Ian McEwan hat eine giftige Parabel auf den Brexit und Boris Johnson verfasst

Literatur : Der Sieg der Kakerlake

Bestsellerautor Ian McEwan hat eine giftige Parabel auf seine britischen Landsleute, den Brexit und Premierminister Boris Johnson geschrieben.

Richtig dicke Freunde werden Ian McEwan und Boris Johnson wohl nicht mehr. Und das liegt dann auch an dem neuen Roman des britischen Bestsellerautors und der Kakerlake, die darin vorkommt und sich gleich zu Beginn in das verwandelt, was wir Boris Johnson nennen würden. Also in jenen Premierminister, der oft optisch zerzaust und gedanklich strubbelig daherkommt. Und wenn schon jetzt viele an Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ denken, dann stimmt auch das. Mit mickrigen Unterschieden: Während sich bei Kafka ein Mensch namens Gregor Samsa in einen Käfer verwandelt, wird bei McEwan eine Kakerlake zu dem Menschen Jim Sams. Das reicht, genauer brauchen wir es nicht.

Die Verwandlung von einer gemeinen Kakerlake in einen gemeinen Menschen ist keine Kleinigkeit. Darum muss sich Jim Sams anfangs an die Rolle des Premierministers und das Leben als Homo sapiens gewöhnen. Einige Überwindung kostet es ihn, nicht reflexartig über die sterbende Schmeißfliege mitten auf dem Kabinettstisch herzufallen. Doch bald beginnt er mit dem Regieren und sofort mit einem ökonomischen Clou, der so bekloppt ist, dass man fast bereit ist, ihn für wahr zu halten. Das Zauberwort ist „Reversalismus“, eine Art verrückte Umkehrung des Geldflusses. Also: Wer arbeitet, muss dafür bezahlen, bekommt aber auch Geld, wenn er etwas einkauft. Und Bargeld zu besitzen ist strafbar. Es geht um permanentes Konsumieren, um einen Geldfluss, der niemals zum Stillstand kommen darf und der darum das Land reich und die Erde gesund machen soll. Warum das so ist, wird nicht ganz klar begründet; also auch das wie im richtigen Leben. Jim Sams lässt sich dazu nur ein „Weil“ entlocken. Wirklich nur ein „Weil“ und keine Silbe mehr.

Er habe „verzweifelt nach etwas gesucht, das ähnlich absurd wie der Brexit ist“, hat Ian McEwan erklärt. Und dann ist der 71-Jährige darauf gekommen, einfach den Geldfluss umzukehren. Mit all dem Chaos und all den prekären Handelsbeziehungen zu Ländern, die dieses Prinzip nicht beherzigen. Mit ihren ausgeführten Waren müssten die Engländer dann nämlich noch Geld mitschicken.

Kein Wunder, dass die Meinungen zur Geldumkehr erst einmal gespalten sind, selbst der US-Präsident Archie Tupper – ansonsten für manchen Wahnsinn zu haben – weiß nicht so recht, was er davon halten soll. Erst als sein Notenbankchef die Umkehrung als völligen Irrsinn bezeichnet, findet Tupper zumindest Gefallen an der großartigen Idee aus diesem großartigen britischen Land mit seinem großartigen Präsidenten an der Spitze. Es gibt politische Gegner auch in England, manche werden sogar gefährlich. Die aber lässt Sams gekonnt über die Klinge springen und verwickelt sie in Sexskandale, die es nie gab. Der Zweck heiligt für ihn die Mittel, auch wenn der Premierminister in einer stillen Minute doch darüber nachsinnt, dass die echten Opfer dadurch verhöhnt würden. Diese Minute aber ist schnell und folgenlos vorbei.

Ian McEwan hat offenkundig viel Spaß an der Geschichte gehabt. Das merkt man ab Seite eins mit Jims Abschied vom modrigen Palace of Westminister, wo er bis dahin als Kakerlake lebte, und sich dann krabbelnd zur Downingstreet aufmacht. Das Buch ist parallel zur Gegenwart geschrieben und mit einem unglaublichen Ende, das nicht zu erzählen einige Überwindung kostet. Nur so viel sei verraten: Jim Sams wird sich keineswegs als einzige Kakerlake in Menschengestalt erweisen.

Wer so viel grimmige Lust am Erzählen aufbringt, der ärgert sich nicht nur über das, was sich im Land seit Wochen und Monaten abspielt; der hat vielmehr – pardon – die Schnauze gestrichen voll. Es gibt ja etliche Schriftsteller im Land, die gegen den Brexit und gegen Boris Johnson an die Öffentlichkeit gehen. Wie Ken Follett, Kate Mosse, Jojo Moyes und Lee Child mit ihrer Friendship Lesetour durchs geliebte Europa. Ian McEwan bedient sich der Kakerlake und seiner grotesken Geschichte. Um nicht verzweifeln zu müssen, hat er sich fürs Lachen entschieden.

Das Engagement der Schriftsteller ist aller Ehren wert, doch sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass politische Bemühungen von Schriftstellern Wirkung zeigten. Das haben sie noch nie: weder in England noch in vielen anderen Ländern dieser Welt.

Das Buch sollte dennoch zur Pflichtlektüre erklärt werden – für Europäer und Antieuropäer, für alle Freunde und Gegner des Brexit und obendrein noch für all jene, die einfach nur grandiose Literatur lesen wollen. Zumal man dem Autor – bei allem Grimm – Selbstgerechtigkeit nicht unbedingt vorwerfen kann. So lässt er mittendrin Premierminister Jim Sams sinnieren: „Nichts war so befreiend wie ein engmaschiges Lügennetz. Deshalb also wurden Menschen Schriftsteller.“

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