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Mit Text über "Hygiene-Demos".

Neue Ausgabe 121 der „Saarbrücker Hefte“ : Sind wir wieder „Wackes“ und „Boche“?

Nach schwieriger Finanzierung erscheint die neue Ausgabe der „Saarbrücker Hefte“. Schwerpunkt ist Corona, mit den „Hygiene-Demos“ und den Spannungen in der deutsch-französischen Freundschaft.

Nun ist Ausgabe 121 doch da – die „Saarbrücker Hefte“ fürchteten jüngst um ihre Zukunft, hatte doch der neue Saarbrücker Oberbürgermeister Uwe Conradt (CDU) der Kulturzeitschrift die bürgermeisterliche Förderung nicht mehr gewährt (wir berichteten). Um einen jährlichen Druckkostenzuschuss von 10 000 Euro ging es, den Conradts Vorgängerin Charlotte Britz (SPD) zuvor aus dem OB-Verfügungsfonds gezahlt hatte. Conradt wollte das mindestens in diesem Jahr nicht mehr tun und verwies auf die schwierige Corona-Lage. Die Forderung von SPD, Linken und Die Partei im Kulturausschuss, die „Hefte“, die gerne auch die lokale Politik kritisch kommentieren, über den Haushalt zu unterstützen, lehnte die Jamaika-Koalition ab: CDU, FDP und die Grünen, die den Kulturdezernenten Thomas Brück stellen, der dem OB die Förderung der Zeitschrift empfohlen hatte.

Der bizarre Vorschlag von Jamaika: Ein Gutachten soll nun klären, ob die ehrenamtlich produzierten Hefte – 1955 von der Stadt gegründet – Kultur genug sind, um über den Kultur-Etat gefördert werden zu dürfen. Realsatire? Das saarländische Kulturministerium hat nun 6000 Euro Förderung zugesagt, die Saarland-Sporttoto GmbH 2500 Euro, so dass ein neues gedrucktes Heft erscheint; den ganzen Vorgang dröselt es auf seinen letzten Seiten noch einmal auf.

Corona und die deutsch-französische Freundschaft

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe liegt nahe: Corona und die Nachwirkungen. Wie etwa, fragt sich der Autor Josef Reindl, hat sich die saarländische Grenzschließung zu Frankreich ausgewirkt, für ihn eine „Nacht- und Nebel-Aktion“? Deutsche Polizisten „mit einer gehörigen Ruppigkeit“ etwa und ein „wie immer zartbesaiteter Innenminister Klaus Bouillon“, der so sprach, „als ob das Virus ein Franzose wäre“, hätten das deutsch-französische Klima vergiftet; auf saarländischer Seite spräche man wieder vom „Wackes“ und vom „dreckigen Franzosen“, auf französischer Seite wieder von den „boches“ – nicht zuletzt wegen Anpöbelns von Franzosen auf deutscher Seite in der ersten schweren Corona-Zeit. Reindl sieht gar einen „Rückfall in den Völkerhass“. Darüber mag man nun streiten, ebenso wie über die holzschnittartige Gegenüberstellung von „den stolzen Nachbarn, die in der Französischen Revolution ihre Herrscher davongejagt und auf die Guillotine gebracht haben“ und den Saarländern, „die sich lieber auf die falsche Seite gestellt haben, statt sich selber zu regieren“.

Die „Hygiene-Demos“

Ein Plakat von einer Demonstration in St. Wendel vom Mai. In der Weltsicht des reimenden Plakatschreibers soll Corona den „Eliten“, darunter wie einst bei der NS-Propaganda die Familie Rothschild, dabei helfen, die Welt gefügig zu machen: Verschwörungsglaube trifft Antisemitismus. Foto: B&K/Bonenberger/

