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Nadav Eyal, Revolte. Der weltweite Aufstand gegen die Globalisierung.

Buchkritik : Warum Populisten die Welt regieren

Der israelische Journalist Navda Eyal befasst sich in seinem Buch mit dem Widerstand gegen die Globalisierung.

Wohin man derzeit schaut, fast überall sind Populisten an der Macht oder zumindest auf dem Vormarsch: Trump in Amerika, Johnson in England, Salvini in Italien, Le Pen in Frankreich, Putin in Russland, Orban in Ungarn, Kaczynski in Polen, Bolsonaro in Brasilien, Modi in Indien, Duterte auf den Philippinen. Sie alle eint, dass sie Nationalismus predigen und die Globalisierung verdammen. Dass sie damit Erfolg haben, beweist, dass sie vielen offenkundig aus der Seele sprechen. Warum dies so ist, versucht der israelische Journalist Nadav Eyal in seinem nicht in jeder Hinsicht überzeugenden Wälzer „Revolte“ zu ergründen. Eyal macht insbesondere in der westlichen Hemisphäre (Europa und USA) „ein Aufbegehren weiter Bevölkerungskreise gegen die Globalisierung“ aus – gegen ihr Wirtschaftssystem wie auch gegen ihre kulturellen Einflüsse und ihre universalen Werte.

Die Revolte, so behauptet der derzeit für den israelischen TV-Privatsender „Kanal 13“ tätige Journalist, „ist weltweit, ungeordnet und fließend, sie dreht sich mehr um die Ablehnung bestehender Machtstrukturen als um den durchdachten Aufbau von Alternativen“. Was diese vermeintliche Revolte antreibt, hat Eyal an vielen Schauplätzen zu recherchieren versucht: Ob in den USA, Großbritannien, Griechenland oder den Malediven, ob in Sri Lanka, Indien oder Deutschland. Eyals Grundthese lautet, dass mit dem Ende des „Zeitalters der Verantwortung“, das er von 1945 bis zum amerikanischen Trauma 2001 terminiert, der Keim zur heutigen Revolte gelegt wurde, die nach seinen Worten ein „Zeitalter der Anklage“ eingeläutet hat. Anders als die damaligen Staatsführer und deren Wähler seien die heutigen nicht mehr von persönlichen Kriegserfahrungen geprägt, deren Wiederkehr ihre Groß- und Eltern-Generation noch unbedingt zu verhindern trachtete.

Infolge von „Nine Eleven“ wurden dann Geister aus der weltpolitischen Flasche gelassen, „die teils gar nichts mit einem interreligiösen Konflikt zu tun hatten“, schreibt Eyal bereits im Vorwort. Durch die fundamentalistischen Anschläge sei eine Art Ideenkampf ausgelöst worden „zwischen denen, die meinen, die Welt gehe langsam auf eine politische und kulturelle Vereinigung zu, und denjenigen, die dieses Szenario für einen furchtbaren Albtraum halten“. Im Fokus dieser Auseinandersetzung steht für den israelischen Autor seither die Mittelschicht – mehr oder minder weltweit „unschlüssig schwankend zwischen Nationalstaat und Globalisierung, zwischen Identität und universalen Werten“.

Foto: Ullstein Verlag

Die Globalisierung, so lautet die zweite Grundthese seines Buches, hat auf ihrem vermeintlichen Siegeszug derart viele Widersprüche und negative Folgen (soziale Ungleichheit, erzwungene Migration, Abschottung, Entsolidarisierung, Xenophobie, Populismus, Nationalismus) gezeigt, dass die liberale Mainstream-Vision mit ihrem Vertrauen auf Vernunft und Fakten heute immer mehr an Boden verliert. Und die extremistischen Ränder stattdessen durch die sich abzeichnende Renaissance des Nationalstaats längst tief in die gesellschaftliche Mitte hinein ausfransen.

Eyal nennt die Globalisierung ein „politisches Perpetuum mobile, angetrieben von der Spannung zwischen dem Lokalen und Globalen und ihrerseits steten Wandel auslösend“. In den Industriestaaten sei heutzutage jeder längst „ein wandelnder Atlas“: „Am Leib tragen wir die Dramen und Chancen ferner Orte, von Menschen, die wir nie kennenlernen werden.“ Zwar konnte die Globalisierung weltweit die Armut erheblich eindämmen und die Lebenserwartung merklich erhöhen. Auch ermöglichte sie durch die digitale Revolution den breiten Massen Zugang zu unterschiedlichen Informationsquellen – letzteres ist der Grund, weshalb autoritäre Regime sich durch nichts stärker bedroht sehen als durch eben jene Globalisierung des Bewusstseins.

