Das Saar-Kultusministerium förderte während der Pandemie Stipendiaten Teebeutel und Bierdosen - gut investiertes Steuergeld

Saarbrücken · Die Galerie der Saarbrücker Kunsthochschule (HBK Saar) zeigt Arbeiten von Kunstschaffenden, die während der Pandemie von Seiten des Kultusministeriums gefördert wurden - und deren Entstehungsprozess. Ein tolles neues Format.

 Blick in die „Hello Art!“-Schau in der HBK-Galerie. Kultusministerin Christine Streichert-Clivot und Staatssekretär Jan Benedyczuk sprechen mit der Künstlerin Petra Jung (rechts) über ihr Projekt "Stay at home", mit vielen Häuschen, die weder Fenster noch Türen besitzen. Die Arbeit entstand während der Pandemie.

Blick in die „Hello Art!“-Schau in der HBK-Galerie. Kultusministerin Christine Streichert-Clivot und Staatssekretär Jan Benedyczuk sprechen mit der Künstlerin Petra Jung (rechts) über ihr Projekt "Stay at home", mit vielen Häuschen, die weder Fenster noch Türen besitzen. Die Arbeit entstand während der Pandemie.

Foto: Iris Maria Maurer

Die COVID-19-Pandemie hat die Kunstszene schwer getroffen. Vieles war in den vergangenen zwei Jahren nicht mehr möglich. Aber nicht nur Ausstellungen und Workshops wurden abgesagt, viele Künstlerinnen und Künstler bangten um ihre Existenz, weil Förderungen für Projekte wegfielen. Die saarländische Landesregierung versuchte gegenzusteuern und setzte mehrere Stipendienprogramme auf, um den Kunstschaffenden zu helfen. Eine Ausstellung in der Galerie der HBK Saar beweist nun, dass die Gelder wahrlich schlechter investiert sein könnten.

Katja Pilisi und Jan Felix Gruse kuratierten die Ausstellung „Hello Art!“ und haben sich zehn Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern ausgesucht, die eine Förderung erhalten hatten. Sie gewähren intime Einblicke in Arbeitsprozesse und das so wunderbar, dass es fast ein bisschen ärgerlich ist, dass man das Format in der HBK Saar „versteckt“, statt ihm eine große Bühne zu bieten und noch mehr zu zeigen.

Die Saarbrücker Künstlerin Petra Jung hat mit „Stay home“ eine Arbeit entwickelt, die an die bleierne Zeit der Pandemie erinnert. Aus Teebeutelpapier formte sie monolithische Häuschen, die weder Türen noch Fenster haben. Einige sind wehrhaft mit Stacheln versehen. Niemand kommt hinein und niemand hinaus. Jungs Arbeit war bereits in Ausstellungen zu sehen, doch die Zahl der Häuschen wächst und ihre Konstellation ändert sich stetig. Wie einschneidend die Pandemie für unser Leben war, beweist auch Felix Bronko Noll. Der wollte 2020 für ein sechsmonatiges Auslandssemester nach Hongkong. Daraus wurde aufgrund der Pandemie nichts. Er machte stattdessen seinen Diplomabschluss und begann sein Zuhause und die nähere Umgebung zu erkunden und fotografisch zu dokumentieren. Entstanden ist ein intimer Einblick in Seelenleben und Alltag des jungen Kommunikationsdesigners. In der Ausstellung zeigt er neben Fotografien auf Barytpapier auch ein kleines Heft mit Fotos, das in limitierter Auflage erworben werden kann.  

Als „Cone The Weird“ ist Colin Kaesekamp vielen Kunstkennern ein Begriff. Der Urban-Art-Künstler arbeitet aber auch als Designer. Im Projekt „Cheers“ führt er beide Berufe zusammen. Gemeinsam mit der Pariser Agentur „Urban Signature“ hat er eine Urban-Art-Edition für die Dosen der französischen Biermarke „8.6“ entworfen. In der Ausstellung sind die Arbeitsschritte von der skizzenhaften Idee bis zur fertigen Dose nachvollziehbar und der schöpferische Prozess offengelegt. Victor Orozco stellt die Frage, ob Künstliche Intelligenz Kunst schaffen kann. In einem kleinen Film zeigt der Künstler, wie er mit Hilfe von Motion Capture Bewegungen erfasst, am Computer einliest und daraus Zeichnungen errechnen lässt, die ein Roboter mit Tusche umsetzt. Ist das noch Kunst oder schon schnöde Animation? Die Grenzen verschwimmen, denn ästhetisch sind die „Zeichnungen“ ein Genuss. Aber irgendetwas stört. Ist es nur das Wissen um die Entstehung oder fehlt den Zeichnungen etwas?

Der Designer Manuel Wesely beschäftigt sich gerade mit der Frage, wie man eine musikalische Sammlung grafisch verständlich machen kann. Die gezeigte Installation ist ein Einblick in seine Denk- und Arbeitsprozesse, versammelt Plattencover, Schallplatten und Playlists. Mit dem Saarbrücker Plattenlabel „Twin Town“ entsteht so ein Rückblick auf die letzten 20 Jahre der Firmengeschichte.

Auch Pascal Hector arbeitet an der Schnittstelle zwischen Kunst und Musik. Mit Hilfe eines Synthesizers übersetzt er elektronische Signale in Bilder und Muster und erforscht so die Verbindung zwischen Bewegtbild und Klang. Ida Kammerlochs Video-Essay erzählt zwei berührende Geschichten vom Tod, fragmentiert diese und lässt sie collagenhaft verschmelzen. Die Montage beider Narrative lässt die Identitäten der Toten zu einer vielschichtigen Allegorie verschmelzen über den Tod, über Identität und unseren Umgang damit.

Eric Schwarz wiederum zeigt Entwürfe aus dem in der Entstehung befindlichen Buch „Sealennials“. Ein großes Skizzenbuch vermittelt die Entwicklung der Hauptcharaktere, ein kleineres enthält Storyboards zu den ersten Kapiteln. Ein Wiedersehen gibt es außerdem mit dem „Gesang der Sirenen“ von Bildhauerin Regina Zapp, das bereits in der BBK-Jahresausstellung zu sehen war. Es ist eine biomorphe Bronzeplastik mit schrundiger Oberfläche. Julia Aatz und Arne Menzel zeigen mit „Out of Map“ Malerei und Drucke, in denen sie die virtuelle dreidimensionale Welt von Google Earth als Inspiration für analoge Prozesse in Fotografie und Malerei benutzen und Werke zwischen Abstraktion und Figuration schaffen.

Hello Art!, bis 31. März 2022, Galerie der HBK Saar, Saarbrücken, Keplerstraße 3, Dienstag bis Freitag, 17 bis 20 Uhr.