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Marilyn-Oper am Theater in Saarbrücken enttäuscht

Kostenpflichtiger Inhalt: Saarbrücker Theater : Kein bisschen Poupoupidou

Atemlos hetzt Gavin Bryars Kammeroper „Marilyn Forever“ in Saarbrückens Feuerwache durch das traurige private Leben der Leinwand-Ikone Marilyn Monroe. Zum Mitfühlen bleibt bei dem Stück keine Zeit. Und im Ohr bleibt auch wenig.

Wer seine Dosis Original-Marilyn braucht, bekommt sie zum Glück vor dem Stück. Im Foyer der Alten Feuerwache singt die Monroe – kaum hörbar zwar im Gleich-geht’s-los-Geplauder – aber solche Sounddateien wecken wenigstens selige Erinnerung. Drinnen liegt sie ja schon tot da. Mit bloß 36 Jahren. Ausgelöscht wohl durch einen wilden Cocktail von Schlafmitteln. Vielleicht waren es zu viele Ärzte, zu viele Therapieversuche. Vielleicht war sie es auch selbst. Weil sie ihr Leben nicht mehr aushielt. Oder, war’s gar Mord? Die Mafia, die Kennedy, den notorischen Casanova im Weißen Haus, mit dem Tod seiner berühmten Geliebten belasten wollte. Oder „bereinigte“ ein US-Geheimdienst auf höchste Anordnung hin diese Affäre?

Um Marilyn Monroes Sterben vor nun fast 60 Jahren ranken sich mittlerweile mehr Legenden als um ihr Leben. Dabei war das gewiss ein außergewöhnliches. Eine großartige, wenn auch lang unterschätzte Schauspielerin war sie, Sexsymbol eines halben Jahrhunderts, zugleich aber auch eine Frau, die übergroßen Ruhm wie private Katastrophen aushalten musste. Das muss doch Stoff fürs Theater sein, sagt man sich. Ja, und wohl nicht zufällig hatte die Saarbrücker Bühne dieses Wochenende mit „Amadeus“ eine weiteres „Bio-Drama“ über einen als Mittdreißiger früh verstorbenen Genius angesetzt. Manche Parallele trägt tatsächlich über Jahrhunderte.

Nicht immer aber schaffen es Autoren und Komponisten, einen Stoff wirklich zu greifen. Librettistin Marilyn Bowering setzt für die Kammeroper „Marilyn Forever“ mit der Nacht vom 4. auf den 5. August 1962 ein. Die Monroe (Marie Slomka) liegt bereits tot in ihrem Haus in Los Angeles. Was man jetzt zu sehen und hören bekommt, will eine Art große Lebensrückblende, ein Erinnerungskonzentrat sein – vom Waisenkind Norma Jeane bis zum Weltstar, das es wurde. Dazu gehören auch drei gescheiterte Ehen, drei Fehlgeburten, und der Versuch, dem Klischee der blonden Kinogöttin zu entkommen.

Das bedeutet auch: Mehr als reichlich zu tun für eine Sängerin, die in dieser Kammeroper von Gavin Bryars (in Saarbrücken als deutsche Erstaufführung), gleichrangig auch Schauspielerin sein muss. Marie Slomka zeigt da fürwahr viele Nuancen: Zweifel, Verzweiflung, Trauer – ein Leben wie eine Gefühlsachterbahn. Bei der dieses Musikdrama aber bloß durch die Täler rattert. Ja, Smolka spielt und singt mit Klasse, doch ständig muss sie was an- oder ausziehen, sich in ein neues Lebenskapitelchen kleiden.

Stefan Röttig steht ihr als Mann für alle Fälle gegenüber, tritt mal als Regisseur, mal als Arzt, mal als Ehemann zwei (Alt-Baseballstar Joe DiMaggio), mal als Ehemann drei (Dramatiker Arthur Miller) auf; ist auch mal Schicksalsgott, der Marilyns Leben an unsichtbaren Fäden hält. Doch so wandlungsfähig Röttig auch spielt, so sehr hat man sein Gesicht unter Schminke zur Maske erstarren lassen, seine Züge auf Comicfigur reduziert. Base-Cap auf: Jetzt ist der DiMaggio. Pfeife in den Mund: Das soll Dichter Miller sein, und die Monroe blättert dazu im „Ulysses“. Klischees, wohin das Auge schaut. Wozu dann auch noch ein raunender Chor herum tänzelt in Kostümen, die wohl von der letzten Clockwork-Orange-Party übrig geblieben sind.

Dabei tut Regisseurin Barbara Schöne einiges, um solchen Schlichtheiten zu entgehen. Sie spiegelt Marilyn gleich zweifach, als brünett-lockige Norma Jeane, noch jung und voller Hoffnung, und überdies als kleines Kind. Doch eigentlich lässt das allzu simple Libretto dem keine Chance. Das Wagnis, in 80 Minuten ein ganzes Leben Revue passieren zu lassen, endet nur in vielen Andeutungen. Überdies erweist sich die Oper als erschütternd eindimensional. Die Monroe steht da weithin als tablettensüchtiges Opfer da, missverstanden vom Publikum, missbraucht von den Männern. Das raubt ihr noch posthum Teile ihrer Persönlichkeit. Wo ist die Frau, die selbstbewusst Schluss mit den schlichten Rollen machte, die bei Strasberg, längst erfolgreich, Schauspiel nachstudierte? Bowering glaubt, darauf verzichten zu können – und scheitert.

Leider ist auch Gavin Bryars Musik keine Offenbarung. Von den Songs der Monroe, einem „I wanna be loved be you“, findet sich nichts, kein bisschen Poupoupidou. Das wäre dem britischen Routinier wohl zu einfach gewesen. „Seine Musik passt in keine Kategorie. Sie ist wie ein Mischlingshund, voller Sinnlichkeit und Witz und tief bewegend“, soll Michael Ondaatje mal gesagt haben. Schön, wenn man einen Weltschriftsteller zum Fan hat, der solches formuliert. Doch dieser melomane Bello von Herrchen Bryars verbringt offenbar viel träge Zeit in einer Jazz-Bar, und geht nur ab und zu mal raus, um an ein paar Bröckchen zeitgenössischer Oper zu schnuppern. Bryars polstert den Modern-Sound einer Jazzcombo mit Streichern und Blech zur Dauerschleife auf. Das verströmt gelegentlich neutönerisches Parfum, plätschert aber oft dahin, so souverän Dirigent Stefan Neubert ein Jazz-Trio auch mit den übrigen Musikern zusammenbringt. Für die existenziellen Extreme der Monroe, das Dialogische aber hat Bryars hier kaum wirksame Mittel parat. Selten kommt mal so etwas wie ein Duett zwischen Miller und Monroe zustande, bei dem Röttig und Smolka glänzen können. Dieses „Marilyn Forever“ hat der Legende Monroe leider nicht viel hinzuzufügen.

Weitere Vorstellungen: 13. und 14. Februar. Karten unter Tel. (06 81) 3 09 24 86.