Perspectives: Zirkus-Künstler Andrea Salustri in Saarbrücker Feuerwache.

Festival Perspectives : Wenn Styroporkugeln im Wind tanzen

Neues Perspectives-Format für den zirzensischen Nachwuchs: Andrea Salustri experimentierte in der Feuerwache.

Neuer Zirkus, „nouveau cirque“, lebt davon, dass Artisten einen unstillbaren Drang haben, immer neu artistische Darbietungsformen zu finden und mit ungewöhnlichen, bisher noch nie genutzten Materialien zu tüfteln. Überdurchschnittlich neu-gierig im besten Sinne des Wortes scheint aber auch das Saarbrücker Perspectives-Publikum zu sein. Bis auf den allerletzten Platz füllte es nach einem langen Wochenende selbst am Montagabend noch die Alte Feuerwache, um eine Zirkusvorstellung zu sehen, die noch gar nicht fertig ist.

 „Work in Progress“, nennt sich das neue Angebot von Festivalchefin Sylvie Hamard, das einem jungen, aufstrebenden Zirkuskünstler eine Bühne bietet, um in rund einer halben Stunde einen Ausschnitt aus noch nicht ganz fertigen Nummern  zu zeigen. Um es vorwegzunehmen: Pannen gab es bei Andrea Salustri, der vom Zirkuskunst-Förderprogramm „Circus Next“ der Europäischen Union ausgezeichnet wurde, aber nicht.

Dem in Berlin lebenden Italiener hat es das Material Styropor und die Erkundung seiner Möglichkeiten angetan. Mit faszinierenden Ergebnissen. So lässt er auf horizontalen Ventilatoren Styroporkugeln umeinander tanzen wie Planeten. Zwischen zwei Ventilatoren wiederum tariert er eine hauchdünne Styroporplatte so aus, dass sie zu laufen anfängt wie ein Mensch. Zwei Jahre, erzählt er im anschließenden Gespräch mit dem Publikum, hat er mit dem weißen Kunststoff bereits  experimentiert. Dass Salustri wie ein Objektheater-Spieler stets im Hintergrund bleibt, ist kein Zufall. Im klassischen Zirkus liege die Aufmerksamkeit stets auf dem Jongleur (der er von Hause auch ist) und seiner Jonglage, er aber wolle den Fokus verschieben auf die Objekte. Was Salustri auch vorzüglich gelingt, denn bei ihm entwickeln sie ein fast magisches Eigenleben. Wenn er Styroporkügelchen aus einer Schüssel in die Luft schleudert, ruft das Publikum unisono „Oaaah!“. Man weiß genau, es ist weder ein Schneesturm noch ein loderndes Feuer, doch kann man sich der Wirkung des Noch-nie-so-Gesehenen nicht entziehen.

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