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Kolumne MOP-Tagebuch: Eine Regisseurin sieht rot

Kolumne MOP-Tagebuch : Eine Regisseurin sieht rot

Natürlich – die persönlichen Begegnungen fehlen einem in dieser Online-Festivalausgabe. Aber man kann das auch positiv sehen, denn Kontaktlosigkeit schützt auch vor ungewollten und bisweilen bizarren Begegnungen.

Es mag um die 15 Jahre her sein, da lief eine romantische Komödie im Wettbewerb, die uns in der Redaktion kollektiv kalt ließ, was auch in meinen Text zum Film einfloss. Andere Zeitungen sahen den Fall ähnlich, und die Filmemacherin sah offensichtlich rot. Dunkelrot.

Als ich unschuldigen Schrittes durch das Pressecafé im Domicil Leidinger wandelte, hörte ich den hingeraunten Satz „Der da ist das“ und sah mich mit der Regisseurin konfrontiert, die mir in einem längeren Vortrag meine provinzielle Inkompetenz erklärte. Das hätte sie gerne noch viel länger gemacht, hatte aber schon einen weiteren Kollegen im Blick, der offensichtlich ebenfalls eines Vortrags über die Grenzen der Filmkritik bedurfte. Zum frostigen Abschied drückte sie mir noch ihre Visitenkarte in die Hand; eine bizarre Geste, hatte doch keiner von uns beiden in diesem Leben Interesse an weiterem Kontakt. Die Karte lag lange in einer Schublade und ließ mich von dort aus regelmäßig frösteln. Bei einem Büroumzug fiel sie einer Entrümpelung zum Opfer, an den Namen der Regisseurin kann ich mich nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich Verdrängung.