Die Schauspielerin im Gespräch Caroline Peters: „Das nimmt einem die Luft zum Atmen“

Interview | Saarbrücken · Eine notorische Lügnerin und ein Metzger vor der Pleite – das ist das Duo in Lars Kraumes Liebeskomödie „Die Unschärferelation der Liebe“. Wir haben mit der Hauptdarstellerin Caroline Peters gesprochen.

Der Metzger vor der Pleite und die notorische Lügnerin: Burghart Klaußner und Caroline Peters in der Liebeskomödie „Die Unschärferelation der Liebe“.

Der Metzger vor der Pleite und die notorische Lügnerin: Burghart Klaußner und Caroline Peters in der Liebeskomödie „Die Unschärferelation der Liebe“.

Foto: X-Verleih

Eine Frau heftet sich im Großstadtdschungel an die Fersen eines wesentlich älteren Mannes und durchdringt wortreich dessen vermeintlich harte Schale: In seinem neuen Film „Die Unschärferelation der Liebe“ erzählt Regisseur Lars Kraume („Der Staat gegen Fritz Bauer“) die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe. In die Rolle der Hauptfigur Greta, einer notorisch lügenden Sekretärin, schlüpfte die Bühnen- und Filmschauspielerin Caroline Peters (51, „Der Vorname“, „Mord mit Aussicht“), Absolventin der einstigen Saarbrücker Schauspielschule.

Frau Peters, Sie haben das Stück „Heisenberg“, das dem Film zugrunde liegt, gemeinsam mit Burghart Klaußner bereits am Theater gespielt. Mussten Sie schon einmal ähnlich viel Text für eine Rolle lernen?

PETERS Das kommt am Theater durchaus öfter vor. Im Film ist es wahnsinnig selten, dass man so viel redet. Kino ist ein visuelles und kein vorrangig sprachliches Medium. Bei Woody Allen wird vielleicht noch ähnlich viel geredet.

Haben Sie sich für Greta eine Biografie zurechtgelegt, die über das Drehbuch hinausging?

PETERS Irgendwie schon. Nicht im Sinne, dass ich mir irgendetwas aufgeschrieben habe. Aber alles, was da gesagt wird, male ich mir beim Auswendiglernen des Textes im Kopf aus. Dieser Mann in Amsterdam, gibt es ihn wirklich? Und der Sohn, wie war das Zusammenleben mit dem? Die Figur Greta geht einem nicht aus dem Kopf, weil sie immer überraschend ist.

Auch nach New York geht es im Film mit Burghart Klaußner und Caroline Peters.

Auch nach New York geht es im Film mit Burghart Klaußner und Caroline Peters.

Foto: X-Verleih

Wäre es dieser Tage schwierig, die Geschichte mit umgekehrten Rollen zu erzählen, mit dem älteren Mann als „Eroberer“ der wesentlich jüngeren Frau?

PETERS Erstmal interessant, dass Sie Greta als „Eroberin" einstufen. Und ja – das würde vielleicht als total problematisch empfunden. Oder auch nur als altmodisch. Ich weiß nicht, wie es umgekehrt wäre, wenn es eine ältere Frau und ein jüngerer Mann wären, wenn die ältere Frau kaum etwas spräche und der jüngere Mann ununterbrochen auf sie einredete. Das wäre wieder was anderes und auch nochmal eine interessante Überlegung. Aber wenn man diese Konstellation verändert, verändert sich auch die ganze Geschichte völlig. Und: Hier begegnen sich wirklich Greta und Alex. Individuen – nicht Stellvertreter etwaiger Bevölkerungsgruppen.

Aber sollte man nicht alle Menschen als gleich betrachten?

PETERS Ja, aber es ist ganz eindeutig nicht so, dass in unserer Welt die Menschen alle gleich betrachtet werden. In der Liebe sind sie dann vielleicht wieder gleich, wenn sie sich gefunden haben. Aber von außen betrachtet leben wir eben doch in irgendwelchen sozialen Hierarchien und Klischees. Wir können noch so oft versuchen, uns dagegen zu wehren und sie abzulehnen. Die Generation von Leuten, die das Gendern in unserer Sprache einfordern, versuchen ja genau das herzustellen.

Heutzutage lernen sich die Menschen verstärkt online kennen. Mit welchen Gefühlen beobachten Sie diese Entwicklung?

PETERS Dazu habe ich überhaupt keinen Zugang. Ich habe nie in meinem Leben jemanden online kennengelernt, außer eine gute Freundin von mir, die ich auf Facebook getroffen habe, als das noch ganz neu war. Sehr kurze Zeit darauf sind wir uns im echten Leben begegnet. Damals hat man immer, wenn man sich bei Facebook kennengelernt hat, versucht, sich auch im Leben kennenzulernen. Ich bin dann gleich wieder bei Facebook ausgetreten, ich fand das irgendwie fürchterlich. Aber sonst ist Online-Beziehung in meinem Leben bisher nicht vorgekommen. Weder Tinder noch etwas anderes dieser Art. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn junge Leute mit dem Swipen und dem Wischen ununterbrochen Urteile über andere – Gleichaltrige, Ältere oder Jüngere – fällen.

Greta sagt „Es geht alles vorbei“ und kritisiert, dass heute alles viel zu schnell gehen muss. Kennen Sie solche Gefühle?

PETERS Ja, das empfinde ich genauso. Das ist auch eine komische Lehre unserer digitalen Erlebnisse, die wir jetzt seit 30 Jahren verarbeiten müssen: Dass überhaupt gar nichts mehr Bestand hat, dass es nichts gibt, was bleibt. Auf einmal ist das Leben ein einziges Update, und man denkt: ,In meiner Kindheit und Jugend war das noch nicht so. Da gab es Dinge, die über Jahrhunderte Bestand hatten, und es war auch allen wichtig, dass etwas lange besteht.‘ Ich finde es oft merkwürdig, dass das auf einmal nicht mehr zählen soll. Leute sagen über Dinge, die vor fünf Jahren passiert sind: ,Das ist ja wahnsinnig lange her!‘ Auch Leute in meinem Alter empfinden so etwas. Unter Teenagern finde ich das noch in Ordnung. Wenn man 15 ist und seinen 10. Geburtstag als wahnsinnig weit entfernt empfindet, dann verstehe ich das. Aber wenn ein 50-Jähriger sagt: ,Dass ich 45 war, ist so wahnsinnig lange her!‘, dann finde ich das irgendwie merkwürdig. Ich finde, das Zeitempfinden ist insgesamt durcheinandergekommen. Das ist oft sehr irritierend.

Finanzieren Sie mit Filmen Ihre Leidenschaft für das Theater?

PETERS Das muss man tatsächlich manchmal so rechnen. Das geht alles auf und ab. Die Gagen am Theater verändern sich auch ständig. Oft versuche ich auch die Leidenschaft an sich gewinnen zu lassen und sage: ,Egal was dafür gezahlt wird, ich will das einfach machen.‘ Das gelingt aber nicht immer. Auch wir Schauspieler leben in der realen Welt, und die wird nun mal im Moment rasant teurer. Das nimmt einem die Luft zum Atmen und den Spaß an vielen Dingen. Viele Entscheidungen sind weniger frei. Aber auch da hoffe ich, dass es irgendwann mal wieder besser wird. Die Mieten und Preise können ja nicht ewig steigen, ansonsten gehen wir alle einfach kaputt. Wie soll das denn gehen?

„Die Unschärferelation der Liebe“ läuft in der Camera Zwo in Saarbrücken.
www.camerazwo.de