Felix Bohr enthüllt in „Kriegsverbrecherlobby“ die politische Hilfe für NS-Täter

Interview mit dem Autor des Buchs „Kriegsverbrecherlobby“ : „Hilfe für Kriegsverbrecher war Staatsräson“

Felix Bohr enthüllt im Buch „Kriegsverbrecherlobby“ die politische Hilfe für NS-Täter. Am Montag liest der Historiker in Saarbrücken.

In den ersten Nachkriegsjahren saßen zahlreiche deutsche Kriegsverbrecher in westeuropäischen Gefängnissen. Übrig blieben ab den Sechzigerjahren nur Herbert Kappler in Rom und die sogenannten Vier von Breda in den Niederlanden. Der Historiker und Spiegel-Journalist Felix Bohr enthüllt in seinem Buch „Kriegsverbrecherlobby“, das er am Montag in Saarbrücken vorstellt, wie beständig sich die Bundesregierung bis 1989 für die NS-Täter im Ausland einsetzte – überraschend intensiv auch der SPD-Kanzler Willy Brandt, der vor gut 50 Jahren ins Amt kam.

Herr Bohr, Willy Brandt hat sich als Kanzler zur deutschen Schuld bekannt, auch durch den Kniefall von Warschau. Sie zeigen nun, dass er sich gleichzeitig für die Freilassung von NS-Tätern im Ausland einsetzte. Wie passt das zusammen?

BOHR Für Willy Brandt waren die Aussöhnung mit dem ost- und westeuropäischen Ausland und die Lösung der Kriegsverbrecherfrage zwei Bestandteile einer außenpolitischen Agenda. In dem Maße, wie er sich für die Aussöhnung einsetzt, symbolisiert durch den Kniefall von Warschau, setzt er sich hinter den Kulissen für Herbert Kappler und weitere, in Westeuropa inhaftierte Kriegsverbrecher ein. Brandt spricht intern oft davon, die Überreste des Zweiten Weltkriegs abbauen zu wollen. Das verbindet ihn mit einem Großteil der bundesdeutschen Bevölkerung, die in den Siebzigerjahren noch sehr gewillt ist, einen Schlussstrich zu ziehen – wenn auch aus anderen Motiven als Brandt. Während diese Schlussstrichmentalität einherging mit einer Relativierung der deutschen Schuld, verfolgte Brandt größtenteils hehre Ziele, etwa die innere Aussöhnung des deutschen Volkes, zwischen ehemaligen Mitläufern und Gegnern des NS-Regimes.

Wieso haben sich auch NS-Opfer und frühere Widerstandskämpfer wie Brandt für inhaftierte Kriegsverbrecher eingesetzt?

Felix Bohr, Historiker und Spiegel-Journalist, liest am Montag in Saarbrücken. Foto: Max Zerrahn/Suhrkamp. Foto: Max Zerrahn/Suhrkamp Verlag

BOHR Das hat mich lange umgetrieben. Ich kann das nur, und das ist für einen Historiker immer ein bisschen schwierig, in psychologischer Hinsicht bewerten. Und ich habe eine Art Übersprungsidentifikation mit den ehemaligen Tätern festgestellt. Leute, die zum Teil verfolgt waren, nicht nur Brandt, der im Exil war, setzen sich für diese Männer mit einem Elan ein, dass man staunend davorsteht. Das war womöglich auch der Wille, sich als Verfolgter oder Opfer des Regimes dieser Mehrheitsgesellschaft, die größtenteils aus der ehemaligen NS-Volksgemeinschaft bestand, wieder anzunähern.

Wie kam es dazu, dass mit Kappler und den Vier von Breda nur noch fünf Deutsche in Westeuropa einsaßen – aber das auf Dauer?

BOHR Das waren die Überbleibsel von Hunderten rechtskräftig verurteilten Kriegsverbrechern, die nach 1945 Westeuropa inhaftiert waren. Allein in den Niederlanden haben wir über 200, in Italien sind es anfangs mehrere Dutzend. Dort ist Kappler seit 1951 bereits der letzte deutsche Kriegsverbrecher, der noch in Haft sitzt, in den Niederlanden sind die Vier von Breda ab 1961 die letzten. Warum ausgerechnet diese fünf solange festsaßen in Italien und den Niederlanden, das hat mehrere Ursachen. Der Hauptgrund ist, dass sie als Täter in ihren Haftländern so berühmt-berüchtigt waren, dass die Regierungen in Den Haag und in Rom diese heißen Eisen nicht anfassen konnten, ohne die Öffentlichkeit gegen sich aufzubringen. Diese Männer wurden im Laufe der Jahre zu Symbolen für alle in den Haftländern begangenen deutschen Kriegsverbrechen. Aber wir müssen auch bedenken, wie viele Betroffene und Opfer damals noch lebten.

