Interview mit Perspectives-Leiterin Sylvie Hamard

Interview mit Sylvie Hamard, Leiterin der Perspectives : „Da bekommt man schon ‚panique’“

Die Leiterin der Perspectives über das Festival, Gelbwesten, den Brand von Notre Dame und einen „bescheuerten“ Plan von Präsident Macron.

Am 6. Juni gehen die Perspectives, das deutsch-französische Festival der Bühnenkunst, in ihren 42. Jahrgang. An elf Tagen gibt es Theater, Zirkus, Konzerte und Tanz. Die letzten Wochen vor dem Festivalbeginn waren für Sylvie Hamard, seit 2008 Künstlerische Leiterin, und ihr Team wechselhaft: Ein Gastspiel sagte überraschend und kurzfristig ab, bevor der Vorverkauf mit einem Rekord startete. Ein Drittel der 10 500 Karten sind schon weg.

Glückwunsch – der Vorverkauf ist mit einem Rekord angelaufen.

HAMARD Danke, so einen Start hatten wir noch nie – unser Problem ist jetzt aber, dass einige Leute unzufrieden oder sogar sauer sind, weil sie für einzelne Termine keine Karten mehr bekommen haben. Die Enttäuschung kann ich verstehen, aber leider können wir da nicht viel tun, außer es zu erklären.

Ist das Programm kommerzieller als sonst?

HAMARD Nein, sicher nicht. Wir haben zum Vorverkaufsstart mehr Aufmerksamkeit bekommen durch das Gastspiel mit Lars Eidinger. Aber die meisten Stücke sind von jungen Regisseurinnen und Regisseuren, die dem breiten Publikum noch nicht bekannt sind, eher innerhalb der Branche. Wir haben in den letzten Jahren wohl immer mehr Vertrauen beim Publikum gewonnen – viele Zuschauer kaufen sich Karten, auch wenn sie Stück oder Künstler nicht kennen. In diesem Jahr haben wir mehrere Angebote im Freien und ohne Eintritt, etwa am Pingussonbau und im Deutsch-Französischen Garten. Wir wollen so auch Menschen ansprechen, die sich womöglich aus finanziellen Gründen keine Karten kaufen können. Vielleicht können wir so auch Menschen als treues Publikum gewinnen, die die Perspectives bisher nicht kennen.

Kurz vor der ersten Programmpressekonferenz ist ein Ensemble abgesprungen. Wie ist das für eine Festivalleiterin?

HAMARD Da bekommt man schon „panique“, aber es passiert zum Glück selten. Wir hatten Julien Gosselins Inszenierung von „Les Particules Élementaires“ nach Michel Houellebecq eingeladen – die Compagnie hatte zugesagt, weil sie auch ein anderes Gastspiel in Tallinn geplant hatte, womit die Zusatzkosten für einen neuen Techniker und eine neue Rollenbesetzung für sie vertretbar waren. Als dann Tallinn Gosselin abgesagt hat, musste er uns absagen, weil das Einzelgastspiel für die Compagnie zu teuer gewesen wäre. Die Künstler müssen genauso auf ihr Budget schauen wie wir.

Wie haben Sie reagiert?

HAMARD Wir haben viel telefoniert, mails geschrieben, Stücke gesucht. Bei der Schaubühne habe ich erstmal nicht angefragt, weil deren Gastspiele unser Budget sprengen würden.  Dann habe ich doch den Ensemble-Leiter Tobias Veit, einen Freund von mir, gefragt: „Hast Du nicht ein Stück, das ich bezahlen kann?“ Er schrieb zurück: „Doch, Lars mit ‚Goya‘“. Ein Glücksfall.

Lars Eidinger kommt am 7. Juni nach Saarbrücken. Foto: dpa/Jörg Carstensen

Dessen Autor Rodrigo Garcia ist in seiner Heimat nicht unumstritten.

HAMARD Ja, eines seiner Stücke haben extreme Katholiken in Frankreich als Blasphemie empfunden – und haben versucht, Aufführungen zu verhindern. In manchen Städten ist ihnen das gelungen, in Paris nicht. Garcias Texte sind sehr engagiert und stoßen oft Diskussionen an. Bei ihm ist es das klassische „Entweder – oder“. Man liebt das, was er macht, oder hasst es.

Sie haben jüngst gesagt, Sie hätten gerne mehr Inszenierungen aus der deutschen freien Szene gezeigt, seien aber nicht begeistert gewesen.

HAMARD Wir haben beim Festival viele belgische und französische Künstler und versuchen auch, in Deutschland Entdeckungen zu machen – wir sehen gute Sachen, aber nur selten etwas, was wir wirklich einladen wollen. Wir sind oft schon ein bisschen enttäuscht. Oder wir haben das Beste verpasst.

Der Alltag im Vernichtungslager, gespielt mit Miniaturen: „Kamp“ von „Hotel Modern“, zu sehen am 9. und 10. Juni im Saarbrücker E-Werk. Foto: Leo van Velzen/Leo voan Velzen/Perspectives

Was ist an der deutschen Szene anders als an der französischen?

HAMARD  In Deutschland werden sehr gute Regisseurinnen und Regisseure sofort entdeckt und dann fest an Häusern engagiert. Es gibt wenige Compagnien, die frei geblieben sind, wie Gob Squad, She She Pop oder Rimini Protokoll. Die meisten sind sofort fest engagiert, und die anderen haben wenig Mittel für ihre Produktionen und für die Probenzeit. In Frankreich gibt es das „statut d’intermittent du spectacle“, wo man auch für die Proben bezahlt wird. Das  gibt es in Deutschland nicht, da sind nicht immer die Mittel da, viel zu proben und auszuarbeiten.

