dienstag; 22. Mai, 6., 8., 14. und 25. Juni. Karten und Info:
www.staatstheater.saarland/sparte4

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