Neu Im Kino „A Haunting in Venice“: Venedig sehen und sterben

Saarbrücken · Kenneth Branagh zwirbelt wieder seinen Schnurrbart – in „A Haunting in Venice“ spielt er erneut Agatha Christies Meisterdetektiv Hercule Poirot. Ist die Luft beim dritten Mal raus?

 An der Lagune wird es düster: Kenneth Brannagh als Meisterdetektiv Hercule Poirot in „A Haunting in Venice“.

An der Lagune wird es düster: Kenneth Brannagh als Meisterdetektiv Hercule Poirot in „A Haunting in Venice“.

Foto: 20th Century Studios

Nach dem Erfolg von „Mord im Orient Express“ (2017) und „Tod auf dem Nil“ (2022) führt Kenneth Branagh seine Serie von Agatha-Christie-Verfilmungen weiter. In „A Haunting in Venice“ übernimmt der Regisseur erneut die Rolle des belgischen Detektivs Hercule Poirot, den die englische Krimiautorin mit einem ornamentalen Schnurrbart und einem ins Lächerliche reichenden Selbstbewusstsein ausgestattet hat. Aber auch ein Star-Ermittler wird nach zahllosen Berufsjahren seiner Profession überdrüssig. Poirot hat genug von all den Toten und ihren Mördern. Im Jahr 1947 lebt er als Ruheständler in Venedig und ignoriert die Schlange der Verzweifelten vor seinem Haus, die ihn tagtäglich um seine detektivische Hilfe anflehen.

Ein direkter Draht zum Reich der Toten?

Einzig der alten Freundin Ariadne Oliver (Tina Fey) gelingt es, an dem Leibwächter vorbei zu dem pensionierten Kriminalisten vorzudringen. Die Mystery-Autorin, deren Bestseller auch Poirot zu internationaler Berühmtheit verholfen haben, ist auf der Suche nach einem neuen Romanstoff. Als Sujet hat sie sich die Wahrsagerin Joyce Reynolds (Michelle Yeoh) auserkoren, die behauptet, einen direkten Draht zum Reich der Toten zu haben. Als scharfer Beobachter und rationaler Analytiker soll Poirot herausfinden, ob es sich bei den spiritistischen Fähigkeiten nicht doch um Scharlatanerie handelt.

 Kenneth Brannagh als Hercule Poirot, Tina Fey als Ariadne Oliver.

Kenneth Brannagh als Hercule Poirot, Tina Fey als Ariadne Oliver.

Foto: 20th Century Studios

Ausgerechnet an Halloween

Die Séance findet in einem wuchtigen Palazzo statt, der als ehemaliges Kinderheim über eine düstere Vergangenheit wacht. Vor langer Zeit sollen hier die Kinder eingesperrt und ihrem Schicksal überlassen worden sein. Seitdem spuken die Geister der Verhungerten durch die alten Gemäuer. Die Opernsängerin Rowena Dreake (Kelly Reilly) hat das Haus erworben, in dem die eigene Tochter vor wenigen Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist. Nun hat sie ausgerechnet am Halloween-Abend Joyce Reynolds unter Vertrage genommen, die den Kontakt zu der Verstorbenen aufnehmen soll.

Das erste Mordopfer fällt von der Empore

Die übernatürliche Kommunikation hat Poirot dank seiner messerscharfen Beobachtungsgabe schnell als Betrug entlarvt – aber dann fällt das erste Mordopfer von der Empore, dem noch weitere folgen werden. Der pensionierte Ermittler gibt seinen Ruhestand auf, sammelt Indizien, verhört die zahlreichen Verdächtigen – und wird dabei selbst immer wieder von übernatürlichen Visionen heimgesucht.

Im Werkzeugkasten des Mystery-Genres

In „A Haunting in Venice“ kommt der überzeugte Vernunftmensch Poirot an die Grenzen seines Verstandes und hat alle Hände voll zu tun, mortale und mystische Begebenheiten rational zu entschlüsseln. Anders als bei „Mord im Orientexpress“ und „Tod auf dem Nil“ fehlt „A Haunting in Venice“ die cineastische Monumentalität; stattdessen bedient sich Branagh selbstbewusst im Werkzeugkasten des Mystery-Genres, taucht die Lagunenstadt in düstere Sturm-und Gewitterstimmung und lässt die Geister der Verstorbenen aus den Gemäuern atmen. Wie so oft bei Agatha Christie lebt auch diese Geschichte, die in Deutschland unter dem Titel „Schneewittchen-Party“ veröffentlicht wurde, von der klaustrophobischen Enge des abgeschlossenen Raumes, in dem die Ermittlungen stattfinden.

U-Haft im Spukhaus

Draußen tobt eine Sturmflut in den Kanälen, und die herunterrasselnden Gitter des Palazzos verwandeln das Spukhaus vorübergehend in ein Untersuchungsgefängnis. Lange Schatten geistern in bester Nosferatu-Manier über die Mauern, und immer wieder zeigt die Kamera von Haris Zambarloukos, der auch Brannaghs andere Christie-Filme fotografiert hat, in Nahaufnahmen die angstvoll verzerrten Gesichter der illustren Figuren. Auch wenn sich Branagh bei der Besetzung diesmal nicht in der A-Liga der Hollywoodstars bedient hat, überzeugen die europäischen Fachkräfte von Kelly Reilly („Yellowstone“) als trauender Mutter über Jamie Dornan („Belfast“) als kriegstraumatisierter Arzt bis zu Camille Cottin („House of Gucci“) in einem kompetenten Ensemble; aus dem ragt Oscarpreisträgerin Michelle Yeoh mit einem viel zu kurzen Auftritt lodernd heraus.

„A Haunting in Venice“ läuft in einigen Kinos der Region.

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