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Jahresrückblick 2020 - Corona contra Kultur im Saarland

Kultur-Jahresrückblick 2020 : Kultur contra Corona – ein brutales Jahr

Auch das Kulturjahr im Saarland stand im Zeichen der Corona-Pandemie. 2020 gab es Verschiebungen, Absagen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Gute Nachrichten gab es allerdings auch.

Im Januar 2020 war auch die Kulturwelt an der Saar noch in Ordnung: Da lief gerade das Saarbrücker Filmfestival Max Ophüls Preis erfolgreich und zählte am Ende über 45 000 Zuschauer. Und Ophüls 2021? Da wird es notgedrungen eine körperlose Ausgabe geben, Bildschirm und Wohnzimmer statt Kino und Lolas Bistro – symbolischer lässt sich die brutale Wirkung von Corona auf die Kulturlandschaft kaum darstellen. Es war ein Jahr der Verschiebungen, der Absagen, der bangen Hoffnungen und der herben Enttäuschungen – und ein Jahr, in dem sich wieder einmal zeigte, dass Kultur manchen Entscheidungsträgern weniger als „systemrelevant“ gilt denn als „freiwillige Leistung“, was bisweilen als „überflüssig“ verstanden wird.

Abseits der Corona-Probleme – dazu später mehr – gab es zwei große Personalentscheidungen. Nach monatelanger Vakanz bekam das Weltkulturerbe Völklinger Hütte im  Mai eine neue Leitung: Kunsthistoriker Ralf Beil, zuvor unter anderem Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg. Und zum 1. Juli trat Andrea Jahn, zuvor Leiterin der Stadtgalerie in Saarbrücken, die Künstlerische Leitung der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz an; die Interimsleitung der Stadtgalerie übernahm die Kuratorin Katharina Ritter.

Ralf Beil wurde im Mai der neue Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte. Foto: Oliver Dietze

Die Musikfestspiele Saar wollten im Mai und Juni eine ambitionierte Konzertreihe bieten, konzeptionell an „Natur in der Musik“ orientiert. Der Virus kam dazwischen, das Programm wurde auf 2021 verschoben, aber das Festival bot unter dem Titel „MusikNetzSpiele Saar“ eine digitale Konzertreihe an (die man sich noch auf der Festivalseite anschauen kann). Überhaupt wurde das Internet durch die Pandemie zum Fluchtpunkt und zur neuen Heimat für viele Veranstaltungen und Festivals: Das Netzwerk „Resarevoir audiovisuäl“ übertrug auf seinem Kanal „quasi-live“ insgesamt 20 Konzerte. Die ehrgeizige Buchmesse Saar, die schon die Saarlandhalle gebucht hatte, erlebte ihr Debüt mit Lesungen und Diskussionen in digitaler Form. Das Festival „ErLesen! Literaturtage im Saarland“ sagte für 2020 ganz ab und hofft jetzt auf den Juni 2021. Immerhin: Die „HomBuch“ fand im September statt, wenn auch wegen der Hygieneregeln in kleinerem Rahmen.

Andrea Jahn wechselte von der Stadtgalerie Saarbrücken zur Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Foto: GMLR

Es war in diesem Jahr eben Glückssache, ob man gar nicht oder gerade noch (wie das Tanzfestival Saar des  Staatstheaters) stattfinden konnte. Dem Püttlinger Großfestival Rocco del Schlacko ließ Corona ebenso keine Chance wie den Perspectives, Klassik am See, Loostik und dem ersten geplanten „Freistil“-Festival der Freien Szene des Saarlandes in der Völklinger Hütte. Eben dort gab es in diesem Jahr auch kein „Electro Magnetic“-Technospektakel, das seit 2012 das Weltkulturerbe füllt – aber nicht wegen Corona: Veranstalter Thilo Ziegler (auch für Rocco del Schlacko verantwortlich) gab als Grund das zu hohe unternehmerische Risiko an. Ein Schlag für die Hütte, gleichzeitig wohl ein Segen für Ziegler, er hätte es später ja doch coronabedingt absagen müssen.

