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Künstler Genc Mulliqi ist sechs Wochen zu Gast im Saarbrücker KuBa

Trotz Corona nicht unglücklich : Riesenköpfe warnen vor der Vergangenheit

Gestrandet in Saarbrücken: Der albanische Künstler Genc Mulliqi ist sechs Wochen zu Gast im KuBa. Dabei hätte einiges anders laufen sollen.

Es war ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt – und doch ist der albanische Künstler Genc Mulliqi glücklich, in Deutschland zu sein. Seit Anfang März lebt der Bildhauer wie geplant sechs Wochen lang im Gast-Atelier des Saarbrücker Kulturzentrums am Eurobahnhof (KuBa). Trotz der Corona-Krise ist Mulliqi nicht unglücklich, denn er habe nun viel Zeit zum Arbeiten, erklärt er schmunzelnd, und tatsächlich war es im KuBa wohl selten so ruhig. Dabei hätte einiges anders laufen sollen.

Mulliqi wollte zwar auch arbeiten, doch es ging ihm vor allem um neue Kontakte. Er wollte neue Menschen kennenlernen und neue Netzwerke zu Kollegen und zur HBK Saar knüpfen. Insbesondere an der heimatlichen Universität der Künste in Tirana wird man auf ihn schauen und kann sich die Erwartungen vorstellen.

Nun bleibt ihm vor allem der Kontakt zu den KuBa-Mitarbeitern und den Künstlern des Hauses, insbesondere zu seinem Freund Martin Steinert. Die beiden Bildhauer hatten sich vor zwei Jahren bei einer Ausstellung in Italien kennengelernt und blieben in Kontakt. Im Sommer will Steinert eine seiner „Wooden Clouds“ in Tirana installieren. Steinert war es auch, der Mulliqi auf die Möglichkeit des Gaststipendiums im KuBa hinwies. Der bewarb sich und erhielt eine Zusage.

Der 1966 geborene Künstler studierte in den 80er Jahren an der Kunstakademie in Tirana Bildhauerei. Damals noch stark beeinflusst vom sozialistischen Realismus, war die Ausbildung streng akademisch geprägt. „Es war in Albanien gefährlich, Kunst abseits der Vorstellungen der Kommunistischen Partei zu machen.“ Mulliqi gehörte damals zu einer Gruppe Studenten, die sich gegen diese traditionelle Kunstausbildung auflehnten und freier arbeiten wollten. „Ich habe nie gemacht, was mir meine Lehrer sagten, und bin stattdessen meinem inneren Drang gefolgt.“

Nach dem Ende der Abschottung des Landes und der politischen Wende erkundete er Europa und erwarb Ende der 90er Jahre einen Master an der Wimbledon School of Art. Eigentlich war er nach London gekommen, um Design zu studieren, erzählt Mulliqi, entschied sich dann aber doch für ein Kunststudium. Inzwischen unterrichtet er an der einzigen Kunsthochschule Albaniens in Tirana. „Es ist schwer, als Künstler in Albanien zu überleben“, sagt er über sein Heimatland.

Blättert man durch die Ausstellungskataloge der vergangenen Jahre, fällt sofort auf, dass Mulliqi sehr vielseitig arbeitet. Ein zentraler Aspekt seines Werkes sind Bildhauerei und Malerei. Mit großer Freude am Experiment schafft der Albaner vor allem Serien, deren Motive er immer wieder aufgreift, variiert und weiterentwickelt. Als Bildhauer arbeitet Mulliqi vor allem mit Ton: „Mich fasziniert das Material“, sagt Mulliqi. „Es lässt sich leicht bearbeiten und formen, ist außerdem günstig und bietet alle Möglichkeiten“, so der Tiraner.

Ein immer wiederkehrendes Thema sind die „Heads“, gewaltige Köpfe aus Ton. 2007 stellte er in London eine erste Serie aus. Diese stark an archaische Formen der Kykladenkultur erinnernden Köpfe sind zwar stark abstrahiert, bleiben aber als solche erkennbar.

„Für zeitgenössische Künstler bin ich unmodern, für Traditionalisten zu modern“, sagt Mulliqi von sich. Detailversessen arbeitet sich Mulliqi an den Oberflächen ab, lässt das Material in zarten braun-weiß-grauen Farbbalken abstrahierte Landschaften nachempfinden und impft in die rauen Oberflächen kleine Löcher, Krater und rechteckige Vertiefungen. Eine zweite Serie, die an Buddha-Köpfe erinnert, ist ebenfalls geprägt von der schrundig-verwitterten Oberfläche aus Zeichen und Formen.

In den folgenden Jahren wurde Mulliqis Schaffen reicher. Es tauchen Objekte auf, die mit ihren vielgestaltigen Oberflächen wie archäologische Artefakte einer unbekannten Zivilisation oder fossile Vogelschädel anmuten. Sie wirken seltsam bedrohlich, als ob sie jeden Moment zum Leben erwachen. Auch die „Heads“ jener Jahre muten immer stärker wie Objekte einer fremden Zivilisation an. Die Formenvielfalt der Köpfe steigt, die Öffnungen in den Schädeln werden größer und formenreicher. Fast scheint es, als trügen die Köpfe ihre Erinnerungen und Gedanken für alle sichtbar auf der Oberfläche. Alltägliche und vertraute Symbole wechseln mit kryptischen Rastern, Formen und Öffnungen. Die Geschichte der Köpfe bleibt unerzählt und muss vom Betrachter gesponnen werden. Für den Künstler mahnen seine Objekte an eine längst überwunden geglaubte Vergangenheit mit Kriegen, religiösem Fanatismus und sozialen Spannungen.

In Saarbrücken greift Mulliqi gerade ein altes Thema auf, das er neu verarbeitet. Schon in den 2000er Jahren fotografierte er in heimischen Wäldern verrottende Baumstämme und -stümpfe. Nun verewigt er diese wunderbar malerisch. Die „gefallenen Stämme“ mutieren zu unheimlichen Wesen. Ein Baumstamm erinnert an ein erwachendes Biest zwischen Echse und Mensch. Ein zweites Wesen ähnelt einem Mönch in Kutte. Doch statt eines Gesichtes führt ein unheimlich rot leuchtendes Loch in die Tiefe des Raumes. Die Hintergründe sind seltsam lichtdurchwirkt, die Wesen in Käfigen aus Lichtstrahlen gefangen. Tritt man näher, erkennt man Spuren von Klebern, die teilweise wieder entfernt wurden. So sind Übermalungen entfernt, und Linien durchziehen das Bild. „Die ‚Fallen Trunks‘ sind Symbol für die stete Transformation in Kunst und Leben“, erklärt er.

Außerdem greift Mulliqi seine „Heads“ wieder auf. Ein großer Kopf ruht halbfertig im Atelier und muss feucht gehalten werden. Der Ton ist rau, kleine Steinchen durchziehen das Material. Mulliqi schneidet aus dem Hohlkörper Formen und lässt ein formenreiches Gitter stehen. Am Hinterkopf ist ein perspektivisch verzerrtes Kirchenfenster erkennbar. Es ist eines der Chorfenster der Kapelle im Wintringer Hof. So reist ein kleines Stückchen Saarland mit nach Albanien. Es wird nicht seine stärkste Arbeit werden, aber eine schöne Erinnerung an eine nicht ganz einfache Zeit im Saarland.