„Lara“ mit Corinna Harfouch

Kinofilm „Lara“ mit Corinna Harfouch : Alles Schlechte zum Geburtstag!

Neun Jahre nach seinem gefeierten Debüt „Oh Boy“ zeigt Jan-Ole Gerster seinen zweiten Film: „Lara“, ein großer Wurf mit Corinna Harfouch.

Ein Fresskorb geht immer. Wer nicht weiß, was er einem anderen schenken soll, kauft einen Fresskorb. Wenn allerdings ein Sohn seiner Mutter zum 60. Geburtstag so einen Korb präsentiert, ist das eher ein trauriger Witz – wie so vieles in Jan-Ole Gersters neuem Film. Es ist erst sein zweiter nach seinem gefeierten Debüt „Oh Boy“ (2012). Lange hatte Gerster nach einem Stoff gesucht, schließlich das Drehbuch des Slowenen Blaz Kutin gefunden. „Lara“ ist wieder ein großer Wurf geworden: ein Porträt von beeindruckender Tiefe.

Wie in „Oh Boy“ konzentriert sich die Handlung auf einen Tag. Lara (Corinna Harfouch) wird 60, und ihr Sohn Viktor (Tom Schilling) gibt das wichtigste Klavierkonzert seiner Karriere: sein Debüt als Komponist. Den Freudentag beginnt Lara allerdings damit, dass sie sich aus dem Fenster stürzen will, aber zwei Polizisten klingeln bei ihr und schleppen sie als Zeugin zu einer Wohnungsdurchsuchung. „Einmal Beamtin, immer Beamtin“, meint einer der beiden. Zwar hat Lara bis zu ihrer Pensionierung in der Stadtverwaltung gearbeitet, den Job aber eisern verachtet. Ihre Leidenschaft gilt der Musik. Sie hat Klavier gespielt, hatte große Pläne. Bis ein einziger, vernichtender Satz ihres Professors dazu führte, dass sie aufhörte zu spielen. Das ist der große Schmerz in Laras Leben, das danach falsch und vergiftet verlief. Sie hat das an ihrem Sohn ausgelassen, ihn unterrichtet, seine musikalische Karriere forciert. Es ist eine Scherbenexistenz, vor der Lara an ihrem 60. Geburtstag steht.

In dem zeitlich engen Rahmen, den er sich gesetzt hat, zeichnet Gerster ein maximal intensives Porträt. Nicht, dass Lara viel von sich erzählte, so eine ist sie nicht. In den Begegnungen dieses Tages entsteht vielmehr das Bild einer Frau, der Kontrolle über alles geht, die perfektionistisch ist, manipulierend und boshaft sein kann, die aber kein Monster ist. Deren verfehltes Leben vielmehr unseres berührt. Für die Rolle hat Gerster Corinna Harfouch gewinnen können – ein Glücksfall. Lara ist ganz und gar ihr Film. Eine faszinierende Mischung aus beherrschter Leidenschaft, Intelligenz, Verhärmung, Sehnsucht und Trotz strahlt Harfouch aus.

Immer wieder scheint sich Laras Mund kritisch zuzuspitzen, ihre ganze Lebensenttäuschung liegt in diesem Tabaksbeutelmund. Lara kauft alle Karten auf, die es für das Konzert ihres Sohnes noch gibt. Dann kauft sie ein teures Cocktailkleid und lässt sich im kleinen Schwarzen durch Berlin treiben. Sie trifft ehemalige Kollegen, ihren Nachbarn (André Jung), ihren früheren Klavierprofessor (Volkmar Kleinert), macht Zufallsbekanntschaften, denen sie die Karten für den Klavierabend in die Hand drückt. Freunde hat Lara nicht.

Am Abend nach dem Konzert, das Gerster glücklicherweise nicht als Versöhnungs- und Erlösungsmoment inszeniert, trifft Lara ihren ehemaligen Klavierprofessor wieder. Sie erinnert sich genau an den Satz, der ihr Leben zerstört hat: „Wenn ich an den Tag Ihres ersten öffentlichen Auftritts denke, bedauere ich Ihre Eltern jetzt schon für die Blamage.“ Für Lara ist ihr alter Professor immer noch die Autorität – sie will hören, dass es richtig war, das Klavierspiel aufgegeben zu haben. Ach was, der Satz, sagt der alte Klavierprofessor ohne jede Reue, das habe er einfach nur so gesagt. „Sie hatten sehr großes Talent.“ Eine tieftraurige Pointe. Schon was sich dabei im Gesicht von Corinna Harfouch abspielt, die Ausbreitung der Leere, ist Grund genug, sich diesen Film anzusehen.

„Lara“ läuft ab Donnerstag in der
Camera Zwo in Saarbrücken

Mehr von Saarbrücker Zeitung