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Noch drei Eastwood-Filme sind im Achteinhalb zu sehen.

Interview mit der Amerikanistin Bärbel Schlimbach über Clint Eastwood : Der Antiheld und seine dunklen Seiten

Die Saarbrücker Amerikanistin Bärbel Schlimbach über Clint Eastwood, dessen Retrospektive im Kino Achteinhalb sie kommentiert. An diesem Mittwoch läuft „Dirty Harry“.

Das Kino Achteinhalb zeigt eine Retrospektive zu Clint Eastwood. Noch drei Filme sind zu sehen, jeweils ab 19 Uhr: am Mittwoch, 26. Juni, „Dirty Harry“, am 1. Juli „In the line of fire“, am 8. Juli „Million Dollar Baby“. Zu den Filmen gibt die Amerikanistin Bärbel Schlimbach von der Saar-Uni jeweils eine Einführung. Wir haben mit ihr über Eastwood gesprochen.

Zu Clint Eastwoods 90. Geburtstag fiel oft die Bezeichnung „amerikanische Ikone“. Würden Sie das auch so sehen – Eastwood als Symbol für Amerika mit seinen Mythen und auch seiner gewalttätigen Geschichte und seinen Widersprüchen. Sozusagen: Eastwood verstehen, heißt Amerika verstehen?

Die Amerikanistin Bärbel Schlimbach gibt zu jedem Eastwood-Film im Achteinhalb eine Einleitung. Foto: Uni Saarbrücken

SCHLIMBACH Eastwoods Status als „amerikanische Ikone“ zeigt sich daran, dass viele Menschen, die keinen Eastwood-Film gesehen haben, den Namen kennen beziehungsweise in der Lage sind, ikonisch gewordene Fotos zu erkennen. Ob Eastwood verstehen, dabei hilft die USA. zu verstehen, kann ich nicht allgemein beantworten, neben dem langfristig konstanten Erfolg an der Kinokasse und vielen positiven Reaktionen der Kritik, hat das breite Spektrum seiner Werke sicher zum Erfolg beigetragen. Eastwoods Werk beinhaltet Filme aus den unterschiedlichsten Genres von Western über Actionfilm bis hin zu einigen romantischen Filmen, in denen häufig „typisch amerikanische“ Mythen und Charaktere aufgenommen und neu interpretiert werden. Seine Ursprünge in Western, ein Genre das, inklusive aller damit verbundenen Problematik, die Geschichte der USA aus Sicht weißer Siedler schildert, trug sicher zum Status von Eastwood bei, ebenso wie seine (Anti-)Heldenfiguren. Er verkörpert relativ häufig einen Außenseiter, der gegen Widerstände Erfolg hat, wobei die Figuren oft gebrochen sind und durchaus nicht den strahlenden amerikanischen Erfolgstraum verkörpern, was aber auch Spannungen in der amerikanischen Gesellschaft widerspiegelt. Darüber hinaus hat Eastwood ein gutes Gespür für aktuelle Entwicklungen und schafft es durch die Auswahl seiner Drehbücher aktuelle Themen und persönliche Geschichten aufzugreifen, zum Beispiel „Sully,“ eine leicht fiktionalisierte Geschichte der Notlandung eines Airbus im Hudson. Natürlich spielt auch die anhaltende Dauer seines Schaffens eine Rolle: Eastwood ist seit den 1960er Jahre als Schauspieler und seit den 1970er Jahren zusätzlich als Regisseur und Produzent aktiv, teilweise mit mehreren Filmen pro Jahr. Eastwood hat dabei viele Themen aufgegriffen, die in den USA aktuell sind oder eine besondere gesellschaftliche Relevanz haben, vom Attentat auf JFK („In the Line of Fire“) über Diskussionen bezüglich Diversität in der amerikanischen Gesellschaft und Rassismus („Gran Torino“) bis zum Amerikanischen Traum und seinen negativen Schattenseiten („Erbarmungslos“ oder „Perfect World“). Die vielfältige Anerkennung, die er vor allem in den 1990er und 2000er Jahren in Form von zahlreichen Auszeichnungen erhalten hat, steigerte das Interesse an Eastwood und trug weiter zu seinem Kultstatus bei.

