1. Saarland
  2. Saar-Kultur

Neues Hip-Hop-Album von Drehmoment "Die Insel" erscheint am Freitag

Saarländischer Rapper : Neues Album von Drehmoment aus Saarlouis erscheint am Freitag

„Insel“ heißt das neue Album des saarländischen Rappers Drehmoment – mit zwölf ambitionierten Songs über Persönliches und auch Politisches.

Schlechte Zeiten für Instrumentalmusiker! Das ist einer der Gedanken, der einem beim Anhören des neuen Albums des saarländischen Rappers Drehmoment kommt. Denn die moderne Studiotechnik hat sich offenbar noch mal derart verfeinert, dass sich nicht nur Klavier und Schlagzeug „echt“ anhören, sondern auch Flöten, Streicher, Hörner und Trompeten. Orchestrale Klänge werden häufiger eingesetzt auf dem Album namens „Insel“, das somit viel natürlich klingender daherkommt als die heutigen üblichen Hiphop-Produktionen.

Hinter dem Pseudonym Drehmoment verbirgt sich der Saarlouiser Markus Trennheuser. Er bezeichnet sich als „Rapper der zweiten Generation“, also als direkter Nachfolger von Musikern wie Torch oder Toni-L, die schon Ende der Achtziger den neuen Sound aus den USA auf Deutsch übersetzten. Jetzt sei man schon bei der vierten oder fünften Generation angekommen, sagt Drehmoment. Seine Musik hat wenig mit aktuellem Hip-Hop zu tun. So hat der 36-Jährige seine Stimme nicht mit dem scheinbar unvermeidlichen Autotune-Effekt bearbeitet. Auf dem Album ist Hip-Hop der alten Schule zu hören, anders ausgedrückt: erwachsener Rap. „Ich versuche, Songs zu machen, die nicht zu traurig sind, aber auch nicht Partystimmung haben. Irgendwo dazwischen. Das sind die Songs, die ich selbst am liebsten höre, solche mit hoffnungsvoller Melancholie.“

Die zwölf ersten Songs des Albums (weitere 18 folgen noch) sind in den vergangenen fünf Jahren entstanden. In jenem Zeitraum machte Trennheuser sich selbständig mit einer Medienagentur und gründete eine Familie mit zwei Kindern. Es hat sich trotzdem noch mehr Material in dieser Phase angesammelt, sodass der Rapper allein in diesem Jahr noch drei (!) Alben herausbringen will. Aufgenommen wurden die Songs im stillen Kämmerlein, bestehend aus selbstgebauter Gesangskabine, Tastatur, Computer und leistungsstarker Musiksoftware.

Ein politisches Album sei „Die Insel“ und somit wohl zum Misserfolg verdammt, prophezeit Drehmoment. Aber so ganz teilen mag man seine Auffassung hier nicht. Erstens ist auch viel Persönliches enthalten, Texte über zerplatzte Wünsche etwa, innere Zerrissenheit und das Hadern mit sich selbst. Da stellt sich die Frage, weshalb so ein reifes Rap-Album nicht sein Publikum finden sollte. Zumal es voller gelungener Metaphern und eingängiger Refrains steckt. Mit sanften Pianoklängen und Wellenrauschen beginnt der erste Song auf „Insel“, gleichzeitig der Titelsong. Er beschreibt das Gefühl der Vereinsamung im Erwachsenenleben, den Abschied von der jugendlichen Zusammengehörigkeit. „Jeder muss sehen wo er bleibt / Das Leben ist eben Einzelsport“ heißt es da, oder: „So viele Nummern / doch den Anschluss verloren.“ Auch im vielleicht stärksten Song des Albums, „Irgendwo dazwischen“, geht es um die persönliche Befindlichkeit, in diesem Fall um die eigene Zerrissenheit. „Irgendwo dazwischen ist ein Riss, der mich zweifeln lässt / Mein Herz hat sich freigesetzt / Der Kopf dagegen beißt sich fest“ singt Trennheuser mit einer Ohrwurm-Melodie, während die sanft einsetzenden Hörner Gänsehaut verursachen.

Das Politische blitzt überall mal auf, vor allem im geradezu prophetischen Track „Reset“. „Der Virus ist so weit verbreitet / Wir haben die Sintflut eingeleitet / Jetzt heißt es schwimmen oder wir schwimmen weg / Es wird wohl Zeit für einen Reset.“ Der Song sei vor drei, vier Jahren entstanden, erklärt Trennheuser. „Alle sprechen gerade von dem einen Virus, aber es gibt noch viele andere Viren, die man nicht vergessen sollte“, meint er. Es gehe um Manipulation, um die Versuche, die öffentliche Meinung zu steuern unter dem Deckmantel der Demokratie. Vor allem hat Drehmoment, der sich als linksliberal einschätzt, die USA dabei auf dem Kieker. Nie seien „mehr Whistleblower im Knast“ gewesen als jetzt, rappt er, oder: „In Deutschland dürfen Kriegsverbrecher Wahlkampf machen“ – gemeint ist überraschenderweise Barack Obama. „Das ist keine Verschwörungstheorie, er ist nachweislich der Präsident, der die meisten völkerrechtswidrigen Drohnenkriege geführt hat.“ Der Rapper besitzt also klare Standpunkte.

Bei der durch den aktuellen Virus bedingten Krise ist Trennheuser wichtig, dass auch die Veranstalter unterstützt werden. Das sei ihm als zweiter Vorsitzender des saarländischen Poprates wichtig: „Ohne Bühne keine Künstler.“ Mit seinem Album lässt er tief in seine Seele schauen, produziert dazu eingehende Lyrik ohne Klischees und legt diese in ein wohl ausgeformtes Klangbett. Vielleicht wird sie ja doch ein Erfolg, diese Insel.