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Finanzierung über Crowdfunding, Spenden an freischaffende Musikerinnen und Musiker.

„Percussion Under Construction“ planen erstes Album : Eimer, Rohre und ein Ballonführerschein

„Percussion under Construction“ planen ihr erstes Album. Für die Finanzierung rühren die Schlagzeuger des Staatsorchesters jetzt die Werbetrommel. Alle Erlöse gehen an freischaffende Musikerinnen und Musiker.

Ein tränenschweres Konzeptalbum über die Pandemie? Alles, nur das nicht, sagt Martin Hennecke – auch wenn das geplante Album „Locked Down?“ heißt. „Wir wollen dem ganzen Ärger etwas Kreatives und Lebendiges entgegensetzen.“ Hennecke ist einer der beiden Leiter von „Percussion Under Construction“ (Matthias Weißenauer ist der andere), einem Ensemble aus den Schlagzeugern des Saarländischen Staatsorchesters. Seit 2005 gibt es die Truppe, die seit elf Jahren abendfüllende Konzerte gibt – mal auf der Bühne des Staatstheaters, mal auch auf dem Gelände des Saarbrücker Flughafens. 

Jetzt bereiten die acht Musiker das erste Album vor, dessen Titel auf die Pandemie anspielt, weil es im ersten Lockdown konzipiert wurde. „Bei ausfallenden Konzerten und Kurzarbeit sitzt ja niemand gerne tatenlos zuhause herum“, sagt Hennecke. Die Musiker machten aus der Not eine Tugend, komponierten, gaben Konzerte im Internet und knüpften dabei Kontakte, was sich alles nun auf „Locked Down?“ widerspiegelt.

Entstehen soll das Album im Orchestersaal des Staatstheaters, im dritten Stock. Dort werden Tontechniker ein mobiles Studio aufbauen, drei Aufnahmetage sind geplant. „Das ist nicht zu großzügig berechnet“, sagt Hennecke, „die Stücke sind nicht ganz einfach zu spielen.“  Erscheinen soll die CD dann in der zweiten Jahreshälfte 2021 beim renommierten Label Coviello Classics, in einer Auflage von 1000 Exemplaren, 65 Minuten lang – und alle Erlöse werden die Musiker, die das Album ehrenamtlich einspielen, spenden: „an die Deutsche Orchesterstiftung zugunsten freischaffender Musikerinnen und Musiker“, erklärt Hennecke, der sich des Privilegs einer festen Stelle als Künstler besonders in dieses Zeiten sehr bewusst ist.

 Martin Hennecke.
Martin Hennecke. Foto: Martin Kaufhold

Was gibt es auf dem Album zu hören? „Es ist keine CD, auf der wir einfach aufnehmen, was wir bisher live gespielt haben“, sagt Hennecke. Die sechs Musiker (neben Hennecke und Weißenauer sind das Dominik Minsch, Thorsten Muschiol, Johannes Walter und Fedor Woll) bieten unter anderem  – kommt ihnen niemand mehr zuvor – die Ersteinspielung einer Komposition von Tan Dun: Dessen „Prayer and Blessing“, das der Chinese während der ersten Corona-Phase (und als Reflex darauf) geschrieben hat, wird das Ensemble auf zwölf Gongs aus Wuhan spielen; den Gesangspart übernimmt die australische Sopranistin Valda Wilson, Ensemble-Mitglied im Saarländischen Staatstheater. Eigenkompositionen wie „L.A.“ von Hennecke wird es geben und den Percussion-Evergreen „Trio per uno“ von Nebojsa Jovan Zivkovic, aber in einer ungewohnten Version. Denn das  Instrumentarium des Albums ist so breit angelegt wie ungewöhnlich – neben den klassischen Instrumenten bringen die Musiker auch selbst entworfene mit ins mobile Studio, laut Hennecke „Eimer statt Tom-Toms, Metallkanister statt Snare-Drums, Plastikrohre statt Marimbas“.

Ein Weltstar von der Saar ist auch dabei – Herman Rarebell, Drummer der Scorpions zwischen 1977 und 1996. Den Schlagzeuger aus Hüttersdorf lernte Hennecke kennen, als Rarebell in Saarbrücken beim Festakt zu „100 Jahre Versailler Vertrag“ bei Beethovens Neunter mittrommelte, die Hennecke für  Rockband, Percussion und Orchester arrangierte. Der Kontakt war geknüpft, nun wird Rarebell bei einer unkonventionellen Neu-Einspielung des Scorpions-Stadionklassikers „Rock you like a hurricane“ dabei sein.

„Locked down?“ verspricht also ein interessantes, unkonventionelles Album zu werden. Nur: Erst muss es mal finanziert werden. Die Musiker setzten dabei auf eine Crowdfunding-Aktion, die, wie Hennecke betont, keine Spenden-Aktion ist, sondern eine Vorfinanzierung. Man kann jetzt zum Beispiel 20 Euro zahlen und erhält dann die fertige CD. Sogar eine Fahrt im Ballon kann man buchen, denn Matthias Weißenauer, Ko-Leiter des Ensembles, arbeitet an seinem Ballonführerschein. Auch Konzerte im Wohnzimmer von Crowdfunding-Unterstützern sind möglich – wenn auch nicht zurzeit, entstand das Angebot doch vor den aktuellen Kontaktbeschränkungen. „Es wurde auch schon bei uns angefragt, ob wir draußen spielen können, neben einem Feuer“, sagt Hennecke – „warum nicht?“

10 000 Euro ist das Ziel der Kampagne – mit dem Geld sind die Kosten für Aufnahme, Produktion und CD-Pressung abgedeckt. „Wir haben das konservativ gerechnet“, sagt Hennecke, „kostet die Produktion weniger, können wir direkt Geld an die Orchesterstiftung spenden.“ Bis zum 22. November läuft die Finanzierungsfrist, und es schaut gut aus. Über 5000 Euro sind bereits eingespielt, wobei das Interesse an der CD bisher am größten ist – und an den Masken mit schmuckem „Percussion Under Construction“-Logo. Hennecke hat im Blick, wer Geld gibt – natürlich nicht zuletzt Kolleginnen und Kollegen, Freunde, Familie. „Aber den ersten Schwung der Interessierten kannten wir überhaupt nicht“, sagt Hennecke – es waren, wie sich dann herausstellte, treue Fans des Musikers Frank Zappa. Denn auf dem Album wird das Ensemble, das mehrmals beim Gedenkfestival „Zappanale“ aufgetreten ist, das Zappa-Stück „The Black Page“ einspielen. Als besonderer Gast ist Schlagzeuger Christopher Garcia  von „The Mothers of Invention“ dabei, der Band aus alten Weggefährten Zappas. Garcia wird nicht anreisen, unabhängig von Corona würden die Flugkosten auch das Budget sprengen, sondern seinen Part in Los Angeles einspielen und dann in Richtung Saar herübermailen.

Was aber, wenn die 10 000 Euro nicht zusammenkommen? „Dann ist das Projekt gestorben, und das Geld wird nicht eingezogen“, erklärt Hennecke. Aber er ist guten Mutes – und die Frist kann noch einmal verlängert werden, sobald zwei Drittel der Summe zusammen sind.

Kontakt und Info:
www.percussionunderconstruction.de
www.startnext.com/percussionunderconstruction