In Paris haben jüngst Gelbwesten eine Theater-Preisverleihung gestürmt – wie finden Sie sowas?

HAMARD  Ich verstehe, dass sie diese Möglichkeit nutzen, um so Aufmerksamkeit zu erreichen. Die Preisverleihung habe ich mir ein bisschen im Fernsehen angeschaut – generell sind die furchtbar altbacken, steif und langweilig. Durch die Gelbwesten ist da wenigstens etwas passiert.

Es ging auch um Kritik an einem schrumpfenden Kulturbudget in Frankreich.

HAMARD Leider schrumpft das ja immer bei der Kultur. Das Problem in Frankreich ist, dass das Kulturministerium nicht viel Gewicht hat. Und sobald die Regierung sparen will – und gerade jetzt tut sie das, weil Präsident Macron nach den Protesten so viel versprochen hat – , trifft es  schnell die Kultur.

Haben Sie da selber Befürchtungen, was Gelder aus Frankreich angeht?

HAMARD Die habe ich jedes Jahr. Von den deutschen Trägern weiß ich immer sehr früh, wie es mit den Geldern aussieht. Ich kann dann planen. Von Frankreich weiß ich immer erst sehr spät, wie es genau aussieht – planen muss ich das Programm aber schon vorher. Zum Glück haben wir neue Sponsoren gewonnen, die die regelmäßigen Kürzungen aus Frankreich ausgeglichen haben.

Das Budget der Perspectives liegt bei 865 000 Euro. Wie stabil ist das?

HAMARD Stabil ist das schon – unser Problem ist nur, dass die Kosten in den vergangenen  Jahren, für Technik etwa oder Unterbringung, gestiegen sind. Nehmen Sie die Tribüne im E-Werk: Da mussten wir vor Jahren mit acht Euro Kosten pro Sitz rechnen – in diesem Jahr sind es 24 Euro. So haben wir unterm Strich weniger Geld für das Künstlerische.

Es gibt also Produktionen, die man sich einfach nicht leisten kann?

HAMARD Natürlich. Die großen Produktionen etwa der Schaubühne habe ich vor zehn Jahren noch eingeladen. Jetzt nicht mehr. Eine Chance ist da die Zusammenarbeit mit dem  Carreau – in diesem Jahr beim Stück „Festen“ im E-Werk, da tragen wir die Kosten gemeinsam. Wir überlegen gerade, ob wir nächstes oder übernächstes Jahr gemeinsam eine große deutsche Produktion einladen.

Im Stück „Kamp“ spielt das Kollektiv Hotel Modern den Alltag im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau nach – ist das das dunkelste und schwierigste Stück des Festivals?

HAMARD Es ist natürlich nicht einfach, aber sehr gelungen und sehr wichtig. Seit Jahren war ich an dem Stück dran, die Künstler geben selten Gastspiele. Nach der ersten Pressekonferenz sagte uns ein älterer Mann, er wolle sich kein Stück mehr anschauen, in dem es um deutsche Schuld geht. Aber darum dreht sich das Stück nicht – zwar geht es um Auschwitz und die deutsche Geschichte, aber es ist universell. Es zeigt die grausame Seite des Menschen. Die Künstler haben sich mit dem Thema beschäftigt, weil irgendwann die Zeitzeugen nicht mehr da sein werden - und für die junge Generation ist das alles weit weg. Mit realen Schauspielern auf der Bühne würde man das wohl nicht aushalten, man hätte zu wenig Distanz. Die Miniaturen machen es ertragbar.

Im April brannte die Kathedrale von Notre Dame – was haben Sie da empfunden?

HAMARD An diesem Abend war ich bei einer Ausstellungseröffnung im Schloss Versailles – mit dabei war auch der Ehemann der Architektin, die vor dem Brand bei den Renovierungsarbeiten an Notre Dame mitgearbeitet hat. Ihr Mann telefonierte mit ihr und sagte dann zu uns „Notre Dame brennt“ – ich dachte erst, das seien fake news. Wenn man so eine Nachricht in einem ähnlich geschichtsträchtigen Ort wie Versailles bekommt, fühlt man sich besonders schlecht. Aber wenn ich nicht auch in Versailles arbeiten würde und mit so viel Kulturerbe in Berührung käme, hätte ich die Nachricht vielleicht mit mehr Distanz aufgenommen.

Fanden Sie die anschließende Diskussion darüber, ob die überraschenden Millionenspenden nicht vielleicht in Bildung oder soziale Projekte fließen sollten, gerechtfertigt?

HAMARD Die Streiterei fand ich sehr französisch, sofort wurde gemeckert und sich gestritten. Man sollte das nicht gegeneinander ausspielen. Natürlich kann man sich darüber  wundern, dass dieses Geld nicht da zu sein scheint, wenn Menschen nachts auf der Straße leben müssen. Aber dennoch ist es grundsätzlich gut, dass Geld für die Kathedrale gespendet wird. Jetzt muss man aber schauen, wie das viele Geld eingesetzt wird und ob es vernünftig ausgegeben wird.

Glauben Sie an Präsident Macrons öffentlich verkündeten Plan, dass der Wiederaufbau in fünf Jahren abgeschlossen sein wird?

HAMARD Nein, ich finde das Ziel auch bescheuert. Warum muss jetzt alles ganz schnell gehen? Lieber sollte man sich die Zeit nehmen und es gut machen. Fünf Jahre ist für so ein Projekt doch gar nichts.

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