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Künstlerin Andrea Neumann ist im Alter von 51 Jahren gestorben

Ein Nachruf auf Andrea Neumann : Malerei der Offenheit und Andeutung

Die Künstlerin Andrea Neumann ist im Alter von nur 51 Jahren gestorben. Ein Nachruf – und ein Blick auf ihre einzigartige Arbeit.

Im vergangenen November schien die Welt noch in Ordnung. Geschäftig und voller Vorfreude organisierte die Malerin Andrea Neumann die „Tage der Bildenden Kunst“ in ihrem Atelier und hatte sich sogar ein Folkmusik-Duo eingeladen. Die Stimmung war heiter und geschäftig. Was nur enge Freunde wussten:  Sie war damals schon schwer krank. Am Donnerstag verbreitete sich dann die Nachricht in Windeseile in den sozialen Medien: Andrea Neumann war am Mittwochmorgen gestorben, im Alter von nur 51 Jahren.

Neumann wurde 1969 in Stuttgart geboren worden. Zum Studium der freien Kunst kam sie 1991 an die Hochschule der Bildenden Künste (HBK) ins Saarland und blieb. An der HBK studierte sie vor allem bei Bodo Baumgarten und Jo Enzweiler und lernte zwei auf den ersten Blick widerstreitende Positionen kennen, aus denen sie ihren ganz eigenen Weg entwickelte.

Viele Kollegen beschreiben sie als Vorbild und Lehrerin, sie unterrichtete zeitweise auch an der HBK. Mit ihrer Freundin, der Kommunikationsdesignerin Susanne Schön, übernahm sie 1996 die Malschule ZiegenbART in St. Arnual. „Die Vermittlung von künstlerischem Arbeiten und Sehen war ihr wichtig und machte ihr großen Spaß“, erzählt Schön. Viele herausragende Studierende der HBK gingen zuvor bei Neumann und Schön in die Lehre. Das belegt die Bedeutung der Schule eindrücklich.

Andrea Neumann engagierte sich sehr für die Künstler der Region. Sie war im Saarländischen Künstlerbund aktiv, saß im Vorstand des saarländischen Künstlerhauses und der Ankauf-Kommission des Forschungszentrums für Künstlernachlässe in Saarlouis. Künstlerbund-Vorsitzender Dirk Rausch erzählt begeistert von ihrer Art zu diskutieren: „Auch wenn sie vielen zurückhaltend und fast introvertiert schien, konnte sie ihren Standpunkt selbstbewusst vertreten und in der Sache wunderbar konstruktiv streiten.“ Schmunzelnd erzählen Schön und Rausch, wie detailversessen Neumann diskutieren konnte, wenn es ihr wichtig war. Die beiden zeichnen im Gespräch das Bild einer tiefgründigen und nachdenklichen Künstlerin. Trotz dieser Ernsthaftigkeit sei sie unglaublich humorvoll gewesen und optimistisch durch das Leben gegangen.

Neumann lebte mit ihrer Tochter in Spicheren in einem alten Bauernhaus, das sie mit Freunden hergerichtet hatte. Ihr Atelier hatte sie in der Sonderwerkstatt gegenüber dem Kulturzentrum am Eurobahnhof (KuBa), wo sie ein häufiger Gast war. KuBa-Kurator Andreas Bayer beschreibt Neumann als sehr unkomplizierten und warmherzigen Menschen. Er betont, wie wunderbar man sich mit ihr über Kunst austauschen konnte. „Mit Andrea Neumann verlieren wir eine der bedeutendsten Malerinnen der zeitgenössischen Kunst im Saarland.“

Tatsächlich vertrat Neumann eine singuläre Position in der deutschen Malerei, die unverwechselbar war. Sie malte mit Eitempera auf Baumwolle. Das ist ungleich komplizierter als die Malerei mit modernen Acrylfarben, die Transparenz der Farbe betonte aber auch die Stimmung in ihren Bildern. Aus der Figuration heraus entwickelte sie einen ganz eigenen Stil. Sie malte vor allem Menschen vor undefinierten Räumen, schemenhaft erkennbar und sich in Farbnebeln auflösend. Oft kann man Details zu den Personen an ihrer Kleidung oder an Utensilien erkennen. Fasziniert verharrt man minutenlang vor den Bildern. Neumanns rätselhafte Malerei lebt von der Andeutung und dem Anspruch an den Betrachter, den Bildinhalt weiterzudenken. Das Werk gibt keine Antwort und bietet keine Auflösung.

Neumanns Malerei ist geprägt von einem kontrollierten Zufall. Sie malte sehr konzentriert und reflektiert, jeder Schritt war wohlüberlegt, und doch ließ sie nicht selten den Zufall zu, legte die Leinwand auf den Boden und ließ die Farbe fließen. Das führt zum Eindruck von Bewegtheit und Dynamik im Bild, auch wenn die Figuren oft reglos zu verharren scheinen. So erzeugte sie eine lebhafte Spannung. Vielfach strömt die Farbe frei über den Bildgrund. Wolkige Partien bluten an den Rändern aus, an anderen Stellen kumuliert die Farbe. Jedes Bild ist auch Experiment und der Versuch, das eigene vorgefasste Konzept mit der eigenen Intention und dem Material auszutarieren. Susanne Schön beschreibt den Malakt als äußerst akribischen und bedächtigen Vorgang und erzählt, wie Neumann jedes Werk in einem inneren Kampf über Monate entstehen ließ. Noch bis zuletzt habe sie gearbeitet und zwei kleinere Arbeiten in die aktuelle Künstlerhaus-Ausstellung geschickt.

 Ein titelloses Gemälde von Andrea Neumann aus dem Jahr 2007 (Ei auf Tempera).
Ein titelloses Gemälde von Andrea Neumann aus dem Jahr 2007 (Ei auf Tempera). Foto: Raphael Maass

Andrea Neumann wird in der saarländischen Kunstlandschaft eine große Lücke hinterlassen. Ihren Werken wird man immer wieder begegnen – und ihren wahren Wert wohl erst in einigen Jahren erkennen.