1. Saarland
  2. Saar-Kultur

Künstler Gerhard Richter über seine Kirchenfenster in Tholey

Künstler Gerhard Richter über seine Kirchenfenster in Tholey : „Tja.“

Der Künstler über seine Fensterentwürfe für die Abteikirche in Tholey und die Kraft des Zufalls contra göttliche Vorsehung.

Der weltbekannte, in Köln lebende Künstler Gerhard Richter (87) hat für die Abteikirche in Tholey drei Chorfenster entworfen (wir berichteten mehrfach). Richter hat seine Entwürfe dem Tholeyer Kloster unentgeltlich zur Verfügung gestellt, wie er auch vor zwölf Jahren für die Gestaltung des Südfensters im Kölner Dom kein Honorar genommen hatte. Ein Gespräch mit Richter aus der „Rheinischen Post“ über seine Fenster und sein Verhältnis zur Religion.

Wie kam es zum Entwurf der drei Fenster?

RICHTER Als mich aus dem Saarland die Anfrage erreichte, ob ich für das Kloster Tholey drei Kirchenfenster entwerfen könne, war ich damit beschäftigt, ein Buch zu machen: „Patterns“ (Muster), 2012 erschienen. Ich sagte: „Ich bin gerade dabei“ und wählte für Tholey die Motive, die ich vor mir hatte. Was ich allerdings nicht berücksichtigt hatte, war, dass ich von der Umsetzung von Grafik in Glasmalerei nichts verstehe. Da ich nicht wusste, was dabei herauskommen würde, habe ich gesagt: „Das macht Ihr auf Eure eigene Verantwortung.“

Was hat Sie daran gereizt, ausgerechnet für die Tholeyer Abteikirche Entwürfe bereitzustellen?

RICHTER Ich habe das Kloster gar nicht gesehen - bis heute nicht. Ich kenne es nur von Fotos und von Beschreibungen, weiß, dass es das älteste Kloster auf deutschem Boden ist und dass es für viel Geld renoviert wird. Und dann habe ich das  gemacht.

Die Internetseite „St. Wendeler Land Nachrichten“ berichtete im März  dieses Jahres, Ihre Fenster stellten visualisierte Musik-Harmonien dar, die mit dem estnischen Komponisten Arvo Pärt zusammenhingen. Und angesichts der Tatsache, dass Gott als letztes Mysterium für die Menschen visuell verschlossen sei, sollten die Fenster ausdrücken, „dass Gott höchste Harmonie bedeutet“.

RICHTER Aha. Das wusste ich nicht. Ich habe zwar mal mit Pärt zusammengearbeitet, das hat aber nichts mit den Fenstern zu tun. Man macht offenbar viel Wind, damit das Projekt berühmt wird.

Wenn die Fenster mit Pärt nichts zu tun haben – womit dann?

RICHTER Das weiß ich nicht.

Aber mit Musik haben sie doch wohl zu tun?

RICHTER Ja, aber nicht mehr als alle anderen Bilder von mir.

Die stark farbigen rhythmischen Linien der Entwürfe sind etwas Neues in Ihrem Schaffen.

RICHTER Die sind durch das Buch entstanden, haben sich ergeben, von allein. Sie haben natürlich schon mit Gott zu tun, mit dem Wunsch, im Leben einen Sinn zu erkennen, eine Kirche zu bauen.

Kann man sagen, Sie haben Ihre Fenster zum Ruhme Gottes entworfen – oder ist das zu pathetisch?

RICHTER Zum Ruhme Gottes nicht, aber zum Trost der Betrachter.

Zu Ihrem Fenster im Kölner Dom sagten Sie seinerzeit, es zeige den Zufall als überwältigende Macht, nicht etwa göttliche Vorsehung. Hat sich Ihre Haltung geändert?

RICHTER Das ist schön gesagt. Dazu stehe ich.

Stehen Sie dazu auch im Zusammenhang mit den Fenstern in Tholey?

RICHTER Ja, doch.

Trost klingt nach Glaube, Zufall klingt eher nach Agnostizismus, also nach der Lehre, welche die Existenz des Göttlichen oder Übersinnlichen weder bejaht noch verneint. Wie bringen Sie beides zusammen?

RICHTER Tja.

Vielleicht muss es ja gar nicht zusammenpassen, vielleicht sind es nur zwei Seiten ein und desselben Menschen, vielleicht des Menschen überhaupt?

RICHTER Ja, das kann man durchaus so sagen.

Sie sind als junger Mann aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Wie müsste sich die Kirche ändern, damit Sie wieder eintreten?

RICHTER Ich glaube, das geht gar nicht. Man wird sicherlich etwas anderes finden, um etwas zu glauben. Wir wissen ja nichts, deshalb glauben wir.

Finden Sie Kirche wichtig als moralische Grundlage der Gesellschaft?

RICHTER Ja, noch ist sie der bedeutendste Spender von Heil und Trost.

Ihre Kirchenfenster in Tholey werden wohl im Juni 2020 eingeweiht. Am 4. September sollen einen Tag lang Provisorien zu sehen sein.

RICHTER Die kenne ich nur per Foto. Aber so ungefähr kann ich mir das vorstellen. Der Umgang mit Glas ist kompliziert. Da halte ich mich raus.

Ein Kunstwerk für eine Kirche zu entwerfen ist oft  mit der Vorstellung verbunden, etwas für die Ewigkeit zu erschaffen. War das auch bei Ihnen  so?

RICHTER Auf keinen Fall. Aber etwas Längerfristiges: sehr gern. In den heutigen Museen gibt es ja das Gefühl von Ewigkeit nicht mehr. Das ist alles bunt und munter und so weiter. Da ist eine Kirche ganz gut. Da macht es Freude, dass man etwas schafft, das ein wenig länger hält.

Ihre Kunst wird in Tholey auf Werke einer Künstlerin treffen, deren Fenster sich in den Seitenschiffen befinden. Ihre Fenster sind ungegenständlich, die Fenster der in München lebenden Afghanin Mahbuba Elham Maqsoodi dagegen poppig-figürlich, unmittelbar an Szenen aus der Bibel angelehnt. Stört Sie dieses Zusammentreffen unter einem Dach?

RICHTER Ich kenne diese Bilder nicht. Davon ist mir gar nichts gesagt worden.

Was wünschen Sie sich von den künftigen Besuchern der Abteikirche – wie sollen sie Ihre Glasfenster finden?

Das von Gerhard Richter gestaltete Kirchenfenster im Kölner Dom, das 2007 eingeweiht wurde. Foto: Dombauarchiv Köln, Matz und Schenk / dpa Foto: dpa/Matz un

RICHTER Schön.