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Saarbrücker Sparte 4
Wieviel Nationalstaat darf’s sein?

Saarbrücken. Die Sparte-4-Reihe „Suppenküche“ verhandelte nationalistische Tendenzen früher und heute. Von Sebastian Dingler

(sedi) Eine Suppenküche ist eigentlich eine Armenspeisung. In der Sparte 4 des Staatstheaters steht der Ausdruck aber für ein Gespräch über ein politisches Thema mit anschließendem Verzehr von Suppe. „Hinein kommt meist, was gerade da ist. Im Haus, im Land, in uns“, so die Eigenbeschreibung des Formats. Leider fanden am Sonntag nur wenige Interessierte in die Sparte, als Corinna Popp die Suppenküche zum Thema „Nationalismus im Saarland – war das nicht Vergangenheit?“ eröffnete.


Eingeladen hatte die Schauspieldramaturgin den Historiker, Journalisten und Landesgeschäftsführer der grünen Heinrich Böll-Stiftung, Erich Später. Dazu gesellte sich Kurt Engler von der Pro-EU-Bewegung Pulse of Europe. Popp erklärte, das Format sei mehr als Gespräch denn als Diskussion gedacht, sodass absichtlich keine Diskutanten mit konträren Positionen eingeladen werden. Historiker Später befasste sich hauptsächlich mit der Geschichte des Saarlandes und dessen beiden Volksabstimmungen. Seiner Meinung nach werden saarländische Nazi-Gegner wie der erste Ministerpräsident Johannes Hoffmann heutzutage nur unzureichend gewürdigt. Später prangerte überdies an, dass es in Saarbrücken die höchste Dichte an nach NSDAP-Mitgliedern benannten Straßen gebe. „Die politische Kultur dieses Landes ist geprägt von Duckmäusertum und von Seilschaften. Es gibt einen Mangel an Zivilcourage, und das ist ein Ergebnis der Siege des Nationalismus bei den Saarabstimmungen“, meinte er.

Einem älteren Herrn im Publikum wurde der historische Vortrag Späters zu viel, er forderte vehement, dass über den heutigen Nationalismus gesprochen werde, der eine schlimme Zukunft zeitigen könne. Da stimmte auch ein anderer zu: „Dass es im Rest der Republik besser ist mit dem Nationalismus, diesen Fehlschluss sollte man auf jeden Fall vermeiden.“ Spezifisch saarländische nationalistische Strömungen gebe es nicht. Ein anderer meinte, man solle eher über das Konstrukt Europa diskutieren, „wo jeden Tag Hunderte von Menschen ersaufen.“ Auch würden beim Public Viewing von Länderspielen gegen Frankreich schnell Begriffe wie „Wackes“ oder „Scheiß-Franzos’“ gebraucht – selbst von Leuten, die sich als überzeugte Europäer darstellten.



 Pulse of Europe-Vertreter Engler wandte sich mehr der Zukunft zu. Seine Organisation wolle den europäischen Gedanken hör- und sichtbar machen. Trotzdem dürfe man Bürgern nicht den Nationalstaat aus ideologischen Gründen wegnehmen. „Mir fehlt die Fantasie, wie man eine staatliche Ordnung ohne Nationalstaaten hinbekommt.“ Der Nationalstaat sei allerdings anfällig für Pervertierung. Wähle man eine größere Einheit, werde dieses Risiko reduziert. Engler betrachtete insoweit die EU als „Gegenmittel bei nationalistischen Übertreibungen“. Aus dem Zuhörerraum wurde gekontert, dass man die EU nicht als Garant für 70 Jahre Frieden in Europa ansehen könne. Sehe man dann doch etwa über den Balkankrieg einfach hinweg. So ging es in der Sparte zeitweise argumentativ hin und her, was ja das Salz in der Suppe einer Diskussion ist. Größtenteils blieb die Suppenküche jedoch ohne größere Schärfe – das konnte man, je nach Gusto, gut oder schlecht finden.