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Oli P. in St. Wendel: Endlich wieder Flugzeuge im Bauch

Oli P. in St. Wendel : Endlich wieder Flugzeuge im Bauch

Der Nostalgie der 90er Jahre kann sich niemand entziehen. Zumindest nicht unsere Autorin, als sie auf Oli P. trifft – einen Star ihrer Kindheit.

Das Flash ist nicht mehr das, was es mal war. Wo zu Anfang des Jahrtausends im düsterem Ambiente dichte Tabakschwaden über die Tanzfläche zogen und der Boden bedeckt war mit Glasscherben und Zigarettenkippen, ist heutzutage ein gewisser Chic eingekehrt. Edle Tapeten hängen an den Wänden, geraucht werden darf natürlich nur noch draußen und seitdem man Glaspfand erhebt, geht auch viel weniger zu Bruch. Alles ist ein bisschen heller, „stylisher“, und die Weihnachtsdeko – weiße Eiskristalle und Girlanden – hätte es so früher auch nicht gegeben. Das hätte auch nicht zum Publikum gepasst. Damals wurde jeden Freitag Metal gespielt, „Hard `n‘ Heavy“ nannte sich diese Partyreihe. An diesem Samstag dagegen steht im Mainfloor „90er Party“ auf dem Programm.

90er Partys liegen seit Jahren im Trend: Eurodance, Techno à la „Hyper Hyper“ und die Backstreet Boys sind ein Garant für volle Tanzflächen. So auch um Mitternacht, als ich zum ersten Mal seit Jahren den Ort betrete, an dem ich praktisch meine gesamte Jugend verbracht habe. Allerdings dieses Mal nüchtern, denn das Flash hat als Live-Act Oli P. verpflichtet, der wie kaum ein anderer Künstler die 90er Jahre verkörpert. Oliver Petszokat, wie der Berliner eigentlich heißt, eroberte ab 1998 die Herzen aller weiblichen Teenager mit der Rolle des liebenswerten Chaoten „Ricky Marquart“ in der RTL-Soap „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“. Die so gewonnene Popularität gab die Starthilfe für seine anschließende Gesangskarriere. Die Spezialität des heute 41-Jährigen waren Cover-Versionen so bekannter Deutsch-Hits wie „Flugzeuge im Bauch“ oder Peter Maffays „So bist Du“. Es folgten Auftritte als Moderator, aktuell ist er mit einem Schlager-Album wieder in den Charts. Von seinen Erfolgen in den 90ern zehrt er aber offensichtlich bis heute.

Eine halbe Stunde vor seinem Auftritt treffe ich ihn im Backstage-Bereich – und bin zunächst sprachlos: Oli P., der Star meiner Kindheit, ist viel kleiner, als ich erwartet habe, und hat offensichtlich keinerlei Berührungsängste. Das 13-jährige Mädchen in mir erstarrt, als er mir die Hand reicht und dasselbe bubenhafte Lächeln aufblitzen lässt, das ihn als Soap-Star berühmt gemacht hat. Auch heute noch ist sein Terminkalender randvoll. Radio- und Fernsehsendungen als Moderator, ein Podcast, der im Februar kommen soll, ein Buchprojekt, über das er noch nichts verraten will und dann natürlich seine Auftritte als Sänger, bis zu 250 im Jahr. „Sonst hänge ich nur ab und mache nichts“, witzelt er. Ans Aufhören denke er noch lange nicht.

Während unseres Gesprächs spielt der DJ ein rockiges Set: The Offspring mit „Self Esteem“, Nirvanas „Smells like Teen Spirit“. Grunge , Generation X und Dexter Holland, der „Ich bin nur ein Trottel ohne Selbstwertgefühl“ singt – auch das waren die 90er. Der Hype um diese Zeit wundert ihn nicht: „Die 90er sind einfach sehr gut!“ Es sei ein prägendes Jahrzehnt gewesen mit der Wiedervereinigung Deutschlands, alles bunt, neu, intensiv. Wer damals jung war, verbindet mit der Musik den ersten Kuss, das erste Mal, aber auch viele Nachgeborene feiern dazu gerne.

So auch drei Mädels, die ein „Meet and Greet“ mit dem Berliner gewonnen haben: 23, 21 und 18 Jahre alt. Ich kann mir die Frage nicht verkneifen: Kannten sie Oli P. vorher überhaupt? „Natürlich!“ antworten sie pikiert. Mit „Flugzeuge im Bauch“ war Oli P. 1998 23 Wochen lang auf Platz eins der Singlecharts mit über 1,5 Millionen verkauften Tonträgern. Dreifach-Platin gab es dafür, bis heute ist es der am meisten verkaufte Song in deutscher Sprache – garantiert ein Rekord für die Ewigkeit, schließlich kauft heute niemand mehr Musik.

Entspannt plaudert er mit den Mädchen, es gibt Autogrammkarten für alle und Selfies, dann muss er los. Und natürlich: Der erste Hit, den er performt, ist „Flugzeuge im Bauch“. Die Menge tobt, alle singen mit. Was danach folgt, ist eingedenk des Themas „90er“ eine kleine Mogelpackung, denn neben „Narcotic“ und „Angel“ von Robbie Williams gibt Oli P. auch „Johnny Däpp“ zum Besten, einen Ballermann-Hit von 2016. Mit „Girl you know it‘s true“ macht er dann noch einen Ausflug in die 80er, doch – das passt, Milli Vanilli konnten ja bekanntermaßen auch nicht wirklich singen.

Aber das stört nicht: Was Petszokat an gesanglichen Talent fehlt, macht er mit Enthusiasmus wett. Ohne eine Textzeile zu verhaspeln schießt er Selfies mit dem Publikum, badet in der Menge, tauscht mit einem Gast das Basecap, was frenetisch bejubelt wird. „Rampensau!“ höre ich jemanden neben mir rufen, und ja, das kommt hin.

Was ich erwartet hatte, war ein Deutschpop-Sternchen, das 20 Jahre nach seinen größten Erfolgen gezwungen ist, durch saarländische Discos zu tingeln. Was ich zu sehen bekomme, ist ein grundsympatischer nostalgischer Spaß, der meinen Zynismus dahinschmelzen lässt. „Gib mir mein, gib mir mein Herz zurück!“ gröhle ich mit, als er seinen Hit ein zweites Mal spielt.

Die 90er endeten aber am 11. September 2001. Die kurze Verschnaufpause zwischen dem Ende des Kalten Krieges und dem Beginn dessen, was der Philosoph Samuel Huntington den „Kampf der Kulturen“ nannte, war damit vorbei. Es folgte: Afghanistan-Feldzug, globale Massenproteste gegen den Irak-Krieg, Hartz IV, Flüchtlingskrise, Angst vor der AfD und, ganz aktuell, der Klimawandel. Aber an diesem Abend ist das alles weit weg, wenigstens kurz. Es stimmt wohl tatsächlich: „Die 90er sind einfach sehr gut!“