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Freistil-Festival im Weltkulturerbe Völklingen: ,,Swing heil!"

Das Schicksal der „Swing Jugend“ : Ziviler Ungehorsam auf der Theaterbühne

Durch Peter Tiefenbrunners Stück „Swing heil!“ erfahren wir endlich mehr über die verfolgten „Swing-Kids“ der NS-Zeit. Es wurde beim „Freistil-Festival“ in Völklingen gezeigt – und dabei sollte es nicht bleiben.

Hat man das gewusst? 1943 erließ der Reichsinnenminister und SS-Führer Heinrich Himmler ein allgemeines Tanzverbot. Wer dann noch, selbst zu deutschen Folklore-Rhythmen das Bein schwang, lebte gefährlich. Wie zuvor junge Leute, die aus ihrer Liebe zum „undeutschen“ Jazz und „abartigen Negertänzen“ keinen Hehl machten. Die Mädchen trugen Zyklamlila auf den Lippen und extravagante Sonnenbrillen, die Jungs gingen nie ohne schwarzen Hut und Regenschirm aus dem Haus. Man trug die Distanz zum biederen NS-Lebensstil mit Stolz und Mut – und bezahlte dafür.  Es ist dies eine noch nicht oft erzählte Geschichte zivilen Ungehorsams der NS-Zeit, die man allgemein für bestens ausgeleuchtet hält. Umso bemerkenswerter, wenn es ein Theaterstück schafft, unvermutete Wissenslücken zu schließen. Dem „Doku-Musik-Theater“-Stück „Swing heil“ des Saarbrücker Schauspielers und Kabarettisten Peter Tiefenbrunner gelingt das – und darin liegt sein Charme und seine eigentliche Qualität. Tiefenbrunner komponiert zudem ein vortreffliches Tableau aus verschiedenen Medien und Gattungen, aus Gesang (Lisa Stroeckens, Andreas Braun), erzählerisch-fiktionalen Momenten (Sebastian Müller-Bech, Peter Tiefenbrunner, Barbara Scheck) und mitreißenden Tanzeinlagen (Gina Monzon, Nik Taffner). Das ist rein formal enorm ehrgeiziges und recht großes inszenatorisches Kino, gemessen an den Grenzen, die Personal und Ausstattung  Kleinkunstbühnen setzen.

Was haben die Swing Kids gemacht?

Tiefenbrunner hat „Swing heil!“ überwiegend aus Original- Zitaten (Prozessakten, Zeitungsberichte, Interviews) collagiert und zeichnet das Verfolgungs-Schicksal von rund 400 Jugendlichen nach, die im allgemeinen NS-Zeit-Aufarbeitungs- und Erinnerungs-Eifer vielfach vergessen wurden. Man fasst sie unter dem Begriff „Swing Kids“ oder „Swing Jugend“ zusammen. Die meisten landeten in sogenannten „Jugendschutzlagern“, in Moringen oder in der Uckermark. Letztere verdienten diesen euphemistischen Namen nicht, weil dort dieselbe Hölle herrschte wie in den Konzentrationslagern: Hunger, Entwürdigung, Folter.

So endete die Swing Jugend

Nach der Pause und einem – auch musikalisch – munter-flotten ersten Teil erzählen Zeitzeugen von ihren Qualen – sehr viele und sehr ausführlich. Man hört nachgesprochene Original-Texte, begegnet manchen alt gewordenen „Kids“ auch in authentischen Szenen auf einer großen Leinwand. Diese Dokumentations-Passage währt eindeutig zu  lange. Mag sie auch dem Respekt gegenüber den Opfern geschuldet sein, hier verliert das Stück den Kontakt zu seinem Hauptthema Swing-Musik.

Toller Jazz-Combo-Sound

Generell hätte dem Stück, das mit einem souveränen Gattungs- und Stilmix überzeugt, mehr Zuspitzung,  mehr Tempo, mehr Artikulations-Perfektion gut getan.  Die vier Live-Musiker (Wollie Kaiser, Wolf Giloi, Stephan Goldbach und  Marius Buck), die immer mal wieder auch Sprechrollen übernehmen, sind in diesem Fach nun mal nicht  geschult. Sie entschädigen durch einen fabelhaften Gute-Laune-Jazz-Combo-Sound und Swing-Hits von Goodman mit großem Wiedererkennungswert.Wie viel Luft vor allem bei der Zeichnung der (bösen) Charaktere noch da wäre, bewies Tiefenbrunner selbst. Krankheitsbedingt konnte er nur einen Kurzauftritt als Bürochef der Reichsmusikkammer absolvieren – mit durchdringend sonorer Stimme, wunderbar karikierend. 

Ein NS-Stück für Schulen

„Swing heil!“ kam bereits 2016 heraus, wurde kaum gespielt. Jetzt war das Stück die personenreichste Produktion des neuen „Freistil-Festivals“, das die Leistungs-Vielfalt und -Dichte der frei arbeitenden Theater- und Performance-Künstler in der Region unter Beweis stellen will. Wie klug, dass man „Swing heil“ ins Programm nahm. Denn eine solche Produktion gehört nicht ins Depot, sondern vors Publikum, und gekürzt vielleicht sogar in die Schulen. Ohne das Festival hätte das Kultusministerium nicht die zweite Chance, zuzugreifen.

Das Festival läuft noch bis 4. Juli. Infos unter www.freistil-festival-saar.de/