„Kamp“ beim Festival Perspectives

„Kamp“ beim Festival Perspectives : „Es geht um die Opfer, nicht die Täter“

Die holländische Künstlerin Pauline Kalker über das Stück „Kamp“, das in Saarbrücken beim Festival Perspectives zu sehen ist.

Es ist das düsterste Stück beim Festival Perspectives in diesem Jahr. In „Kamp“ spielt das holländische Künstlerkollektiv „Hotel Modern“ den Alltag im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau nach  – mit Modellen und Figuren, mit Geräuschen, ohne Dialog. 2005 hat die Künstlergruppe (Pauline Kalker, Arlène Hoornweg, Herman Helle) das Stück entwickelt und spielt es seitdem weltweit – aber selten. Wir haben mit Pauline Kalker über „Kamp“ gesprochen.

Frau Kalker, wie haben Sie in Holland das Ergebnis der Europa-Wahlen erlebt? Waren Sie überrascht, dass die neue rechtspopulistische Partei „Forum voor Democratie“ weniger Stimmen bekommen hat als von vielen vorhergesagt wurde?

KALKER Ich war überrascht, jetzt bin ich froh und erleichtert. Ich glaube, dass diese Partei diesmal nicht so erfolgreich war, weil sie sich früher besser getarnt und zuletzt eher ihr wahres Gesicht gezeigt hat. Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich glaube, bei den nächsten Wahlen in Holland wird es ähnlich sein. Aber man muss sich Sorgen machen. Ich bin vom Erfolg dieser Partei abgestoßen.

Pauline Kalker bei der Arbeit an dem Lagermodell. Kalkers Großvater wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet. Foto: Hotel Modern/Leo van Velzen

Wird Ihr Stück „Kamp” umso wichtiger, weil viele Gesellschaften wieder zunehmend nationalistisch werden?

KALKER Sicherlich. Dieser Prozess des wachsenden Nationalismus‘ vollzieht sich ja weltweit, nicht nur in Holland oder Europa. Im Frühjahr haben wir „Kamp“ in Los Angeles aufgeführt,  und das Publikum dort hat anders reagiert als in den Jahren zuvor. Bei dem Gespräch nach der Aufführung zogen die Menschen Parallelen zu den Lagern, die Präsident Trump für illegale Einwanderer hat bauen lassen, in denen sogar Kinder von ihren Eltern getrennt wurden. Natürlich kann man diese Lager nicht gleichsetzen mit den NS-Vernichtungslagern, aber Ähnlichkeiten gibt es. Als wir „Kamp“ in St. Petersburg gespielt haben, zog das Publikum Parallelen zu Lagern für Homosexuelle in Tschetschenien und zu Gefängnissen voller politischer Gefangenen.

Sie haben „Kamp“ auch schon einige Male in Deutschland gespielt – wie waren die Reaktionen?

KALKER Sehr unterschiedlich. Manche fanden unsere Arbeit sehr mutig, einige jüngere Leute aber meinten, sie hätten zu dem Thema schon so viele Dokumentationen im Fernsehen gesehen , dass „Kamp“ sie nicht mehr berührt habe – und dass ihnen etwas Neues gefehlt habe. Ein junger Mann fand, es sei unpassend, von Auschwitz-Birkenau mit Puppen zu erzählen. In seinen Augen könnten nur Dokumentationen den Holocaust darstellen. Ich sehe das anders, aber das war seine Meinung.

Die Täter im Modell des Vernichtungslagers. Foto: Hotel Modern/Hermann Helle

Bei der Pressekonferenz zum Perspectives-Festival meinte ein älterer Mann im Hinblick auf „Kamp“, er sei es leid, dass an die deutsche Schuld in dieser Zeit erinnert werde.