Sie beschäftigen sich auch mit der Darstellung von Amerikas Westen in Literatur und Film. Hast sich die bei Eastwood über die Jahre verändert? Oder war der „Wilde Westen“ bei ihm immer schon ein Ort der Gewalt wie in „Erbarmungslos“?

SCHLIMBACH Genau, mein Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit neueren Produktionen aus dem Western-Genre und beleuchtet, was vom traditionellen Genre beibehalten wird und welche Veränderungen möglich sind. Dies lässt sich auch in Eastwoods Filmen finden. Seine Karriere begann als Schauspieler in der Westernfernsehserie „Rawhide“, einer klassischen Westernproduktion, und setzte sich mit den sogenannten Italowestern fort, die einige Innovationen innerhalb des Genres einführten. Auch aus transatlantischer Sicht sind Italowestern interessant, weil hier keine eindimensionale Beziehung besteht, sondern eine wechselseitige Fruchtbarmachung von Motiven, Geschichten und Genres erfolgt. Es wird also nicht einseitig in Hollywood produziert und über die USA hinaus vermarktet, sprich in Europa konsumiert, sondern europäische Akteure produzieren in den 1960er und 1970er Jahren, zusammen mit einigen amerikanischen Schauspieler*innen/Regiseur*innen, ihre eigene Version des Western, die in einigen Aspekte bereits auf Entwicklungen im amerikanischen Western seit den 1990er Jahren hinweist. In den Italowestern findet sich einerseits eine für die damalige Zeit neue Gewaltdarstellung, die andererseits mit Humor kombiniert wurde. Western beinhalten Gewalt und erzählen häufig die Geschichte der westlichen Ausbreitung der USA im 19. Jahrhundert wobei die weiße Siedler-Perspektive eingenommen wird und zum Beispiel das gewaltsame immer weitere Zurückdrängen und die Vernichtung der amerikanischen indigenen Bevölkerungen bestenfalls unkritisch gesehen werden, in den allermeisten Fällen aber glorifiziert wird. Neben dem „Wilden Westen“ des 19 Jahrhunderts sind viele von Eastwoods Filme im heutigen amerikanischen Westen angesiedelt, insbesondere Kalifornien ist öfter vertreten. Der Westen ist dabei oft ein Sehnsuchtsort, der die Phantasie vieler Menschen, innerhalb wie außerhalb der USA, beflügelt. Die Gewalt, die der westlichen Expansion der USA zu Grunde liegt, wird dabei in den Filmen häufig als Subtext miterzählt.

„Dirty Harry“, in dem es auch um Polizeigewalt geht, ist seit langem umstritten und kann gerade jetzt wieder kontrovers diskutiert werden – wie ist Ihre Sicht auf den Film? Ist er eine reaktionäre Wutbürger-Phantasie oder doch etwas anderes?

SCHLIMBACH „Dirty Harry“ war von Beginn an umstritten und gehört sicher zu den reaktionären Filmen in Eastwoods Werk, wobei einige Aspekte dennoch als stilbildend und einflussreich für Thriller und Polizeifilme seit den 1970er Jahren gelten können. Für mich ist die Filmreihe vor allem für kulturwissenschaftliche Analysen interessant, einige Aspekte von „Dirty Harry“ bleiben problematisch, auch aus feministischer Sicht. Filme sind, wie andere kulturelle Produkte, einerseits beeinflusst von ihrer Entstehungszeit und dem gesellschaftlichen Kontext, andererseits beeinflussen Darstellungen in Medien wiederum die Sicht des Publikums. „Dirty Harry“ greift zum einen den maskulinen Einzelkämpfer auf, den wir in US-amerikanischen Produktionen häufig finden, wobei sein Kampf gegen Ungerechtigkeit nicht auf das Aufspüren eines Serienkillers beschränkt bleibt, sondern auch gegen seine Vorgesetzen und Teile des Polizei- und Justizsystems gerichtet ist. So sehe ich zum Beispiel die Kritik an der Möglichkeit, finanzielle Mittel zum Missbrauch des Justizsystems zu nutzen, durchaus gesellschaftskritisch, was das Ende des Films – Selbstjustiz eines Polizisten – nicht aufwiegt. Mit seiner Darstellung von Gewalt, insbesondere Waffengewalt, hat „Dirty Harry“ sicher ein bestehendes gesellschaftliches Problem dargestellt, vielleicht in Teilen aber auch dazu beigetragen. In der gegenwärtigen Situation der Black Lives Matter Bewegung und der Problematik von institutionellem Rassismus nicht nur innerhalb des amerikanischen Polizei- und Justizsystems, lässt sich leider konstatieren, dass sich hier seit den 1970er Jahren wenig verändert hat.

