"Les Nuits": Musikfestival in Hemmersdorf konnt nicht jeden überzeugen

Musikfestival in Hemmersdorf : „Les Nuits“ – magisch, aber wohl defizitär

Ein „gewagtes Experiment“ nennen die Veranstalter das Festival in Hemmersdorf. Dort gab es magische Musiknächte, am Ende wohl aber auch ein dickes Minus in der Kasse.

Je spezieller ein Künstler ist, desto weniger Fans hat er. Also muss er in größeren Städten auftreten, damit aus der Vielzahl an Menschen die seltenen Liebhaber einen Konzertsaal füllen können. So läuft das normalerweise. Veranstalter Chris Burr will diese Logik aber außer Kraft setzen. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, in seinem Heimatort Hemmersdorf Bands und einzelne Musiker anzubieten, die sonst niemals auf die Idee kämen, weitab der üblichen Konzertsäle aufzutreten. 2200 Einwohner hat der Ort in der Nähe von Dillingen, einen Bahnanschluss und als touristische Attraktion die idyllische Flusslandschaft der Nied. Burr will Musikliebhaber hierher locken und gleichzeitig die Landbevölkerung neugierig machen auf Livemusik, die normalerweise dort nicht zu finden ist. Dazu hat er den Hemmersdorf Pop Förderverein gegründet. Zwei Konzerte mit unterschiedlichem Erfolg, einmal gut, einmal eher schwach besucht, wurden bereits im ortsansässigen Gasthaus Gellendorf durchgeführt.

Jetzt stand vergangenes Wochenende ein ganzes Musikfestival namens „Les nuits“ an. Der Auftakt mit der Band Xixa verlief am Donnerstag mit etwa 40 Zuhörern leider ernüchternd. Für den ersten Auftritt, den die Amerikaner jemals in Europa gespielt haben, musste er viel Geld drauflegen, meinte Burr. Freitags ging es in der Kirche St. Konrad mit vier Acts weiter, immerhin vor etwa 120 zahlenden Gästen. Der Hemmersdorfer Männergesangverein machte dabei einen guten Anfang, der auch von den angereisten Städtern sehr positiv aufgenommen wurde. Einer der Sänger,  Edmund Wagner, meinte, das Dorf mache noch nicht ganz so mit, wie man es sich wünschen würde.

Anschließend entführte der Luxemburger Vibraphonist Pascal Schumacher das Publikum in seine magischen Klangwelten. Hier passten Instrument und Klangraum Kirche wunderbar zusammen. Über das Festival sagte Schumacher, es sei „eine kleine Perle in der Gegend, die zum Glänzen kommen muss.“ Moderator und Mit-Organisator Jan Pauly dankte „für die warmen Worte“ und meinte, auch auf dem Land solle es ein Anrecht auf kulturelle Teilhabe geben.

Das Programm wurde mit der Engländerin Rachael Dadd und ihren zwei Mitmusikern fortgesetzt. Besonders Rob Pemberton am Schlagzeug fiel dabei auf, weil er sein Spiel dem Hall der Kirche sehr sensibel anpasste. Dadd sang leicht entrückte Weisen mit ihrer elfenhaften Stimme und spielte dazu abwechselnd Banjo, Gitarre oder Piano. Das wirkte schon fast wie von einem anderen Planeten und hinterließ einen starken Eindruck. Den Schlusspunkt setzte der Komponist und Soundtüftler Niklas Paschburg mit einer elektronisch unterstützten One-Man-Show. Die sphärischen Klänge erinnerten an Filmmusik und kamen bestens beim Publikum an.

„Sehr interessant“ sei die Musik in der Kirche gewesen, sagte der Hemmersdorfer Eric Plegniere, der selbst mal ein Festival auf dem Dorf organisiert hat. „Was Chris Burr versucht zu machen, ist gerade für kleine Dörfer im Saarland sehr gut. Einfach aus dem Zentralistischen mal raus, in die Dörfer, an die Basis.“ Plegniere fühlt sich dadurch ermutigt, sein Sunset Festival noch mal auf die Beine zu stellen.

Etwas mehr Leute kamen dann am Samstagabend in die Kirche, wo sie zunächst die neuseeländische Sängerin Tiny Ruins mit ihrer zerbrechlichen Stimme erlebten. Die virtuose Gitarristin und Sängerin Jacky Bastek war kurzfristig für das krankheitsbedingt ausgefallene Duo Hundreds eingesprungen. Das französische Trio um Sänger Raoul Vignal überzeugte mit Popsongs, ehe mit Sebastian Studnitzky ein Schwergewicht der deutschen Jazzszene den Ausklang gestaltete.

Kathrin Berger, eine der Mitorganisatorinnen, meinte danach: „Alle waren begeistert, Musiker und Publikum. Vor allem Leute aus dem Dorf und der Umgebung, die einfach neugierig waren und dann total mitgerissen wurden, obwohl sie die Musik gar nicht kannten.“ Insgesamt, urteilte sie, sei das Festival ein Erfolg gewesen, „weil das Dorf jetzt weiß, worum es geht und es gut findet.“ Schade nur, dass aus Saarbrücken fast niemand gekommen sei.

Dass für Chris Burr am Ende des Festivals ein dickes finanzielles Minus stehen dürfte, konnte man sich leicht ausrechnen anhand der Zuhörerzahl, des Renommees der Künstler und der moderaten Eintrittspreise. Ob „Les nuits“ aber in Saarbrücken besser gelaufen wären angesichts des großen Angebots an Livemusik in der Landeshauptstadt? Man wird sehen, ob der Veranstalter und der Hemmersdorf Pop Förderverein sich nochmal einen solchen Kraftakt leisten können. Wenn nicht, wird man sich noch lange daran erinnern, dass es in Hemmersdorf einst zwei magische Musiknächte gab.

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