Interview mit Rafik Schami

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview mit Schriftsteller Rafik Schami : „Ich bin gnadenlos mit mir“

Der Schriftsteller, der am Montag nach Saarbrücken kommt, über Syrien, das mündliche Erzählen – und die Probleme mit Leselampen im Hotel.

Der Schriftsteller Rafik Schami kommt am nächsten Montag nach Saarbrücken, um aus seinem jüngsten Roman „Die geheime Mission des Kardinals“ zu lesen – ebenso ein Krimi um einen ermordeten Geistlichen und die Ermittlungen des syrischen Kommissars wie ein Buch über Glaube, Liebe und die Konflikte in der syrischen Gesellschaft vor dem Bürgerkrieg. Die Lesung im Festsaal des Saarbrücker Schlosses, eine Veranstaltung der Reihe „Zu Gast im Schloss“ von Regionalverband Saarbrücken und der Buchhandlung Raueiser, ist bereits restlos ausverkauft. Wir haben dem 73-jährigen Rafik Schami einige Fragen gestellt.

Herr Schami, Ihr jüngster Roman „Die geheime Mission des Kardinals“ spielt in Syrien vor dem Beginn des Bürgerkriegs – war das eine Möglichkeit für Sie, sich zurück zu träumen in – zumindest relativ – bessere Zeiten des Landes? Oder ist das Wort „träumen“ da unangebracht?

SCHAMI Das Thema eines Romans diktiert den Zeitraum, in welchem die Geschichte am besten spielt. 2010 war die Zeit, in der das Regime nach außen stabil war, aber man schon die ersten Risse wahrnahm. Die Aufstände in Tunesien und später in Ägypten weckten die Hoffnung vieler Menschen auf Würde und Freiheit.

Sie haben einmal gesagt, Sie wollten beim Schreiben „schwere Inhalte verdaulich machen“ – ist die Krimihandlung in „Die geheime Mission des Kardinals“ sozusagen das Transportmittel für eine Betrachtung der Vergangenheit Syriens?

SCHAMI Ein Romancier darf nicht predigen, wenn er ernst genommen werden will, also muss seine Kunst versuchen, Moral, Ethik, Politik, Kritik so unauffällig wie möglich zu vermitteln. Je besser ein Roman geschrieben ist, umso leichter kommen die Inhalte hinter den Ereignissen zu den Leserinnen und Lesern. Hier hat das kriminalistische Element eher die Aufgabe einer Lokomotive, die die Aufmerksamkeit bis zum Ende des Romans anziehen soll.

Ihre Romanfigur Kommissar Barudi glaubt am Ende seiner Karriere, letztlich nichts erreicht, zu wenig verändert zu haben. Wie weit ist das autobiografisch?

SCHAMI Diese bittere Erkenntnis habe ich bei vielen Denkern, Künstlern, Schriftstellern, Reformern und Freiheitskämpfern beobachtet. Bei mir ist sie noch nicht eingetroffen, da ich noch nicht zu Ende erzählt habe… Fragen Sie mich bitte in zehn Jahren, dann werde ich auch ehrlich antworten.

Muss man angesichts der Welt und der menschlichen Natur nicht irgendwann die Hoffnung aufgeben?

SCHAMI Nein, ganz im Gegenteil. Jeden Morgen wache ich auf und sage mir: Es lohnt sich für Würde und Freiheit zu kämpfen, und wenn ich diese Hoffnung nicht hätte, hätte ich nicht weitererzählt.

Man wünscht sich für Syrien natürlich ein Ende des Assad-Regimes. Aber was wäre, wenn er geputscht würde?

SCHAMI Putschen hat noch nie das Problem gelöst, sondern wurde immer selbst zum größten Problem. Wenn Assad aus irgendwelchen Kalkülen von den sich einmischenden regionalen wie internationalen Mächten beseitigt werden würde, wäre sein Nachfolger eine polierte Kopie von ihm, so wie der Diktator Abd al-Fattah as-Sisi in Ägypten.

Sie sind als 24-Jähriger aus Syrien ausgewandert, seit 1971 leben Sie in Deutschland – was bedeutet das für den eigenen Heimatbegriff? Verblasst die alte Heimat mit der Zeit – und empfinden Sie heute eher Deutschland als Heimat?

