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Autoren und Corona: „Ich hoffe, dass sie auch Bücher hamstern“

Autoren und Corona : „Ich hoffe, dass sie auch Bücher hamstern“

Obwohl viele Leute jetzt Zeit zum Lesen haben, bangen auch viele Schriftsteller um ihre Existenz, sagt der Bestsellerautor.

Seit Jahren ist es Klaus-Peter Wolf (66) gewohnt, dass seine Ostfriesen-Krimis den ersten Platz in der Bestsellerliste belegen. Das ist auch in diesem Jahr so, doch in Corona-Zeiten ist vieles anders. Keine Lesungen, kein Publikum, das auf seine Texte spontan reagiert. Und selbst wenn die Leute unfreiwillig viel Zeit zum Lesen haben, der Buchverkauf lahmt, viele Autoren fürchten um ihre Existenz.

Ihr neues Buch „Ostfriesen Hölle“ ist wie gewohnt auf Platz eins der Spiegel-Bestseller-Liste eingestiegen. Normalerweise wären Sie jetzt auf Lesetour, so war das zumindest in der Vergangenheit, in ausverkauften Sälen. Wie geht es einem Schriftsteller, der sein Buch  nicht wie gewohnt promoten, sein Baby päppeln kann?

WOLF Ja, das ist eine irre Situation. Meine Frau Bettina Göschl und ich hatten uns auf viele literarisch musikalische Krimiabende gefreut. Bettina singt ihre Krimilieder, und ich lese aus dem neuen Roman vor. Der Tourneestart war furios. Ein großes Vergnügen für uns. Wir lieben den Kontakt mit den Fans. Im ganzen Land ausverkaufte Häuser. Und dann nach einem Abend in Bad Rothenfelde hörten wir am nächsten Morgen, wir waren auf der Autobahn, wollten zum nächsten Auftritt, dass Veranstaltungen mit mehr als 100 Gästen verboten sind. Wir haben normalerweise zwischen 250 und 500 Zuhörer. Damit war klar, wir mussten überall absagen. Wir haben das schweren Herzens getan. Jetzt haben sogar die Buchhandlungen geschlossen. Bei vielen Künstlern, die von ihren Auftritten leben, bedroht das die Existenz. Ich habe zum Glück durch die vielen Leserinnen und Leser ein Polster. Bei anderen ist das dramatischer.

Wie leben Sie selbst derzeit, wie gehen Sie mit der Krise um?

WOLF Bettina und ich haben uns völlig isoliert. Wir schreiben an einem gemeinsamen Kinderbuch. Dem achten Band der „Nordseedetektive“. Wir kochen zusammen – für Menschen, die wie wir so viel in Hotels leben – durchaus ein Gewinn. Wir leben ja an der Küste, da wo auch meine Romane spielen, und wir gehen täglich am Deich spazieren. Hier ist das Wetter gerade wunderbar, aber ich habe die Landschaft so noch nie gesehen. Es ist menschenleer am Deich. Gespenstisch. Normalerweise wären hier viele Touristen. Aber alle mussten abreisen. Die Polizei kontrolliert das sogar. Es gab Menschen, die hier bleiben wollten, gerade auf den ostfriesischen Inseln. Eine Region, die vom Tourismus lebt und eigentlich um jeden Urlauber kämpft, zwingt alle abzureisen, weil in den Krankenhäusern nicht für alle genug Plätze vorgehalten werden. Das ist auch beängstigend.

Ein Schriftsteller arbeitet ja oft ganz allein, sozusagen isoliert, wenn er schreibt. Was raten Sie Menschen, die jetzt in Quarantäne sind?

WOLF Ich hoffe, dass sie nicht nur Klopapier hamstern, sondern auch Bücher. Literatur ist gut für die Seele und hilft uns dabei, nicht durchzudrehen. Wer nur Fernsehen guckt, lässt sich schnell verrückt machen. Jetzt dürfen wir unsere einsamen Mitmenschen nicht vergessen. Ich finde es dumm, wenn davon geredet wird, wir sollten die sozialen Kontakte auf ein Minimum reduzieren. Das ist sprachlich nicht korrekt. Wir sollten gerade jetzt die sozialen Kontakte pflegen und ausbauen, die körperlichen Kontakte müssen wir einschränken. Nicht die sozialen. Das Telefon bekommt eine ganz neue Bedeutung. Ich skype jetzt täglich mit Kindern, Enkelkindern und Freunden.

Wegen der Pandemie müssen viele Leute derzeit zuhause bleiben, lesen auch wieder mehr. Profitieren Autoren am Ende von der aktuellen Situation?

