Musiker Niels Frevert in Hemmersdorf „Können Sie mir die Frage nochmal in einem Jahr stellen?“

Hemmersdorf · Niels Frevert kommt zum Hemmersdorf Pop Festival. Wir haben mit ihm gesprochen – über sein neues Album „Pseudopoesie“, die Relativität des Erfolgs und den „Meta-Mittelfinger Richtung Mainstream“.

 Niels Frevert, einst Sänger und Songwriter der Hamburger Band Nationalgalerie (1991-1996), hat 1997 sein erstes Album als Solo-Künstler vorgelegt. Das jüngste Werk heißt „Pseudopoesie“.

Niels Frevert, einst Sänger und Songwriter der Hamburger Band Nationalgalerie (1991-1996), hat 1997 sein erstes Album als Solo-Künstler vorgelegt. Das jüngste Werk heißt „Pseudopoesie“.

Foto: Hemmersdorf Pop Festival

Niels Frevert (55) ist mit seinem aktuellen Album „Pseudopoesie“ ein Meisterwerk gelungen. Dreieinhalb Jahre nach dem umjubelten „Putzlicht“ überzeugt der Pop-Chansonnier aus Hamburg wieder mit wunderschönen Popsongs. Die stellt er auch in unserer Region vor – am 27. Oktober beim Hemmersdorf Pop Festival.

Sie lieben Poesie. Warum heißt Ihr aktuelles Album dann „Pseudopoesie“?

FREVERT Es ist ein schönes Wort, klingt nicht nur gut, sondern sieht geschrieben auch noch gut aus. Es geht sicher um die Zweifel des Autoren und bestimmt auch um den Meta-Mittelfinger Richtung Mainstream. Den Begriff Poet kann man ganz verschieden interpretieren. Und er ist in den vergangenen Jahren sehr inflationär benutzt worden. Und ich höre in dem Wort sogar etwas Kitsch heraus und ich mag Kitsch, wenn er gut gemacht ist. Den Begriff Pseudo empfinde ich in diesem Zusammenhang als positiv. Auch meine Plattenfirma fand den Titel gut. Ich könnte mir das erlauben, sagten sie.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Werk?

FREVERT Können Sie mir die Frage nochmal in einem Jahr stellen? So richtig einordnen kann ich es noch nicht. Ich weiß, dass es wirklich ein gutes Album geworden ist. Aber ich brauche Abstand, um diese Frage beantworten zu können. Ich wusste jedenfalls früh, dass ich textlich in der richtigen Spur bin. Es ist ein besonderes Album.

Mit dem Album „Putzlicht“ haben Sie 2019 einen Wandel vollzogen.

FREVERT Ja, da gab es mehr E-Gitarren, und die Produktion war größer. Jetzt folgte der nächste Schritt. Auf der neuen Platte gibt es noch mehr E-Gitarren und es ist etwas tanzbarer.

Wollen Sie kein Liedermacher mehr sein?

FREVERT Doch. Ich sehe mich nach wie vor als Liedermacher. Das sind die, die ihre Songs alleine spielen können und damit einen ganzen Abend bestreiten können. Es muss nicht nur die gezupfte Gitarre sein. Ich kann mir auch vorstellen, dass es auf den nächsten Platten wieder akustischer wird. „Pseudopoesie“ ist der logische nächste Schritt nach „Putzlicht“.

Wo sehen Sie sich mit dem aktuellen Werk?

FREVERT Leider leben wir in Zeiten mit Klickzahlen und Vergleichen. Das finde ich schwierig. Ich habe meine Zweifel, dass das der Popmusik gut tut. Ich finde es schön, wenn sich etwas entwickelt. Was ich sagen will: Das mit dem Erfolg ist relativ. Da gibt es verschiedene Parameter. Ich bin schon länger unterwegs, und bei mir definiert sich das anders. Ich bin erfolgreich, weil ich regelmäßig Platten veröffentlichen kann. Bei mir geht es nicht um eine Chart-Positionierung. „Pseudopoesie“ ist mein siebtes Soloalbum. Das ist mein persönlicher Erfolg. Ich liege ganz okay im Rennen.

„Die Abendsonne auf deiner Haut entgleitet dir sanft“ – wie entstehen so schöne Textzeilen?

FREVERT Die kommen mir zugeflogen. Wenn sie bei mir landen, schreibe ich sie schnell auf. Ich bin tatsächlich immer im Einsatz. Ich sammele immer, auch die Sachen, von denen ich im ersten Moment gar nicht so überzeugt bin. Und ich singe diese Worte so, dass sie nicht konstruiert klingen. Songtexte zu schreiben ist der schönste Beruf der Welt. Man muss nicht mit Ende 40 noch genauso singen, wie man es mit Anfang 20 getan hat. Dazu kommt, dass ich schon einige Geschichten erzählt habe und mich nicht wiederholen möchte. Diese Herausforderung erfüllt mich.

Hören Sie noch Songs von Ihrem Solodebüt oder haben Sie sich davon völlig losgesagt?

FREVERT Ich mich von meinem Solodebüt lossagen? Niemals. Allerdings habe ich es mir lange nicht mehr angehört. Dabei denke ich gern an die Zeit zurück – nach den Jahren mit der Nationalgalerie eine neue Arbeitsweise kennenzulernen, war wie eine Befreiung. In den 90er-Jahren wollte ich wie meine Vorbilder klingen, habe diese aber nie erreicht. Davon habe ich mich irgendwann frei gemacht, bin erwachsen geworden, muss jetzt auch nicht mehr fünf Platten in sieben Jahren veröffentlichen, wie zu Beginn meiner Karriere.

Eine nette Geschichte haben Sie im Song „Kristallpalast“ beschrieben. Wo ist der denn?

FREVERT Das ist ein Jazzclub, den ich eröffne, wenn ich mit der Popmusik reich geworden bin. Aber bis dahin habe ich noch etwas Zeit und werde noch einige Platten veröffentlichen.

Niels Frevert: Pseudopoesie (Grönland/Rough Trade).
Konzert: Frevert tritt beim Hemmersdorf Pop Festival (26.-28.Oktober) auf.
Info und Tickets: www.hemmersdorfpop.de