Frank Wedekinds „Frühlingserwachen“ in der Saarbrücker Feuerwache

Kostenpflichtiger Inhalt: Wedekinds „Frühlingserwachen“ in der Feuerwache : Kükenalarm im Staatstheater

Magali Tosato testet Frank Wedekinds „Frühlingserwachen“ in der Saarbrücker Feuerwache auf Gegenwärtigkeit.

Zugabe!, das kam von ganz hinten aus dem Saal. Vorne zuckte die Kritikerin zusammen: Nur nicht! Bitte nicht! Eine Stunde 45 Minuten Achterbahnfahrt zwischen passablem Gelingen und krachendem Missraten war genug, man wollte es los werden, das Kopfschütteln über die Diskrepanz zwischen textlicher Klugheit und inszenatorisch-ästhetischem Unvermögen. Tatsächlich haben es Regisseurin Megali Tosato und Dramaturgin Simone Kranz vermocht, die gefährlichste Klippe zu umschiffen. Sie versuchten erst gar nicht, das einstige Provokations- und Bürgerschreck-Potenzial von Frank Wedekinds 1906 uraufgeführtem Pubertierenden-Stück „Frühlingserwachen“ ins 21.Jahrhundert zu retten. Wohl wissend: Der Zusammenprall von hormoneller Übersteuerung, sexueller Unwissenheit und gesellschaftlicher Prüderie taugen heute, da Hardcore-Pornos auf Handys die Aufklärung übernehmen, nicht mehr zum Tragödien-Thema. Wohl aber ist das von Wedekind gespiegelte Lebensgefühl Heranwachsender zeitlos. Damals wie heute fremdeln sie mit dem eigenen Körper, ihrer Identität und den Konventionen und Leistungs-Erwartungen der Eltern-Generation, reiben sich wund an Melancholie, ersaufen in Euphorie. Genau das erleben wir in Saarbückens Alter Feuerwache.

Wedekind schrieb ein bittergalliges Gesellschaftspanorama des Wilhelminischen Deutschland und bot dafür mehr als 30 Personen auf. Tosato schrumpft das Personal radikal, auf sechs Schauspieler in zehn Doppelrollen, legt durch intelligente Text-Striche die Originalität der Wedekindschen Vorlage wieder frei: Stil-Brüchigkeit. Mal brodeln in Saarbrücken die Dialoge symbolistisch düster, mal schweben sie märchenhaft-poetisch dahin oder blitzen satirisch auf. Vortrefflich ist das.

Doch warum verlegt die Regisseurin ihr „Frühlingserwachen nach Wedekind“ in eine krude Bühnenwelt aus Zirkus, Krabbelstube und Schuldisko? Aufgerissen-anarchisch die Ästhetik. Ein dickes Wattewölkchen hängt verloren über der Spielfläche und glüht schon mal blutig. Aus einer Kuschel-Höhle wachsen Riesen-Phalli, Skaterbahn und Reck erinnern an Schulhof und Turnstunde. Und so banal geht es dann auch zu, es wird ziemlich viel gehüpft, gerauft und balanciert. Auch Graffiti-Spray-Aktionen müssen sein. Die androgynen Jungs und Mädels tragen Shirts, aber auch kurze Hosen und Kniestrümpfe wie aus Wilhelm-Busch -Büchern, die Erwachsenen tauchen in seltsam wattierten Anzügen und mit Clownshütchen auf. Soweit so wenig stimmig.

Doch peinlich wird es immer dann, wenn die Schauspieler Kinder-Kritzelzeichnungen mit wippenden Kükenbeinchen am Körper tragen. So verkleidet führen sie wilde Tänze zu schrägen Songs auf (Musik: Hans Block). Laut Programmheft markieren sie damit ihren kreativen Freiraum. Zu einem Chaos, das den Aufruhr der „kopflosen“ Jugend spiegeln könnte, wächst sich das alles freilich nicht aus (Bühne/Kostüme: Mirella Oestreicher). Kein Wunder, dass die Schauspieler hier verloren gehen. Allen voran Sébastien Jacobi, der weder komisch als Betonkopf-Direktor noch als geheimnisvoller „vermummter Herr“ überzeugt. Als Blues-Brothers-Karikatur lässt die Regisseurin ihn auftreten, das geht gründlich schief. Skurrille Farben kitzelt sie auch bei Moritz hervor, der sich wegen schlechter Noten umbringt. Thorsten Rodenberg agiert mal hilflos-babyhaft, später dann somnambul-dämonisch. Psychologisch reicher erlebt man seine Clique. Die von ihrer Mutter (Gaby Porchert) mit Storch-Geschichten dumm gehaltene Wendla entpuppt sich durch Laura Trapp als überraschend selbstbewusstes „tough girl“, wissbegierig und lustvoll experimentiermutig. Melchior (Michael Wischniowski) soll sie schlagen, doch dem intellektuellen Überflieger brennen die Körper-Sicherungen durch. Es kommt zur Vergewaltigung, an der von ihren Eltern erzwungenen Abtreibung wird Wendla sterben. Dem hingegen findet Martha/Ilse (Barbara Krzoska), ein vom Vater misshandeltes Mädchen, in Tomasos Version den Fluchtweg in ein selbstbestimmtes Leben.

Zweifellos hat sie Wedekind mutig auf zeitgenössische Lesbarkeit getestet, hat in der altbekannten, angestaubten Geschichte lebendige Substanz frei gelegt. Dafür holten sich Team und Ensemble sehr langen Applaus. Doch Mut allein ist keine künstlerische Erfolgswährung.

Nächste Termine: 13.11., 14.11., 16.11., 17.11. Karten: Tel. (06 81) 30 92 486

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