Was bitte ist ein „Kammermusical“? #Peep oder: Spielsachen geraten in Panik

Saarbrücken · Am Freitag startet das Saarbrücker Staatstheater in die neue Saison, mit „#Peep!“. Es geht um Popmusik und Konsumkultur, und es wird so was von musikalisch!

 Das Saarländische Staatstheater spart für die Uraufführung von „#Peep“ nicht an Opulenz. Das Kammermusical führt in die Konsum- und Popkultur.

Das Saarländische Staatstheater spart für die Uraufführung von „#Peep“ nicht an Opulenz. Das Kammermusical führt in die Konsum- und Popkultur.

Foto: SST/ Honkphoto/HONKPHOTO HOLGER KIEFER

„Glanz, Glamour und viel Humor“ verspricht „#Peep“ - was für ein Spagat. Am Freitag ist Uraufführung in der Saarbrücker Alten Feuerwache, das Saarländische Staatstheater startet damit in die Saison 2023/24. Das „Kammermusical“ fußt auf einer der demütigendsten Erfahrungen, mit denen ein Leben aufwarten kann: Nicht gemocht, nicht gewollt, ignoriert zu werden. Menschen geht es dabei wie Spielzeug in einer Kaufhausabteilung. Genau dieses Setting wählte Regisseurin Mona Sabaschus für ihren Erstling am SST.

Ein Teddybär, ein Clown, ein Roboter und drei Puppen erwachen nach Ladenschluss zum Leben und reflektieren, dass aus ihnen Ladenhüter geworden sind. Dabei hofften sie alle auf ein erfülltes Animator-Leben in irgendeinem netten Kinderzimmer, frei nach Robbie Williams’ „Let Me Entertain You“.

Die Absolventin der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz arbeitet seit 2020 freiberuflich. Viel Anerkennung erntete Sabaschus für ihre Inszenierung von Sibylle Bergs „In den Gärten oder Lysistrata Teil 2“, mit der sie zu den 38. Bayerischen Theatertagen eingeladen wurde. Für Saarbrücken war ein musikalischer Abend gewünscht. Tatsächlich wird „#Peep“ so was von musikalisch! Rund 2000 Popsongs standen auf Sabaschus’ Liste. Ein Großteil hat es ins Stück geschafft, und sei es in Form einer Textzeile oder einer prägnanten kurzen Melodie. Auch genretechnisch geht es querbeet. Einzige Bedingung war, „Teil des riesigen Kosmos POP zu sein“ (Sabaschus).

Die Story? Den desillusionierten Spielsachen, deren Daseinszweck es ist, Kinder zu unterhalten, droht irgendwann die Müllpresse, und es bricht Panik aus. Fieberhaft beginnen die Sechs, alle möglichen Strategien durchzuspielen, um ihren Marktwert zu steigern. Singend und tanzend buhlen sie um potenzielle Käufer. „Dabei lavieren sich durch verschiedenste Zuschreibungen, Sehnsüchte und Glaubenssätze unserer Gesellschaft. Zwischen Imagefindung und Selbstoptimierung halten sie uns dabei gehörig den Spiegel vor“, so die Regisseurin.

Ihr Interesse gilt der ständigen Wechselwirkung, „wie Pop uns beeinflusst und wir den Pop“. Dabei stellt Musik nur einen Aspekt von Popkultur dar, auf den sie sich in „#PEEP!“ immer wieder bezieht. „Fast alles ist Pop und wir sind davon unweigerlich umgeben. Popkultur ist immer auch Produkt gesellschaftlicher Prozesse, reflektiert Diskurse und nimmt diese dabei gleichzeitig für sich ein, um sie kommerziell zu verwerten. Sie ist also total ambivalent und bewegt sich somit in einem aufregenden Spannungsfeld, an dem man sich gut abarbeiten kann.“

Die Parallelen liegen auf der Hand. Sowohl Konsumkultur als auch Popmusik dienen als Auffangbecken, die eine für materielle, die andere für immaterielle Sehnsüchte. Den Zuschauer erwartet laut Sabaschus ein Abend, „an dem er sich selbst augenzwinkernd zuschauen darf“. Durch die Fülle der Songs werde ein „Erkenntnisfeuerwerk losgetreten“. Plädiere das Stück doch „für eigenständiges Denken in einer Welt voller Waren“ und rufe zur Konzentration auf das auf, was wirklich wichtig sei: Freundschaft, Gemeinschaft und ein integrer Umgang mit sich selbst.

Die Wahl des Schauplatzes könnte in Zeiten des großen Kaufhaussterbens schon fast als tagespolitische Statement durchgehen. „Man findet generell ganz viel im Stück“, meint die Regisseurin: Themen wie Kapitalismuskritik, Gender, Sex, Liebe. „Aber wir arbeiten nicht mit dem Vorschlaghammer“, betont sie. Und wer mit den Pop-Zitaten nichts anfangen könne, dem bleibe immer noch das Narrativ.

Schon der Name der Produktion dürfte bei den meisten Zeitgenossen das Kopfkino anschmeißen. Piep egal, Hänschen piep einmal, Peep Show … „Peep bezieht sich schon auf die englische Bedeutung linsen und spielt natürlich auch mit der Peepshow-Assoziation“, so Mona Sabaschus. „Letztlich geht es immer wieder um Blicke.“ Wer schaut wen an und auf welche Art: „Und was bedeutet es für das Machtgefüge? Wer ist Objekt, wer Subjekt?“ Umgesetzt wird das alles mit aller Opulenz, die das SST aufzubringen vermag, sowohl was die Kostüme, Maske oder Bühne und Requisiten betrifft.

Schauspielerin Lea Ostrovskiy gibt mit „#Peep!“ ebenfalls ihr Debüt an der Saar. Die fließend russisch sprechende, gebürtige Hamburgerin mit ukrainischen Wurzeln studierte an der HfS „Ernst Busch“ Berlin und gehörte von 2019 bis 2022 zum Ensemble des Theaters Münster. Begleitet werden die singenden Darsteller live von einer vierköpfigen Band mitten im Geschehen.

Uraufführung am 15. September, 19.30 Uhr, Tickets unter Tel. 0681 3092 486.