KALKER Darum geht es uns ja gar nicht. Der Anstoß zu „Kamp“ war bei mir sehr persönlich: Mein Großvater wurde in Auschwitz ermordet, und ich wollte den Ort wieder erschaffen, an dem er den letzten Monat seines Lebens verbracht hat – so konnte ich ihm in gewisser Weise noch einmal nahe sein. Uns geht es bei dem Stück nicht um Täter, sondern um die Opfer. Ich bewundere die Art, wie die Deutschen für ihre Geschichte Verantwortung übernommen haben, vielleicht unter Zwang, aber sie haben es getan. Ich bewundere auch Kanzlerin Merkel, wie sie in der Flüchtlingsfrage agiert hat. Geschämt habe ich mich für das Handeln der holländischen Regierung, auch in der Vergangenheit. Holland hat nach dem Zweiten Weltkrieg einen Kolonialkrieg in Indonesien geführt, holländische Soldaten haben dort Kriegsverbrechen begangen. Aber gesprochen wird darüber kaum, viele wissen davon nichts, denn in der Schule wird das nicht unterrichtet. So gesehen ist Deutschland da ein Vorbild. Wir alle haben die Verpflichtung, solches Grauen wie Auschwitz nicht  wieder geschehen zu lassen – wir alle, die Deutschen auch, aber nicht mehr als die anderen.

Haben Sie lange darüber nachgedacht, ob man den Alltag in einem Vernichtungslager wirklich mit kleinen Puppen statt mit realen Schauspielern nachempfinden kann?

KALKER Nein, denn vor „Kamp“ hatten wir schon ein Stück mit Puppen und Miniaturen über ein dunkles Thema aufgeführt,  „The Great War“ über den Ersten Weltkrieg – damit waren wir 2014 im Forbacher Le Carreau zu Gast. Die Brutalität des Menschen ist für uns ein grundlegendes Thema, und Puppentheater ist unsere Kunstform. Aber bei der Planung von „Kamp“ haben wir mit Überlebenden von Lagern gesprochen und mit Angehörigen der jüdischen Gemeinden in Holland. Ich glaube, nur Überlebende der Lager können letztlich entscheiden, ob man das künstlerisch machen kann oder nicht. Wir haben ihnen ein erstes Modell gezeigt, und sie waren enthusiastisch, was uns sehr ermuntert hat. Unter ihnen war mein Onkel, der Künstler Ralph Prins. Er war während des Krieges im Lager Westerbork inhaftiert, wo die holländischen Juden gesammelt wurden, bevor sie in Vernichtungslager transportiert wurden. Er hat dort Jahre verbracht, ständig in der Angst, nach Auschwitz deportiert zu werden. Nach dem Krieg hat er es nicht über sich gebracht, Auschwitz zu besuchen, aber er dankte mir für „Kamp“, weil es ihm nahebrachte, wovor er solche Angst hatte. Er hat dann eine Ausstellung in Westerbork gemacht mit Fotografien, die er von unserem Modell aufgenommen hat.

„Kamp“ gibt es seit 2005, hat die Künstlergruppe das Stück über die Jahre stark verändert oder überarbeitet?

KALKER Nein, nur kleine, meist technische Dinge, aber nichts an der Substanz des Stücks.

Wie schwer oder wie schmerzhaft ist es, „Kamp” zu spielen? Eine Routine kann es da nicht geben, oder?

KALKER Nein, eine Routine ist ausgeschlossen. Am Anfang haben wir „Kamp“ öfter gespielt, aber das war so anstrengend und belastend, dass wir das Stück ein ganzes Jahr nicht mehr aufgeführt haben. 2011 kam mein erstes Kind auf die Welt, nach der Elternzeit haben wir „Kamp“ wieder gespielt, und da war es noch schwerer für mich – vielleicht war ich da besonders empfindlich in dieser Zeit. Wir spielen das Stück nun selten, vielleicht 15 Mal im Jahr. Wir müssen es dosieren. Das Stück gibt einem keine Energie, sondern es nimmt sie. Nach der Vorstellung ist es immer sehr still.

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