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Freie Szene Saar mit "Freistil-Festival" im Weltkulturerbe Völklingen

Neues „Freistil-Festival“ geht an den Start : Endlich Spielraum in der Hütte!

Beim „Freistil-Festival“ gibt die freie Szene Saar mit 20 Produktionen richtig Gas. Gastgeber ist ab 24. Juni das Völklinger Weltkulturerbe. Für jeden Geschmack ist etwas dabei, auch für Familien.

Es gibt sie also noch – Festivals. Doch das erste, das hier zu Lande nach der Corona-Zwangspause an den Start geht, ist eines, das man noch gar nicht kennt, das „Freistil-Festival“. Künstler der freien Szene Saar haben sich zu einer stilistisch breit angelegten Leistungsschau zusammengetan – erstmals in einer strammen Festival-Taktung, erstmals in so großer Zahl. Etwa 50 Akteure sind es, und sie bespielen ab 24. Juni elf Tage lang in einer sympathisch munteren Mischung die Erzhalle des Weltkulturerbes Völklinger Hütte. Dort wartet die womöglich größte Überraschung auf die Zuschauer: eine veritable Kleinkunst-Bühne mit schwarz gestrichenen Wänden, Zuschauertribüne und Spielflache. Diese Erzhallen-Spielstätte ist keine temporäre Einrichtung für das Freistil-Festival, sondern sie soll dauerhaft bleiben. „Endlich Spielraum in der Hütte!“, lautet denn auch ein jubilierender Spruch auf der Rückseite des „Freistil“-Programmheftes. Bekanntermaßen leiden die freien Gruppen darunter, dass ihnen Aufführungs-Plätze fehlen. Das Weltkulturerbe füllt also eine kulturpolitische Lücke.

Den Theaterraum erreicht man derzeit nur über eine Passage, die durch eine vorgelagerte „Inszenierung“ führt. Die „IBA Plant“ stellt  Nutzpflanzen, Fischbecken und Info-Material aus. Es geht um das Thema Garten, neue Lebensmittelproduktion und eine Internationale Bauausstellung der Großregion. Diese Horizont weitende Anregung erhält man also gratis als Festival-Zugabe.

Doch was wird bis 4. Juli in der Hütte überhaupt los sein? Der Spielplan ist thematisch ein weites Feld, zwischen „Swing Heil“ – Subkultur-Musik der Nazi-Zeit –, Schuberts  „Winterreise“ oder dem weiblichen surrealistischen Traum „Onirisée“. Nein, da lässt sich nichts auf einen Nenner bringen. Als Klammer taugt: Es geht niedrigschwellig und kleinteilig zu, typisch Kleinkunst eben. An jedem Abend laufen zwei verschiedene Formate: Lesungen, Live-Hörspiele, Konzerte, Puppenspiele, Filme, Tanz- und Klangperformances. Auch gibt es Veranstaltungen speziell für Kinder und Podiumsdiskussionen. Ein Großteil der Produktionen entstand für das Festival oder wird erstmals mal vor hiesigem Publikum gezeigt. Die Protagonisten sind in der Mehrzahl gestandene Akteure der Freien Szene, etwa Peter Tiefenbrunner, Gabriele Bernstein, Nina Schopka, Martin Huber, Ralf Peter. Oft jedoch findet man sie in neuen Konstellationen wieder.  Wahrlich, da wird fürs Publikum ein reiches Buffet angerichtet. Der durch viele Sponsoren, unter anderem das Kultusministerium,  in kurzen drei Monaten zusammen gebrachte Etat beträgt rund 61 000 Euro.

Das Netzwerk freie Szene Saar e.V. nennt das Programmheft zu diesem ersten „Freistil Festival“ ein „historisches Dokument“. Nicht nur, weil das Event wegen der Pandemie bereits zweimal abgesagt werden musste und nun endlich stattfindet. Vielmehr handelt es sich tatsächlich um bisher Singuläres: eine erste durch die Freie Szene im Kollektiv bewältigte Großveranstaltung. Möglich wurde sie durch einen „Kulturgipfel“ der Kultusministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) während der Pandemie. Die zum Berufs-Stillstand verurteilten Künstler tauschten Ideen für Projekte aus, entdeckten Synergien – und Solidarität. Letztere an einer Stelle, wo sie kaum jemand vermutet hätte, beim Weltkulturerbe Völklinger Hütte, das bisher seine Türen für Fremd-Bespielungen eher verschlossen hielt. Es war der neue Generaldirektor Ralf Beil, der der Freien Szene als Gastgeber die Erzhalle anbot. Am Dienstag,  bei der zweiten Freistil-Pressekonferenz zur Spielplan-Präsentation, bezeichnete er diese Kooperation als „wunderbare Situation, die ich genieße“. Das Weltkulturerbe sei „dankbar für das Geschenk“. Und die Mitglieder der Freien Szene? Katharina Bihler, Mirka Borchardt und Corinna Preisberg vermittelten – stellvertretend für die beteiligten Gruppen  eine unbändige Lust, „endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen.“ Es ist schön zu hören, wie sehr man während er vergangenen 15 Monate als Zuschauer vermisst wurde.