Sie zeigen, dass die Bundesregierungen bis 1989 die Inhaftierten unterstützt haben – über alle Parteigrenzen hinweg. Was waren die politischen Motive?

BOHR Die Kriegsverbrecherhilfe gehört ab der Adenauer-Ära zur bundesdeutschen Staatsräson. Seit 1949 ist die Bundesregierung bestrebt, alle deutschen Männer, die noch im Ausland inhaftiert sind, nach Hause zu holen und einen Schlussstrich zu ziehen. Dabei geht es um kriegsgefangene Wehrmachtssoldaten, die nicht zwangsläufig Verbrechen begangen hatten, aber eben auch um sehr viele rechtskräftig verurteilte Kriegsverbrecher. SPD und FDP tragen das mit. Natürlich variieren die Motive, doch letztlich setzen sich alle Parteien für die NS-Täter ein. 1989 kommen die letzten Häftlinge in Breda frei, als sehr alte Männer. Aber das geht dann von den Niederländern aus.

Die Bemühungen der Regierungen deuten Sie als Beiträge zur Vergangenheitspolitik. Was ist darunter zu verstehen?

BOHR Vergangenheitspolitik ist ein Begriff des Historikers Norbert Frei, der ihn auf das erste Nachkriegsjahrzehnt anwendet. Auf der politischen Agenda Adenauers steht die Integration ehemaliger Mitläufer des Dritten Reichs in den bundesdeutschen demokratischen Staat bei gleichzeitiger normativer Abgrenzung vom NS-Regime – so definiert Frei das. Das geht einher mit der Verschleppung der juristischen Aufarbeitung, einer täterfreundlichen Politik und Gesetzgebung. Die von Adenauer ausgerichtete Agenda setzt sich in den Kriegsverbrecherfällen bis 1989 fort. Wobei es einen Wandel gibt. Am Anfang wird die Kriegsverbrecherhilfe relativ offen geleistet. Dann als stille Diplomatie fortgeführt, weil die Öffentlichkeit seit den Sechzigerjahren, beginnend mit dem Eichmann-Prozess, kritischer wird.

Sie beschreiben in Ihrem Buch eine „Kriegsverbrecherlobby“, an der sich nicht nur die Politik beteiligte. Wer gehörte ihr noch an?

BOHR Die Lobby bestand in erster Linie aus Verbänden der alten Kameraden, aber auch aus den Kirchen, aus Privatleuten und Mitgliedern des Bundestages. Der Hauptfokus liegt auf den Organisationen der alten Kameraden, von denen es in den Fünfzigerjahren über 2000 gab. Das waren nicht nur versprengte Alt-Nazis, wie wir uns das heute vielleicht vorstellen. Sondern schlagkräftige Gruppen. 1977 hatten sie noch über zwei Millionen Mitglieder und bildeten ein großes Wählerpotenzial. Dann gibt es die Kirchen, die sich aus humanitär-christlichen, aber auch aus vergangenheitspolitischen und rückwärtsgewandten Motiven für diese Männer einsetzten. Und dann zähle ich zur Lobbygruppe auch Diplomaten des Auswärtigen Amtes.

Wieso erscheint die Hilfe für Kriegsverbrecher aus heutiger Sicht so schwer nachvollziehbar?

BOHR Das hängt damit zusammen, dass wir heute als Nachgeborene eine sehr kritische Erinnerungskultur in Deutschland haben, bei allen Anfechtungen, die von rechter Seite da sind. Diese Erinnerungskultur entwickelte sich in den Achtzigerjahren. Bis dahin war das alles gar nicht so reflektiert. Revisionistische Ansichten konnten lange bestehen, beispielsweise die Legende, die Wehrmacht habe einen sauberen Krieg in ganz Europa geführt und keine Verbrechen begangen, das habe die SS übernommen. In den Achtzigerjahren bröckeln solche Legenden. Aber die Kriegsgeneration hatte diese kritische Erinnerungskultur größtenteils nicht. Das ist der Grund, warum wir heute manchmal erstaunt zurückblicken, auch auf einen Akteur wie Willy Brandt. Wenn man sich Brandt aber als politischen Akteur in seiner Zeit ansieht, der auf Wählerstimmen achten musste und ein Machtpolitiker war, wundert es einen nicht, dass er auf die alten Kameraden zuging und auch für sie Politik machte.

Felix Bohr: Die Kriegsverbrecherlobby. Suhrkamp, 558 Seiten, 28 Euro. Buchpräsentation: Montag, 12. August, 18 Uhr, Stiftung Demokratie Saarland, Europaallee 18, Saarbrücken.

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