Festival „eviMus“ in Saarbrücken

Festival „eviMus“ in Saarbrücken : Klang-Unwetter vor spektakulären Bildern

Das sechste Konzert des Saarbrücker Festivals „eviMus“ bestach mit multimedialen Elementen. Das Publikum jubelte. Die Veranstalter kritisieren aber den dürftigen Etat.

Diego Tosi scheint von einem Feuersturm umgeben: Um den Violinisten herum flammt und lodert es, glühende Wolken in chromgelb und rot jagen über ihn hinweg. Dem Mann droht keine Gefahr: Der renommierte Geigenvirtuose gehört dem französischen Ensemble Flashback an, das am Samstag im Kulturzentrum am Eurobahnhof (KuBa) eine fantastische Multimedia-Show präsentiert.

Es ist das sechste Konzert der diesjährigen „Saarbrücker Tage für elektroakustische und visuelle Musik“, kurz „eviMus“: Von Donnerstag bis Sonntag werden Werke regionaler und internationaler KomponistInnen in Zusammenarbeit mit verschiedenen Ensembles, Video- und KlangkünstlerInnen und sogar Tanzperformern aufgeführt – als Auswahl einer dem Festival vorgeschalteten, internationalen Ausschreibung. Der Raum ist bis auf den letzten Platz besetzt; das altersmäßig bunt gemischte Publikum hat es sich auf Sesseln und Sofas im Retro-Stil bequem gemacht, dazwischen verteilen sich Stehlampen und Töpfe mit stattlichem Bogenhanf. Der Eintritt ist frei, Getränke und eine vegetarische Suppe gibt‘s zu äußerst moderaten Preisen.

Die einladende und gemütliche Atmosphäre in der Kantine des Kooperationspartners ist ganz im Sinne des aus Chile stammenden Festivalleiters Daniel Osorio, der für sein Nischenprojekt der Neuen Musik ausdrücklich nicht nach elitärem Publikum schielt. Osorio ist selbst Komponist Neuer Musik und möchte bewusst niedrigschwellige Überzeugungsarbeit leisten: „90 Prozent der Zuhörer sind nicht vom Fach“, schätzt er und strahlt. „Das freut mich!“

2014 lief die erste Ausgabe, seither ist eviMus stetig gewachsen und hat sich auch inhaltlich verändert. Anfangs stand akusmatische Musik im Fokus: Klänge, deren Ursprung nicht identifizierbar ist, was eine Situation reinen Hörens bedingt. „Wir haben jedoch gemerkt, dass das Publikum ein Bedürfnis nach (Inter-)Aktion hatte“, erzählt Osorio. Also lud er zunehmend Künstler ein, die live performten.

Parallel wuchs der technische Aufwand: Längst liefern acht im Raum verteilte Lautsprecher Sound in Oktophonie-Qualität. Gleichzeitig wurde der visuelle Aspekt multimedialer Erweiterung immer wichtiger, so wie bei Flashbacks Show „Double Jeu“: Ein Beamer wirft bewegte Bilder auf einen durchsichtigen Gaze-Vorhang; dahinter steht Diego Tosi und geigt mal pur, mal mit hinzu addierten Soundeffekten oder elektronischer Zuspielung, die seine Kollegen am Mischpult teils in Echtzeit generieren. Da geht’s mal filigran zu, mal entladen sich Klang-Unwetter; mal steht Tosi im musikalischen Dialog mit projizierten Abbildern seiner selbst, dann wiederum scheint er durch sein Spiel 3D-Grafiken in der Schwebe zu halten und zu animieren – ein grandioser Pas de Deux von Musik und Bild.

Das Publikum reagiert zu Recht frenetisch, überhaupt sind bislang alle Konzerte bestmöglich besucht, und eigentlich hätte Osorio allen Grund zum Jubel – wäre da nicht der besorgniserregend mickrige Etat: Für insgesamt acht hochkarätige Konzerte an vier Tagen stehen aktuell beschämende 6000 Euro von (unter anderem) Landeshauptstadt, Regionalverband, Kultusministerium, Saar-Toto zur Verfügung, inklusive Gelder privater Sponsoren. Ein schlechter Witz angesichts der Summen, mit denen andere hiesige und wesentlich kommerziellere Festivals von öffentlicher Hand gefördert werden. Das Land habe seinen Zuschuss jetzt sogar noch gekürzt, berichtet Osorio. Er will nicht jammern, aber seine Workshops mit Kindern habe er deswegen in diesem Jahr nicht realisieren können.

In die zweite Ausgabe geht dafür am Samstag die im vergangenen Jahr erfolgreich gestartete „Nuit Blanche“: ein akusmatisches Format, das nach einer Idee von Osorios Organisationspartnerin Alena van Wahnem mit weiteren Werken aus der Ausschreibung die traditionelle Konzertsituation aufbricht. Zu den Wasserklängen von Maria Teresa Treccozzis „Move your ears“ etwa wandeln wir durch den Raum, manipulieren unsere Ohren mit Händen und Pappbechern und prüfen, ob sich unsere Wahrnehmung bei geschlossenen Augen ändert. Wer mag, kann seine Empfindungen auch niederschreiben oder in Form von Bildern an die Wand malen. Kaffee und Tee halten unsere Sinne wach.

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