Sie forschen auch in Genderstudies – wie sehen Sie da die Karriere Eastwoods? Ein Film etwa wie sein „Im Auftrag des Drachen“ kann man durchaus homophob nennen und ein Loblied auf machohafte Bierdosen-Männlichkeit. Haben sich seine Filme da über die Jahre und Jahrzehnte verändert?

SCHLIMBACH Parallel zu den eben für „Dirty Harry“ angesprochenen Aspekten, sind einige Darstellungen von Geschlechterrollen in Eastwoods Filmen problematisch,  „Im Auftrag des Drachen“ kann dabei als Negativbeispiel dienen. Natürlich haben sich Darstellungen im Laufe der Jahre verändert, allerdings sehe ich keine kontinuierliche Entwicklung. Masculinity Studies, also die wissenschaftliche Beschäftigung mit Darstellungen von Männlichkeiten in (populär-)kulturellen Produkten wie Filmen, finden bei Eastwoods Werken interessantes und vielfältiges Analysematerial, denken Sie etwa an die Darstellung des gebrochenen, alternden Auftragskillers in „Unforgiven,“ der schon zu Beginn des Films mit den typischen Darstellungen von Westernhelden bricht. In Bezug auf LGBTQ* Repräsentationen lässt sich wenig Positives in den Filmen entdecken, wobei es teilweise ein völliges Fehlen entsprechender Repräsentationen ist. Weibliche Rollen in Eastwood-Filmen sind durchaus nicht immer klischeehaft oder verfestigen traditionelle Rollenbilder, so gibt es viele starke unabhängige Frauen („Der fremde Sohn“ oder „Million Dollar Baby“), was heute leider immer noch keine Selbstverständlichkeit ist. Von einigen Kritikerinnen und Kritikern wird hier negativ gesehen, dass der Auslöser der Stärke häufig auf einem Ausgangspunkt der Frau als Opfer beruht, aus der sich dann die Stärke entwickelt. In einigen Eastwood-Filmen, insbesondere in Filmen seit den 1990er Jahren, werden Vater-Tochter-Beziehungen dargestellt, die beide ebenbürtig zeigen.

Was ist ihr liebster Eastwood-Film – und mit welchem konnten Sie am wenigsten anfangen?

SCHLIMBACH Neben meiner wissenschaftlichen Beschäftigung, bei der ja auch problematische Aspekte zu interessanten Analysen führen können, mag ich sehr viele von Eastwoods Filmen. In der Filmreihe im Kino Achteinhalb sind drei Filme vertreten, die ich in einer Liste mit Lieblingsfilmen inkludieren würde, „Zwei glorreiche Halunken“, „In the Line of Fire“ und „Million Dollar Baby“, ich schätze auch viele seiner Regie-Arbeiten, in denen er nicht selbst zu sehen ist, zum Beispiel „Mystic River“. „Die Brücken am Fluss“ ist ein gelungener Liebesfilm trotz oder gerade wegen des fehlenden Happy Ends und „Space Cowboys“ beweist einerseits Humor, befasst sich andererseits mit alternden Helden, auch wenn der Film nicht ohne Klischees auskommt. Ich mag auch Filme wie „True Blood“ oder „Absolute Power“, die sicher cineastisch nicht innovativ sind, aber spannende Unterhaltung bieten. Eastwoods Karriere hatte Höhen und Durststrecken, er scheint immer unbeirrt weitergearbeitet zu haben und war bisher immer in der Lage in regelmäßigen Abständen zu überraschen. In diesem Sinn bin ich gespannt, was der neue Eastwood Film, „Der Fall Richard Jewell“, der in Kürze startet, zu bieten hat.