WOLF Nein, leider nicht. Die Lage ist dramatisch. Die Buchverkäufe brechen auf breiter Front ein. Klar, bei geschlossenen Buchhandlungen. Der Online-Handel fängt das nicht auf. Viele Buchhändler schicken große Mengen Bücher an die Verlage zurück, stornieren – verständlicherweise – bereits bestellte Titel. In vielen Verlagen haben die Menschen Angst um ihre Arbeitsplätze. In Zahlen ausgedrückt: „Ostfriesen Hölle“, mein neuer Roman, verkaufte sich täglich zwischen fünf- bis zehntausend Mal. Nach Schließung der Läden täglich zwischen dreihundert und vierhundert mal. Und damit bin ich dann immer noch Platz ein. Das sagt alles über die Umsätze der anderen.

Sie haben vor zehn Jahren bereits einen Roman über die Auswirkungen einer Pandemie auf die Menschen veröffentlicht...

WOLF Das fühlt sich komisch an. Viele Leser schrieben in den sozialen Netzwerken: Das, was jetzt passiert, habe ich bei Klaus-Peter Wolf schon gelesen. Dann war der Roman „Todesbrut“ plötzlich wieder sehr gefragt. Bei mir fährt eine Fähre von Emden nach Borkum. 600 Touristen freuen sich auf schöne Ferien, und dann dürfen sie in Borkum nicht an Land, weil angeblich in Emden eine tödliche Krankheit ausgebrochen ist. Die Touristen wollen aber nicht zurück nach Emden, denn da wütet die Seuche. Die Fähre irrt durch die Nordsee und kann nirgendwo anlegen. Man siehst, ich war nah’ dran an der heutigen Realität. Aber natürlich bin ich kein Hellseher. Schriftsteller sind aber manchmal wie Seismografen.

Zu den Markenzeichen Ihres Schreibens zählt auch die Reaktion auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, wird es also demnächst den Titel „Ostfriesen Virus“ geben?

WOLF Das nicht, aber natürlich schlägt die Situation sich in meinem Schreiben nieder. Es ist ja auch eine spannende Zeit. Sie bringt das Beste in den Menschen hervor, aber auch das Schlechteste. Krisen schaffen immer auch Klarheit. Das menschliche Verhalten in einer Krise schreit also nach literarischer Gestaltung.

In „Ostfriesen Hölle“ kämpfen die Kommissare gegen die Organisierte Kriminalität, auch das ja eine Seuche, und erringen zumindest einen Etappensieg. Zum Kriminalroman gehört nach dem Schrecken des Verbrechens auch das erlösende Moment der Aufklärung. Was kann uns im realen Schrecken Erlösung bringen?

WOLF Ein Impfstoff wäre die Lösung. Ich hoffe, dass er schnell entwickelt und dann sofort der ganzen Welt zur Verfügung gestellt wird. Wir sollten daraus lernen, dass wir Geld in medizinische Forschung stecken müssen und nicht in die Entwicklung neuer Waffen.

Steckt in dieser weltweiten Krise auch das Potenzial zur Verbesserung? Was können, was müssen wir aus dieser Situation lernen?

WOLF Ich denke, diese Krise wird die Gesellschaft verändern. Wir erleben ja gerade ganz neue Helden. Ich wünsche mir, dass Pflegekräfte in Krankenhäusern und Seniorenheimen, Supermarktkassiererinnen und Paketzusteller ganz anderes Ansehen genießen werden und auch wesentlich mehr Geld bekommen. Sie sind in der Krise die eigentlichen Stützen der Gesellschaft. In meinen Büchern waren sie es schon immer. So wie die Handwerker und Feuerwehrleute. Ich hoffe, dass jetzt auch dem Letzten klar wird, dass Krankenhäuser nicht dazu da sind, Gewinne zu machen. Der Markt wird es eben nicht regeln. Krankenhäuser sind dazu da, Menschen gesund zu machen. Das ist die simple Wahrheit. Und ja sie dürfen teuer sein und uns viel Geld kosten. Sie gehören in kommunale oder staatliche Hand. Sie garantieren am Ende die Sicherheit einer demokratischen Gesellschaft.

Was ist Ihre Perspektive für die Zeit nach der Krise?

WOLF Im Juni wird mein Roman „Rupert Undercover“ erscheinen. Ich hoffe, bis dahin haben die Läden wieder auf, und ich kann auch mit dem neuen Buch auf Tournee gehen. Ich merke, dass ich eine Rampensau bin. Mir fehlt der Kontakt zum Publikum sehr.