Andererseits aber hat die Globalisierung, deren Anfänge Eyal im frühen 19. Jahrhundert ansetzt, auch eine elende, dunkle Seite. Und dies bereits in ihren Anfängen. Eine Qualität von Eyals Buch ist es, an die infame westliche Politik jener Jahre zu erinnern: China etwa wurde von den Briten über deren Ostindien-Kompagnie mit Opium überzogen (und später in den unseligen Opiumkrieg hineingezogen), um die zuvor negative britische Handelsbilanz auszugleichen. Das damalige chinesische Trauma bestimmt bis heute dessen Verhältnis zu Europa. Genauso infam verhielten sich die Franzosen, die den Verlust ihrer Überseekolonie Haiti – 1804 entstand dort nach dem erfolgreichen Sklavenaufstand die zweite Demokratie weltweit – mit Reparationsforderungen quittierten, die Haiti bis 2003 mindestens 21 Milliarden Dollar abpressten. Eine schreiende Ungerechtigkeit, die bis heute eine „Begleiterscheinung“ der Globalisierung geblieben ist. Ob Rohstoffausbeutung, Müllexport oder die Etablierung fernöstlicher oder afrikanischer Ausbeutungszentren: Der Westen hat es bis heute sehr gut verstanden, die negativen Begleiteffekte der Globalisierung bequem auszulagern. Am Perfidesten tun dies die westlichen Industriestaaten aktuell in Sachen Klimawandel, was zu erwähnen Eyal nicht vergisst: „Die Länder im Norden ziehen beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf echten Nutzen aus der Erderwärmung, die sie selbst verursacht haben, den Preis zahlt fast ausschließlich der Süden.“ Ob das Finanzdesaster von 2008 oder die Griechenland-Krise: Genüsslich rekapituliert Eyal die jüngsten Lügen der westlichen Politik, deren „Glückskeksglobalisierung“ nun auch der eigenen Mittelschicht immer häufiger im Halse stecken bleibe.

Wohin auch immer Eyal den Blick richtet (ob nach Japan, USA, Europa, den Kongo oder die Malediven), überall macht er eine moralische Entfremdung und einen Identitätsverlust aus, die viele Menschen verunsichere und sie nach Vertrautem Ausschau halten lasse. Zu Nutzen machten sich dies sowohl Fundamentalisten (etwa die einen Feldzug gegen die Moderne führenden Dschihadisten) als auch Populisten der Marke Orban, Le Pen oder Trump. Ihr mehr oder minder offener Extremismus verbindet beide in Eyals Augen. Wobei die Populisten, die (insbesondere Trump) im zweiten Teil des Buchs ins Zentrum rücken, zwei Feindbilder pflegen: Migranten und die Globalisierung selbst.

Mehr noch als die Angst vor Jobverlust, stellt Eyal heraus, ist der Verlust des persönlichen Sicherheitsgefühls und die Sorge vor einem Verwässern der eigenen Identität maßgeblich für das Aufkommen einer latenten Fremdenfeindlichkeit. Das aber ist nichts Neues. Damit ist zugleich die entscheidende Schwäche von Eyals etwas sprunghafter Analyse des von ihm so apostrophierten Zeitalters der Anklage benannt: Der israelische Journalist reproduziert viele längst bekannte Phänomene, ohne für sie letztlich ein schlüssiges gemeinsames Erklärungsmuster zu liefern.

Das gilt auch für seine Sicht auf das Phänomen Trump. Dass die Globalisierung, die der US-Präsident nun entschieden bekämpft, Trump erst groß machte, ist ein alter Hut. Genauso wie Eyals Erkenntnis, dass Trump die Wahl 2016 dadurch gewann, dass er die Verzweiflung des Mittelstands vermarktete und dessen Ängste und Ablehnung des politischen Establishments für seine Zwecke nutzte. Tatsächlich aber hat sich dieser Vertrauensverlust unter seiner Präsidentschaft noch potenziert. Aufs Ganze gesehen liefert Eyals Wälzer also wichtige Bausteine zum Verständnis des im Westen grassierenden Unbehagens. Allerdings bleibt er ein tragfähiges Analysemodell schuldig.

Nadav Eyal: Revolte. Der weltweite Aufstand gegen die Globalisierung. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Ullstein, 492 Seiten, 29,99 €