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Festival für frankophone Gegenwartsdramatik "Primeurs" in Saarbrücken

Am Samstag war die Preisverleihung : Trotz Corona: So lief das Schauspiel-Festival Primeurs

Die 15. Ausgabe von Primeurs, Festival für frankophone Gegenwartsdramatik ging nach vier Spieltagen in Forbach und Saarbrücken am Samstag mit der Preisverleihung zu Ende.

Das mag auf den ersten Blick überraschen: Ein Theaterstück über eine 15-Jährige, die ungewollt schwanger wird und sich entscheiden muss, ob sie abtreibt oder nicht, errang unter sechs Wettbewerbsstücken den (undotierten) Publikumspreis bei der 15. Ausgabe des Festivals für frankophone Gegenwartsdramatik, „Primeurs“. Mit „Der Vorgang ( Le processus)“ nimmt sich die französische Theaterautorin Catherine Verlaguet eines vermeintlich reinen „Frauenproblems“ an, bei dem die Älteren meist froh sind, dass sie es hinter sich haben und die Jungen schnell pädagogische Zeigefinger wittern.

Der am Freitag im Forbacher Carreau als szenische Lesung von Laura Sophia Becker (Einrichtung: Johanny Bert) bravourös dargebotene Text schafft es jedoch wunderbar lebendig, das Hin- und Her der Gefühle und Gedanken von Claire vor Augen zu führen, die es sich nicht leicht macht und zu einer Entscheidung finden muss. In der Figur des Freundes Fabian, in die die Akteurin schlüpft, fanden auch Jungs Identifikationsmöglichkeiten, hieß es über eine vorverlegte Forbacher Schulvorstellung. Ältere Zuschauerinnen zeigten sich am Freitag berührt und lobten es als „universal“.

Letzteres lässt sich auch über „Rote Erde (Terre Rouge)“ sagen, ein Ein-Personen-Stück des Dramatikers Aristide Tarnagda aus dem westafrikanischen Burkina Faso, das für europäisches wie afrikanisches Publikum funktioniert. Das Stück, das als Schweizer Gastspiel vom ebenfalls burkinischen Vollblut-Schauspieler Urbain Guiguemdé ( Regie: Miriam Lustig) gespielt wurde, erzählt in teils sehr poetischer Sprache von zwei Brüdern – der eine emigrierte nach Europa, der andere blieb – und ihrer inneren Zerrissenheit: Der eine, einsam in der Fremde, träumt vom Paradies der Kindheit, der andere fühlt sich daheim verlassen und will ihm klar machen, dass die Migration vergeblich, die Heimat aufgrund von Korruption und Pseudo-Entwicklungshilfe und Klimawandel längst nicht mehr zu retten ist.

Das grenzüberschreitende Festival für frankophone Gegenwartsdramatik, das am Samstag mit der Preisverleihung in der Alten Feuerwache in Saarbrücken zu Ende ging, fand diesmal so schön miteinander verflochten, gleichgewichtig und zweisprachig (mit Übertitelungen und Simultandolmetschen über Kopfhörer) in Forbach und Saarbrücken statt wie noch nie. Jeweils zwei Tage und abwechselnd gastierte es mit je drei Stücken auf beiden Seiten der Grenze. Trotz Corona-Risiko war der Zuspruch groß. Zwischen 600 und 700 Zuschauer jeden Alters, darunter ganze Busgruppen von Saargemünder Schülern und Metzer Studenten fanden den Weg zu den Spielstätten der Veranstalter: im Theater Le Carreau, im Staatstheater und beim SR auf dem Halberg, wo dieser auch sein Live-Hörspiel präsentierte.

In der Alten Feuerwache war am Samstag neben „Drissa“ von Eva Doumbia in einem Berliner Gastspiel von Label Noir auch in einer Staatstheater-Einrichtung „Lichter der Nacht (Feu la nuit)“ der Französin mit iranischen Wurzeln, Laura Tirandaz, zu sehen, die die Fachjury aus Übersetzungs-Experten mit dem mit 3000 Euro dotierten „Primeurs“-Hauptpreis für Autor/innen bedachte. Der Übersetzerpreis und damit 1000 Euro gingen diesmal an Uli Menke, der Dorothée Zumsteins „Meeting Point (Heim)“ ins Deutsche übertrug.