Neues Buch „Filmrausch - Das Kinowunder im Saarland“

Neues Buch „Filmrausch“ : Hochgerappelt in Ruinen – das Kinowunder an der Saar

Eine unglaubliche Zahl: Es gab einmal 206 Filmtheater im Saarland. Von diesem Kinoboom erzählt das neue, grandios illustrierte Buch „Filmrausch“ – und schlägt auch einen Bogen in die Gegenwart.

1945 kam man nur durch die Hintertür ins Kino – zumindest im Saarbrücker Johannishof in der Mainzer Straße 30.  Denn durch die Straße ratterte eine raumfüllende „Trümmerbahn“, die den Schutt der zerstörten Häuser tonnenweise abtransportierte. Draußen Schutt und Asche, drinnen ein wenig Ablenkung vom Alltag – mit „Le premier bal“, im französischen Original mit deutschen Untertiteln. Am 16. Oktober 1945 war das, der erste Kino-Abend in Saarbrücken nach dem Krieg. Ein Journalist mit dem Kürzel „J.H.“ schrieb darüber in der Saarbrücker Zeitung – es war der spätere saarländische Ministerpräsident Johannes Hoffmann, der in dieser Funktion einigen Einfluss auf die Kinolandschaft an der Saar nahm.

Mit diesem Oktoberabend beginnt der historische Teil des Buchs „Filmrausch – Das Kinowunder im Saarland“, das am Freitag erscheint: eine prachtvolle Verbindung von Text und Bild (225 historische Fotos), von Kinoliebe, Nostalgie und einem genauen Blick auf die Hintergründe. Die beleuchtet der Historiker Paul Burgard vom Saarländischen Landesarchiv im Text „Kino, Stars und Staat“, wobei er sich auf die Jahre 1945 bis 1960 bezieht, die durchaus als Kinowunder gelten können: Im Saarland wird die Trümmer- auch schnell zur Kinolandschaft. Im Dezember 1945 eröffnet mit der Wartburg das zweite Nachkriegskino in Saarbrücken, im Februar 1946 folgt das Union-Theater in Gersweiler. Dort läuft im April 1946 ein Programm, dass das Kino so bewirbt: „Lager des Grauens! Bilder aus den KZ Buchenwald, Dachau, Belsen, Colditz, Langenstein. Diesen Film muss jeder sehen! – Im zweiten Teil: ‚Polterabend’ mit Camilla Horn und Rudi Golden.“ Vergangenheit und Ablenkung in einem Programm.

Neue Kinos öffnen, auch alte gehen wieder in Betrieb – aber nicht mit ihren alten Besitzern, falls die noch nicht „epuriert“ sind, also von den Franzosen, wie Burgard schreibt, „von einer möglicherweise allzu braunen Vergangenheit“ entlastet werden. Kurios dabei, dass nach dem Ende der rein französischen Filmprogramme ab 1946 unter den nun auch gezeigten deutschen Filmen ausgerechnet einige von Veit Harlan zu sehen sind, berüchtigt für den Hetzfilm „Jud Süß“ und eine Symbolfigur für die Verstrickung der deutschen Film-Industrie in das NS-Regime. „Die goldene Stadt“, „Immensee“ und „Opfergang“ laufen 1946 mit großem Erfolg und ohne jeden Einspruch der französischen Militärzensoren. Erst drei Jahre später steht Harlan wegen „Jud Süß“ vor Gericht, erst dann beginnt die bundesweite Diskussion um Harlan.

Lag die Entscheidung über Zensur an der Saar erst in der Hand einer  Filmprüfstelle unter französischer Führung, sichert sich schnell die neue Landesregierung dieses Instrument. Eines ihrer größten Feindbilder: Zorro, der maskierte Kämpfer für die Unterdrückten, vor dem damals der Innenstaatssekretär Edgar Hector eindringlich warnt. Es soll nach Vorstellungen vorgekommen sein, schreibt er an Landräte und Polizei, dass „Jugendliche sich zusammenrotten und Überfälle auf Erwachsene auszuführen versuchen“.

Noch viel mehr hat Autor Burgard zu erzählen, vom Gerangel zwischen Filmverleihern, von Starbesuchen, Filmflops (etwa von „Der Untertan“ des in Saarbrücken geborenen Regisseurs Wolfgang Staudte) und riesigen Erfolgen – etwa ein Nudistenfilm, der im 1959 eröffneten City-Kino am St. Johanner Markt monatelang läuft, bis die Kopie abgenudelt ist.

