Kölner N.N. Theater bei der Sommer Szene in Saarbrücken

„Sommer Szene“ : Regengüsse machen Käpt’n Nemo nass

Der Wettergott wird beim Beginn der vorerst letzten „Sommer Szene“ in Saarbrücken zum Hauptakteur.

„Klar, dass bei der letzten Ausgabe dieses Festivals der Himmel weinen muss!“ So bilanzierte das Kölner N.N. Theater am Dienstag lakonisch seinen heftig verregneten Auftritt auf dem Schlossplatz. Ja, irgendwann konnte man die wiederholten Wolkenbrüche nur noch mit Galgenhumor nehmen. Andererseits bescherten die himmlischen Sabotageakte beim Auftakt der diesjährigen und leider finalen Edition der „Sommer Szene“ ein ungemein authentisches Theatererlebnis: Man wurde so durch und durch nass, dass man sich derart unter Wasser gesetzt wirklich „20 000 Meilen unter dem Meer“ wähnte. Und das, obwohl die fidele französische Brassband „La Fanfare Jo Bithume“, verstärkt um die drei gallischen Komiker „Les Goulus“, noch kurz zuvor dem Wettergott ausdrücklich „Let the sunshine in!“ abgefordert hatte. Vergeblich.

Just, als die große Abendvorstellung anfangen sollte, donnerte es und schüttete bald darauf wie aus Kübeln. Alles rannte, rettete, flüchtete. Die meisten Zuschauer räumten die bereits in Besitz genommenen Bänke, um irgendwo Schutz zu finden: Man quetschte sich vor die Getränkestände, pfropfte sich in Türeingänge und presste sich im Vertrauen auf die schmalen Dachsimse sogar hoffnungsvoll gegen die Wände des Schlosses. Die besser Präparierten blieben wacker hocken und erwarteten das Ende des Gusses zusammengekauert unter Regenjacken, Schirmen oder Plastiktüten. Dieses Spektakel sollte sich im Lauf der nächsten Stunden mehrmals abspielen – und nach jeder Unterbrechung mussten mit Schrubbern die Wasserpfützen von der nicht überdachten Bühne gewischt und technisches Gerät sorgfältig trocken getupft werden.

Das imponierende Gros der Zuschauer, die ohnehin in überwältigender Anzahl herbeigeeilt waren, harrte dennoch tapfer auf feuchtem Hintern aus. Denn erstens sind Straßentheaterfans ohnehin hart im Nehmen. Zweitens galt es, unbedingt die letzte Ausgabe der Internationalen Straßentheatertage mitzuerleben: Nach 34 Jahren geben die beiden Kulturmacher Charlie Bick und Marion Künster ihr Asphalt-Festival auf (wir berichteten). Und drittens gehört das N.N. Theater zu den absoluten Publikumslieblingen der Sommer Szene: Die Kölner waren schon 1990 mit von der Partie und zeigten an verschiedenen Standorten bislang zwanzig verschiedene Produktionen – allesamt Adaptionen von Literatur-, Theater- und Filmklassikern, bei denen jahrzehntelang der 2018 verstorbene Regisseur George Isherwood den Blick fürs Tragikomische und Mehrdeutige schärfte.

Diesem Stil, humorvoll und frech den Staub aus den Vorlagen zu klopfen, ohne sie zu veräppeln, ist die Truppe treu geblieben und hat nun gleich zwei neue Produktionen mitgebracht. Zum Auftakt zeigte sie „20 000 Meilen unter dem Meer“: eine apokalyptische Tiefsee-Dystopie, bei der das Ensemble den gleichnamigen fantastischen Roman Jules Vernes leichthändig mit Shakespeares Drama „Der Sturm“ verquickt, eine Brücke in die Gegenwart schlägt und das Ganze mit rustikaler Seemanns-Romantik und Umwelt-Gewissen impft. Abenteuer, Liebeswirren, Korruption versus Verantwortung, Klimakrise, Plastikvermüllung der Ozeane, ethische Hinterfragung des Machbaren – alles drin.

Da werden sowohl Beziehungsfäden wie Schleppnetze der Historie munter aufgedröselt und neu verknüpft, bis man am Ende nicht mehr weiß, ob das Schiff, mit dem der Meeresforscher Arronax und der Harpunier Ned Land einem vermeintlichen See-Ungeheuer zu Leibe rücken wollen, absichtlich vom U-Boot des rachsüchtigen gesellschaftlichen Outlaws Kapitän Nemo gerammt wird. Oder ob alles lediglich ein Öko-Märchen ist – ein irrwitziger Sommernachts(alb)traum, der nur passiert, weil Prospera, die kiffende Gebieterin des umtriebigen und zauberischen Luftgeists Ariel, auf ihrer Insel aus Langeweile mit ihrem Diener Schiffe-Versenken spielt.

Die maritime Reise der beiden Schiffbrüchigen, die von Nemo und dessen Tochter Miranda als „Gäste auf Lebenszeit“ auf der Nautilus gefangen genommen werden, erzählen die Kölner gewohnt fabulierfreudig und erfinderisch: mit einem wieder mal so simplen wie effektvollen und funktionalen Bühnenbild (eine Art folierter Iglu mit Rotor, aus dem sich alles Mögliche basteln lässt); mit querverweisenden Zitaten, Slapstick, fliegenden Rollenwechseln, herrlich albernen Einfällen und kreativen Requisiten – metathematisch passend ist hier reichlich Polyester im Einsatz.

Und, typisch fürs N.N. Theater, mit einer wirkungsvollen, live produzierten Geräusch- und Musikkulisse aus Stimme, Instrumenten und elektronischer Verfremdung. Das Finale gerät gar zirzensisch: Bei der Frage, ob diese schöne neue Welt noch zu retten ist, sausen alle auf einem schwindelerregenden Karussell umeinander.

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