Auch das zehnte Jubiläum des Günter Rohrbach Filmpreises in Neunkirchen hätte man sich anders gewünscht: Doch erst musste die Gala abgesagt werden, dann das Notprogramm aus Filmvorführungen mit den Künstlern. Und schließlich konnten die Preise (Hauptpreis an „Exil“ von Visar Morinanur) nur verkündet werden. Aber die Verleihung wird am 5. November 2021 nachgeholt, als gemeinsame Gala für den zehnten und elften Jahrgang.

Abgesagt wurden auch die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth – schade auch für Pietari Inkinen, Chefdirigent der Deutschen Radio Philharmonie (DRP) in Saarbrücken. Er hätte in Bayreuth den nun verschobenen „Ring“ dirigieren sollen. Immerhin bleibt der DRP-Chef dem Saarland erhalten, er hat seinen Vertrag auf dem Halberg bis 2025 verlängert.

Nicht alle Festivals mussten abgesagt werden, fanden aber wegen aktueller Coronalage entweder fast komplett im Internet statt („filmreif!“ aus St. Ingbert etwa und die Saarbrücker „Primeurs“) oder eben unter sehr eingeschränkten Bedingungen: Das erschwerte auch im Oktober den Start des neuen Saar-Musikfestivals „Resonanzen“: Manche Termine an den elf Festivaltagen mussten kurzfristig abgesagt werden, konzertiert wurde vor coronabedingt wenig Publikum unter anderem im Pingussonbau und im alten „Europe 1“-Sender in Berus. Das Programm war exzellent, irgendwo zwischen Experiment, Pop und Jazz – hoffentlich bleiben die Leiter Sebastian Studnitzky und Inéz Schaefer dem Festival erhalten, das in zwei Jahren weitergehen soll.

Bundesweit viel Resonanz fanden Gerhard Richters Fenster in der Abteikirche Tholey: In den ersten drei Monaten kamen Zehntausende Besucher. Bundesweite Preise gingen auch in diesem Jahr ins Saarland: Der renommierte „Spielstätten“-Preis der Initiative „Applaus“ ging an das „Glashaus Saarschleife“ in Dreisbach und an den Bahnhof Püttlingen; und nicht zum ersten Mal erhielten die Rote Zora in Merzig und die Bücherhütte Wadern den Deutschen Buchhandlungspreis.

Corona stürzte auch die Veranstaltungsbranche in die Krise – hier ein Foto von der Demo „Night of Light“ im Juni vor dem Saarländischen Staatstheater. Foto: BeckerBredel

Gute Nachrichten in einem Jahr, das ansonsten für Kulturschaffende, Veranstalter, Solo-Selbständige, für freie Künstlerinnen und Künstler katastrophal war. Ohnehin oft prekär beschäftigt, ging es angesichts der Corona-Blockade um Existenzen. Die angekündigte Unterstützung der Politik erwies sich in vielen Fällen als nicht so unbürokratisch zu bekommen wie erhofft. Das Kulturforum der Sozialdemokratie, die Union­stiftung und die Musikfestspiele Saar legten Unterstützungsfonds auf, der PopRat Saar machte wiederholt auf die Situation aufmerksam. Ende November sagte das Saarland der Veranstaltungsbranche zusätzliche Hilfen von 1,5 Millionen Euro zu. Ob alle Firmen und Hallen die Krise überleben, wird sich im nächsten Jahr zeigen – ähnlich wie bei den Kinos.

Ein schwarzes Jahr für die Kinos: erst Schließung, dann Wiederöffnung mit Abstand und verschobenen Filmen, dann wieder Schließung.  Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Denn die Kinoschließung während des ersten Lockdowns traf die Filmtheater hart: keine Umsätze, weiterlaufende Kosten, Existenzängste. Beim Wieder-Betrieb zögerten viele mit dem  Gang ins Kino, trotz der Hygienekonzepte. Zudem verschoben die Verleiher ihre publikumsträchtigsten Filme, weil die Kinos durch die Abstandsregeln viele Plätze nicht belegen durften. Zu den Gewinnern der Kinokrise wurden die Streaming-Anbieter. Nun sind die Kinos wieder geschlossen, bis mindestens Januar. Ob alle das nächste Jahr überleben, ist zweifelhaft.

Impfungen und einer versuchten „neuen Normalität“ zum Trotz – auch das nächste Kulturjahr wird im Zeichen des Virus stehen.