„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ im Kino

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ in der Camera Zwo : Wind in den Dünen, Liebe im Herzen

Kinobilder wie alte Gemälde, eine große Liebesgeschichte und exzellente Darstellerinnen: Der eigenwillige Film „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ startet jetzt in Saarbrücken.

Lange bleibt das Gesicht von Heloise (Adele Haenel) verborgen. Sie verweigert es dem Porträtmaler – und sie verweigert es dem für sie auserkorenen Ehemann, der in Mailand auf ein Bild seiner zukünftigen Frau wartet. Die Leinwand, die der Maler hinterlässt, zeigt den feinen Pinselstrich, der das grüne Kleid vom Saum bis zum Dekolleté bis ins kleinste Detail abbildet, Heloises Gesicht aber als eine grob verwischte Leere zurücklässt. Nun soll Marianne (Noemie Merlant) das Porträt für den unbekannten Ehemann malen. Als Dienstmädchen getarnt, reist die Malerin auf die abgelegene Insel in der Bretagne. Zwar wird sie Heloises Gesicht sehen, aber nur als traurige Maske, die kein Lächeln, keine Bewegung der markanten Augenbrauen und keinen Teil der Persönlichkeit preisgibt, die sich dahinter verbirgt. Marianne findet nur die gleiche Leerstelle, die bereits der Maler vor ihr sah.

Celine Sciammas Film „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ erzählt von diesen Leerstellen, die ein Bestandteil des Lebens einer Frau im 18. Jahrhunderts waren, und von der Liebe zwischen zwei Frauen. Eingeschlossen von den Konventionen der Zeit, wandelt sich Mariannes professioneller Blick auf Heloise zu einem begehrenden. Eben die patriarchalen Konventionen, die es Marianne verbieten, als weibliche Künstlerin einen Mann zu malen, ermöglichen die ungestörte Intimität. Die Frauen eignen sich das Verbot an, um ein Refugium zu finden.

Sciamma stattet das Refugium nicht mit der Opulenz des Historienfilms aus. Sie gibt den wenigen Räumen des Anwesens ein karges Antlitz. Eine Holztafel, ein Holzbett und ein Kamin bilden das Dekor, das ausschließlich von den beiden Frauen und der Haushaltshilfe Sophie (Luana Bajrami) bewohnt und belebt wird. Heloises Mutter (Valeria Golino) bleibt im Hintergrund oder ist abwesend. Es ist die Entbehrung, die die Bilder des Films dominiert. In ihr liegt die Schönheit der Tableaus begründet, die Sciamma auf die Leinwand bringt. Der Reichtum, den das Haus nicht hergeben will, findet sich in den Gesichtern. Die Augen beider Frauen, die das Lächeln der anderen herbeisehnen, aber doch lange verweigert bekommen, leuchten vor Verlangen.

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ erzählt von einer Liebe, die unaufhaltsam und zugleich unerreichbar ist. Bevor sich die Frauen einander offenbaren, sind es das Knistern aus dem Kamin und der Wind, der am Dünengras zerrt, die die Spannung erzeugen, die Marianne in ihr Porträt zu legen versucht. Ihr bleiben nur wenige Tage, um das Bild zu malen. Ein Zeitraum, der die Lebensdauer ihrer Liebe gnadenlos absteckt.

Die Dynamik, die sich aus dem unausweichlichen Ende der Beziehung ergibt, spiegelt der Film im Orpheus-Mythos, den die zwei Frauen in Hinblick auf ihr Schicksal neu auslegen. Der Dichter, der in den Hades hinabstieg, um seine Geliebte Eurydike wieder ins Leben zu führen, verliert sie, als er sich, gegen die Warnung von Hades und Persephone, nach ihr umdreht. Ein Motiv, das Sciamma mit einer meisterhaften Präzision in alle Ebenen des Films hineinträgt.

Mehr noch als die historischen Gegebenheiten spielt „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ mit der Frage, wer sich wessen Abbild aneignet. Die zunächst eindeutige Situation, in der die Malerin über die Porträtierte bestimmt, erzählt Sciamma per Perspektivwechsel. Die Regisseurin braucht dazu keine komplexe Kamerabewegung, keine Filmmusik und keine poetische Drehbuchzeile. Heloise zeigt Marianne die Perspektive der Porträtierten. Es ist ein Bruch im klassischen Verhältnis zwischen Modell und Künstlerin, den Sciamma bereits in der Anfangssequenz andeutet. Hier ist es Marianne selbst, die Modell sitzt und aus dieser Position heraus ihren Schülerinnen Anweisungen gibt. Das Porträt ihrer Geliebten hängt dabei im Hintergrund – als Erinnerung an die Liebe, gezwängt in einen kleinen Bilderrahmen.

Große Liebe auf Zeit: die scheinbar unnahbare Héloise (Adèle Haenel, links) und die Malerin Marianne (Noémie Merlant). Foto: Alamode Film

Der Film läuft ab Donnerstag in der Camera Zwo in Saarbrücken.

Mehr von Saarbrücker Zeitung