SCHAMI „Heimat“ ist ein leichtes, aber mit sieben Siegeln verschlossenes Wort. Es ist merkwürdig, dass viel in der Erinnerung verblasst, aber Kindheit und Jugend umso intensiver werden, je länger das Exil andauert. Ich empfinde Deutschland als meine sehr geschätzte, sehr fragile Heimat. Jeder Angriff gegen Fremde zwingt mich daran zu denken, wo ich hingehen muss, falls hier rassistische Populisten an die Macht kommen. Auch bin ich gegen die Idealisierung der Fremden. Araber, die einen Rabbi bespucken, sind für mich keine Araber, sondern hirnlose Idioten, die als billige Handlanger der Populisten wirken.

Wie weit ist Sprache eine Heimat – Sie schreiben seit langem nicht mehr in Ihrer Muttersprache. War das ein natürlicher Prozess oder eine bewusste Entscheidung?

SCHAMI Die deutsche Sprache war mir vor der deutschen Gesellschaft eine Heimat, sie empfing mich mit offenen Armen. Ich wollte im Grunde nicht auf Deutsch schreiben, sondern weiter auf Arabisch. Ich kam ja nach Deutschland mit zwei komplett fertigen Romanen, „Eine Hand voller Sterne“ und „Erzähler der Nacht“, aber nach vier Jahren Korrespondenzen und Ablehnungen beschloss ich, auf Deutsch zu schreiben. Ich hatte damals schon Chemie studiert und war dabei, meine Promotion vorzubereiten, aber das Alltags-Deutsch fand ich nicht genügend, also lernte ich das literarische Deutsch, indem ich ganze Bücher mit der Hand abschrieb und bei jedem Absatz überlegte, wie und warum er so formuliert war. Es dauerte zwei Jahre, bis ich es wagte, ein paar meiner Kurzgeschichte ins Deutsche zu übertragen.

Kaum ein anderer Autor ist wohl so oft und lange auf Lesereisen wie Sie – ist das für Sie die Möglichkeit, von der schriftlichen Erzählung noch einmal zur mündlichen zurückzukehren, mit der Sie als Erzähler begonnen haben?

SCHAMI Ich würde sagen, ich schreibe, damit ich reisen und meine Geschichten frei erzählen kann. Meine Lebensaufgabe ist es, diese Kunst des mündlichen Erzählens ins 21. Jahrhundert gegen alle Unkenrufe zu retten, und ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage: Es macht mir großen Spaß, das Publikum aus dem Hier und Heute in die Welt meiner Geschichten zu begleiten.

Sie lesen in vielen Ländern und Regionen. Stellen Sie da regionale oder nationale Unterschiede fest, was etwa das Alter des Publikums angeht oder seine Reaktionen?

SCHAMI Ich habe das Glück, dass mein Publikum von Anfang an generationenübergreifend war und bis heute ist. Ich reise seit fast 35 Jahren und habe über 2500 Lesungen gehalten. Ich teile die Vorurteile mancher Kolleginnen und Kollegen nicht. In jeder Stadt ist das Publikum bunt, manche reagieren spontan, manche sind zurückhaltend. Gott sei Dank ist das so.

Wenn Sie auf Lesereise abends im Hotel sind – was tun Sie da? Und genießen Sie das Leben aus dem Koffer?

SCHAMI Ich komme, wie ich es einmal gesagt habe, wie „eine glückliche Leiche“ ins Hotel, denn ich führe keine Lesung ohne gründliche Vorbereitung, da bin ich der skeptische Chemiker geblieben. Erst das Resultat beruhigt mich. Ich schreibe aber im Hotel zehn Minuten lang über meine Erfahrung in einem Spezialheft, und bin an erster Stelle gnadenlos mit mir, denn je mehr Erfolg man hat, umso bescheidener sollte man bleiben und darauf achten, dass die eigenen Produkte, in meinem Fall Bücher und Vorträge, beste Qualität beibehalten. Mein Genuss endet mit dem gemeinsamen Abendessen nach der Lesung. Alles andere ist Stress– die Fahrt, Zugverspätungen oder Stau, Hotelwechsel, fünf Tage die Woche in fünf verschiedenen Zimmern zu sein, und so weiter.

Finden Sie auch, dass zu wenige Hotels wirklich praktische Leselampen am Bett haben?

SCHAMI Absolut richtig. Wenn ich manchmal höflich nach einer Leselampe frage, schauen mich die Rezeptionsleute so entsetzt an, als hätte ich mich nach Drogen erkundigt. Aber ich bin ein geduldiger und erfahrener Nomade und wiederhole ihnen meinen Wunsch so langsam, dass ein vierjähriges Kind es versteht – dann bekomme ich manchmal eine Leselampe.

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