Höchst aktuell ist Klara-Katharina Bosts Text „Sie sind eins, sie gehören zusammen“ über die „Hygiene-Demos“, die Demonstrationen gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen – in Stuttgart etwa, in Berlin und München aber auch, mit einigem Zulauf, in Saarbrücken und in St. Wendel. Vorgeblich gehe es da um die Einschränkung von Grundrechten, die Kritik ist in Bosts Augen „soweit legitim und vernünftig“. Aber bei den Demos fänden „Esoterikszene, Impfgegner, Verschwörungstheoretiker und die extreme Rechte zusammen“, ungeachtet der inhaltlichen Widersprüche – manche Demonstranten halten das Virus für ein gezüchtetes Instrument, um eine Diktatur einzurichten; andere glauben nicht, dass es Corona überhaupt gibt. Auffallend sei bei den Demos eine „Vermischung esoterischer, irrationaler und antisemitischer Inhalte“ (siehe dazu auch unser Foto von einer Demonstration in St. Wendel); das bedeute zwar nicht, dass alle Demonstranten Nazis seien. Für diese seien die Demos „aber eine attraktive Anlaufstelle, ein Unterschlupf unter dem Deckmantel bürgerlichen Protests“. Die Distanz zum Esoterik-Flügel der Demos sei kleiner als oft angenommen: Zwar werde Esoterik gerne „oft links oder irgendwie alternativ“ eingeschätzt, sei aber dominiert von „hochgradig reaktionären, mit rechter Ideologie kompatiblen Inhalten“ – etwa von Antimodernismus. So werde Esoterik zum Trojanischen Pferd für „Rechtsextreme, Verschwörungsglauben und Antisemitismus“. Insgesamt, sagt Bost, würden so berechtigte Debatten über Erosion von Grundwerten vergiftet. Und sollten die Infektionszahlen sinken und die Einschränkungen weiter gelockert, fände sich der nächste Vorwand des „sich gegen den Strom schwimmend wähnenden Schwarms“ für seine „Pseudo-Opposition“.

Wilfried Voigt, Autor der Kramp-Karrenbauer-Titelgeschichte in der vorigen Ausgabe, blickt im Beitrag „Nach Corona kommt die Krankenhauskrise“ auf die Lage der Kliniken im Saarland. Die Lage sei besonders auf dem Land „prekär“, weswegen es etliche Häuser in den vergangenen Jahren „dahingerafft“ habe. Für Experten liege die Misere vor allem in einem Abrechnungssystem, bei dem Kliniken mit geräteintensiver Behandlung und komplexen Operation am besten verdienten – kleinere Häuser mit Standardversorgung hätten es wirtschaftlich da schwerer. Mit Sorge sieht Voigt auch die Bereitschaft der Züricher Ameos Gruppe, eines Privatanbieters auf dem Gesundheitsmarkt, eine Nordsaarland-Klinik zu betreiben – das Unternehmen sei berüchtigt, was Desinteresse an Tarifverträgen oder betrieblicher Mitbestimmung angehe.

Reportage zur Saar-Abstimmung 1935

Was bieten die 120 Seiten sonst? Ein Interview etwa mit Benjamin Seyfert, dem Urenkel des Saarbrücker Regisseurs Max Ophüls, über seinen Großvater, drohende Geschichtsvergessenheit und den deutsch-jüdischen Geist, für ihn „eine erloschene Zeit, eine Blüte der Kunst und des Denkens, die zunichte gemacht wurde“. Vom Saarbrücker Künstler Till Neu sind einige von Griechenland inspirierte Arbeiten zu sehen, während sich Rezensionen unter anderem mit dem Buch „Filmrausch“ beschäftigen, über die saarländische Kinolandschaft (wir berichteten), und mit einem Buch über das einst etwas ausgeprägtere Straßenbahnnetz im Saarland.

Einen Blick auf die Geschichte der Spicherer Höhen gibt es und eine historische Reportage des tschechischen Journalisten Franta Kocourek von 1935 über die Saar-Abstimmung: „Das Saargebiet unter dem Hakenkreuz“. Kocourek beschreibt eindrücklich die Atmosphäre, „überall Ausverkäufe“ von jüdischen Geschäften, denn man erwartet „auch an der Saar den Aufmarsch der Bekenner des rassenreinen Germanentums“. Rasch erscheinen einige Zeitungen nicht mehr, „dank Dr. Goebbels ist die Übersicht über die deutsche Presse einfacher geworden“. Und Buchläden, in deren Schaufenstern „linke“ Literatur ausliegt, müssen Pöbeleien fürchten von „überwiegend jungen Männern, stark und gut gewachsen, in braunen Ledermänteln oder braunen Hemden, mit Hitlerzeichen auf den Ärmeln“. Eine bedrückende Lektüre.

Ein Nachruf erinnert schließlich an den Filmemacher und Journalisten Georg Bense, der im April im Alter von 81 Jahren an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben ist; er arbeitete auch als Redakteur und Autor für die „Saarbrücker Hefte“. Einen seiner Texte gibt es auch in der Ausgabe, über das Jüdische Museum in Bouxwiller im Elsass.

Die Saarbrücker Hefte (9,90 Euro)
gibt es im Buchhandel und unter
www.saarbrücker-hefte.de