Musical-Drama über Judy Garland im Merziger Zeltpalast

Kostenpflichtiger Inhalt: Premiere von „End of the rainbow“ : Merziger Diven-Dämmerung

Kleine Frau, übergroßes Drama: Vasiliki Roussi fasziniert mit enormer Intensität als Judy Garland wenige Wochen vor deren Tod. Aber passt der Merziger Zeltpalast für dieses intime Kammerspiel?

Ein Näschen hat Zeltpalast-Chef Joachim Arnold über die Jahre ja immer wieder bewiesen. Okay, manchmal hatte er dann auch überraschenderweise die Nase voll – von dem, was er die Saison zuvor noch in höchsten Tönen pries. Wechselte von der Oper mit fliegenden Fahnen zum Musical und retour. Und jetzt? Jetzt ist er wieder mal weit vorn. Ende September kommt „Judy“ in die Kinos: Renée Zellwegger spielt Judy Garland, 50 Jahre nach deren frühen Tod im Juni 1969 in London mit bloß 46 Jahren. Betäubt von Schlaftabletten, zerstört durch Whisky, Aufputschmittel und eine Achterbahnkarriere voller Höhenflüge und grausiger Abstürze. Leben und Sterben größer als jedes Drama. Und so gut auch die Oscar-prämierte Zellwegger sein mag, wenn sie die Oscar-Preisträgerin Garland spielt, in Merzig hat Vasiliki Roussi jetzt ein Garland-Endspiel vorgelegt, das in puncto Intensität Maßstäbe setzt, schauspielerisch Meisterklasse markiert. Roussi muss den Vergleich zu was auch immer die große Leinwand liefern wird, nicht scheuen.

 Sie mimt nicht die Diva, sie ist sie zwei Stunden lang: Roussi wirft sich in den aufgekratzten Schicksalstrotz der späten Garland, die im Sommer ’69 in einem Londoner Nachtclub ein letztes Karriereaufbäumen versucht. Längst aber haben Alkohol und Drogen ihren Körper ausgezehrt, haben Exzesse und private Enttäuschungen ihre Seele wund werden lassen. Auch wenn sie immer noch mit großen Unschuldsaugen die „Dorothy“ aus „Der Zauberer von Oz“ sein möchte. Dieses Musicalmärchen, welches die Unesco als nur einen von vier Filmen sogar zum Welterbe kürte, und Judy Garland 1939 eine märchenhafte Zukunft zu eröffnen schien: Mit 16 war sie bereits eine Leinwandikone. Wie Vasiliki Roussi all das aufnimmt und mit jeder Faser bis zum Äußersten spielt, sich dafür entblößt: großartig!

Aber ist „End of the rainbow“ im Zeltpalast auch am rechten Fleck? Man darf zweifeln. Nach der üppigen Vorjahres-Produktion „Entführung aus dem Serail“, mit der Palast-Patron Arnold nach etlichen Musical-Jahren zur Oper zurückkehrte, serviert er nun ein Musical-Drama. Was bei genauerem Hinsehen aber ein mit ein paar Songs gepimptes Schauspiel ist. In puncto Bühnenpersonal bedeutet das Dreipersonen-Stück nun also Diät nach der Kostenvöllerei 2018. Was nicht schlecht sein muss. Aber es geht doch ziemlich gegen die Erwartungen eines Sommer-Theaters. Statt leichtem Unterhaltungsvergnügen fordert Peter Quilters „End of the rainbow“ erst mal viel vom Publikum, zwittert zwischen viel, viel Dramendialogen und rund einem Dutzend Songs.

 Und oft geht es, wenn die Garland mit ihrem Pianisten und vielleicht noch einzigem Freund Anthony – Alexander Lutz ist am Klavier wie im Spiel überzeugend – und ihrem Manager und deutlich jüngeren Lebensgefährten Mickey streitet, um Intimes, sind das Szenen eigentlich für eine kleine Bühne. Zwar hat Joachim Arnold Teile des Zeltes in Merzig abhängen lassen, die Tribünen merklich verkleinert. Doch bleibt das immer noch (zu) viel Raum für dieses existenzielle Spiel, wo man ranzoomen müsste, wenn die Garland im Hotelzimmer Aschenbescher schmeißt. Wo sich ihre Tragödie, die Divendämmerung bis zur tödlichen Erschöpfung wiederholt. Sie auch noch das letzte bisschen Respekt vor sich aufbraucht, wenn sie Mickey (den Peter Lewys Preston fast schon zu lieb und zu wenig schmarotzend spielt) anbettelt für einen Drink und Pillen, den „Bonbons für Erwachsene“, wie sie sich ihre Sucht schönredet. Wie eine Hündin kriecht sie dann durchs Zimmer. Oder kotzt sich die Seele aus dem Leib. Und doch geht sie immer wieder raus auf die Bühne, weil sie völlig pleite ist und Mickey sie treibt. Und weil sie ja auch der Star sein will, den die Leute so lieben. The show must go on.

Obwohl Regisseur Andreas Gergen direkt vor der Bühne Clubatmosphäre geschaffen hat, wirkt das Zelt immer noch gewaltig. So muss Vasiliki Roussi ihre Gesten, die im Rausch entgleisenden Gesichtszüge oft größer machen als nötig. Es ist paradox: Für diese ans Letzte greifenden Momente der Garland bräuchte es einen intimeren Raum. Der Sommer-Event im Zeltpalast aber bräuchte eindeutig mehr Gäste: Denn vor der Vorstellung und in der Pause brummte es trotz ausverkauftem Zelt nicht wie sonst. Eher blieb es bei Halbleer-Stimmung.

Keine Frage, Andreas Gergen lässt einiges von seiner Inszenierungs-Meisterschaft aufblitzen, überzeugt mit klarer Personenführung und schafft etwa die Illusion eines Szenenwechsels von der Garderobe zur Bühne allein durch einen Gang des Pianisten. Da wird viel Eindruck mit kleinem Aufwand gemacht. Und doch hat Gergen eines nicht im Blick. Zuschauer, die Judy Garland noch bewusst erlebt haben, müssen heute an die 70 sein. Solche, für die „Der Zauberer von Oz“ zum Lichtspielereignis wurde (in Deutschland kam er wegen der NS-Zeit erst später in die Kinos) wenigstens 80. Ihren tiefen Fall fühlt man aber nur mit, wenn man auch den Gipfel kennt, von dem sie stürzte. Das aber spart Quilters Musical-Drama weitgehend aus, und die Regie hilft kaum nach.

Leider hakt es auch musikalisch. Zwar ist die sechsköpfige Band top, doch bei der Premiere am Mittwoch deckt sie allzu häufig Roussis Stimme zu. Die hat enorme Kraft und Lebensgier in den Tiefen, aber ihr fehlten zumindest am Premierenabend die Höhen, um die Band auch mal strahlend zu übertrumpfen – wie es eben Judy Garland konnte.

Der große Absturz: Die berauschte Garland (Vasiliki Roussi) in den Armen ihres Liebhabers Mickey (Peter Lewys Preston). Foto: Ruppenthal

Noch bis 8. September im Merziger Zeltpalast. www.musik-theater.de

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