Saarländisches Staatstheater Einsteigen, um auszusteigen: Mit dem Bus zur Selbstverwirklichung

Saarbrücken · „Learning by doing“ heißt die abgefahrene Performance-Bustour, zu der die Laientheatergruppe des Staatstheaters, das Ensemble 4, einlädt.

 Auf dem Weg in den Teilzeit-Ausstieg: Michael Wischniowski (Mitte)  war als einziger Profi-Schauspieler im Bus dabei.

Auf dem Weg in den Teilzeit-Ausstieg: Michael Wischniowski (Mitte)  war als einziger Profi-Schauspieler im Bus dabei.

Foto: Kerstin Krämer

Komme ich wirklich an, wenn ich aussteige? Oder sind Aussteiger lediglich Quereinsteiger, die woanders zusteigen? Was ist das überhaupt: Aussteigen? Muss ich eine Gesellschaftsform verlassen, um mich zu finden, oder kann ich mich auch innerhalb eines Systems selbst verwirklichen? Braucht‘s die Guru-geführte Kommune auf La Gomera, oder tut‘s auch ein Ehrenamt? Suche ich mein Heil im Müßiggang, oder mache ich meine Berufung zum Beruf? Fragen über Fragen. Es ist wie immer im Leben: Klüger wird man erst durch Ausprobieren.

„Learning by doing“ heißt folgerichtig der „nachhaltige Teilzeit-Ausstieg“, zu dem aktuell Sparte 4 und Ensemble 4 des Saarländischen Staatstheaters (SST) einladen: „Einsteigen, um auszusteigen“ lautet die Devise. Eine echt abgefahrene Produktion, denn tatsächlich geht‘s hier auf eine rund zweistündige Busfahrt quer durch Saarbrücken – mobiles Doku-Theater als Magical Mystery Tour. Start- und Landepunkt ist die Alte Feuerwache; am Samstagabend war Premiere. Regie führt Doro Schroeder, die seit 2004 dokumentarische und soziokulturelle Theaterprojekte entwickelt.

Für „Learning by doing“ kontaktierte sie nun diverse Aussteiger, die von ihren Erfahrungen mit alternativen Lebensmodellen berichteten. Einige dieser Leute wirken nun auch mit in dem Projekt, das Schroeder gemeinsam mit dem Ensemble 4 entwickelte: Das so genannte vierte Ensemble ist eine am SST angesiedelte Laien-Theatergruppe, in der sich wechselnde Bürger unter anderem als „Experten des Alltags“ zu Wort melden und selbst darstellen können. Einziger Schauspiel-Profi in diesem hier formierten „Ensemble der Ein- und Aussteiger“ ist Michael Wischniowski, der verschiedene Typen zwischen Modell-Hippie und Priester verkörpert.

Freiheit, Lebendigkeit, Individualität, das sind die beschworenen Sehnsuchtsziele dieses Exkurses. Umso paradoxer und ironischer mutet es an, dass der Trip als durchgetaktete Pauschaltour mit vier autoritären Reisebegleiterinnen im Einheitslook daher kommt. Betreutes Aussteigen? Tatsächlich erhält man vor der Abfahrt allerlei Hilfestellung, kann Ernährungs- und Entspannungsberater konsultieren und bekommt einen Reisepass, mit dem man sein persönliches Aussteigerprofil ermittelt. Highway to Hell oder Road to Nowhere? Kurzzeitig darf das Publikum Musikwünsche äußern, vorübergehend entwickelt die Tour den Spaßfaktor einer überdrehten Kaffeefahrt. Fahrgäste steigen zu und aus, mehrfach wird für Erfahrungsberichte, Gespräche und interaktive Szenen Station gemacht. Im Wald oberhalb des Messegeländes treffen wir etwa Silke, die zum freien Tanzen einlädt. Wir lauschen dem „Berufungsberater“ Thomas und einem Carsten, der sich per simulierter Video-Liveschaltung aus Ibiza meldet: Früher legte er Platten auf, jetzt Plattitüden. Weiter geht’s nach Burbach zum THW, in Teamarbeit Sandsäcke schichten, wieder begegnen uns Pfadfinderinnen.

Die Heimfahrt verläuft besinnlich, dank Hartmut, der von sich erzählt und mit verschiedenen Instrumenten aufspielt. Danach gemütliches Beisammensein: Bei einem Festmahl auf dem Landwehrplatz tischt Selbstversorgerin Petra Produkte aus eigener Herstellung auf. Die lebensbejahende Tafelmusik dazu, teils mit Texten wie aus dem Kirchenliederbuch und pathetischer Inbrunst, spielen Silke und Hartmut live – gegen Hutsammlung. Ein (unfreiwillig?) komisches Schlussbild, das verdeutlichte, wie nah Klischee und Realität oft beieinander liegen.

Termine: 21./ 22./ 23. Juni, jeweils 19 Uhr. Karten: Tel. (06 81) 30 92 486.

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