Nach Burgards faktenprallem Geschichtsabriss nähert sich ein zweiter Text dem Saar-Kino aus einer sehr persönlichen Perspektive: Der renommierte Saarbrücker Kameramann Klaus Peter Weber erzählt in „Klaus geht ins Kino“, wie einst seine jugendliche Liebe zum Kino erblühte, wie er die in Schwarz gewandeten Platzanweiserinnen im Union Theater (alias UT) anhimmelte, wie er eine Filmvorstellung als nahezu heilige Zeremonie erlebte; ein herrlicher Text, der die Magie eines Kinobesuchs, gerade als junger Mensch, vortrefflich einfängt. Im Text mit dem schönen Titel „Vorführer sterben nicht, sie überblenden nur“ nimmt Weber uns mit in Vorführräume alter Zeiten, die er gut kennt, hat er doch als junger Mann Filmrollen geschleppt und in Projektoren in Kleinwagengröße eingefädelt (was er heute in seinem formidablen Heimkino auch noch tut).

Das große Kinowunder an der Saar – allein im Jahr 1956 werden in den Saarbrücker Kinos 3,3 Millionen Karten verkauft – verblasst langsam, als sich das Fernsehen durchsetzt. 1959 brechen die Besucherzahlen spürbar ein, dennoch werden weiter Kinos eröffnet, so dass der Höchststand im Saarland von 206 (!) Filmtheatern erst erreicht wird, als der große Kinoboom in den letzten Zügen liegt.

Ist das saarländische Kinowunder damit beendet? Nicht, wenn man das Saarbrücker Filmfestival Max Ophüls dazu rechnet, wie es die Journalistin Gabi Hartmann tut (viele Fotos des Buchs stammen von ihrem Vater Paul): Sie blickt im dritten und letzten Teil auf die Historie des Festivals und beschließt das Buch mit kurzen Porträts von Enthusiasten, ohne die die hiesige Kinolandschaft anders aussähe: Ophüls-Festivalgründer Albrecht Stuby etwa, Camera-Zwo-Leiter Michael Krane, Leo Schönhofen, der mit 84 Jahren noch sein Heusweiler Filmtheater betreibt, und Ingrid Kraus vom Kino Achteinhalb.

Illustriert ist der Band überbordend: Alte Plakate, Aushangfotos und Kino-Anzeigen sind schon allein interessant – so wirbt etwa das UT 1955 damit, jedem 5000. Besucher ein Spanferkel zu kredenzen. Faszinierender noch sind die Fotografien. Im ersten Stock des Scala-Filmpalastes (heute Camera Zwo) darf man eine äußerst coole 50er-Jahre-Einrichtung bewundern; der St. Johanner Markt sieht 1959, als das dezent verruchte City-Kino eröffnet, noch höchst renovierungsbedürftig aus; auch ein kurzlebiges Kino auf der Waldbühne des neuen Deutsch-Französischen Gartens gibt es zu sehen. Ein eigenes Bildkapitel widmet sich den Stars von einst an der Saar: Hans Albers lässt die blauen Augen strahlen (wenn auch in Schwarzweiß); Lilo Pulver lugt 1956 aus dem Vorhang des Gloria heraus; Ruth Leuwerik schaut in Dillingen vorbei; und Grethe Weiser gibt im Scala-Kino ihr Schoßhündchen an der Garderobe ab. Eines der berührendsten Fotos stammt von 1949: In der zerbombten Ruine Malstatt steht eine Frau vor einem Plakat zum Kostümfilm „Der Geliebte der Königin“. Es wirkt wie ein Wegweiser in eine andere, bessere Welt.    

Paul Burgard, Gabi Hartmann, Klaus Peter Weber: Filmrausch – Das Kinowunder im Saarland. Geistkirch Verlag, 224 S., 225 Fotos, 34,80 Euro. Das Buch erscheint am Donnerstag. www.geistkirch.de

Hier geht es zur Bilderstrecke: Fotos aus dem neuen Buch „Filmrausch - Das Kinowunder im Saarland“ (Geistkirch Verlag).

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