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Erinnerungen an eine saarländische Jugend in den 1970ern.

Das Buch „Wiesenzeit“ von Lothar Quinkenstein : Der „Braune Bär“ und die Cordpantoffeln

Carrera-Bahn und „Silberpfeil“-Comics, „eich“ und „dau“, „Speis“ und „Beddong“: Von einer Jugend im Saarland der 1970er erzählt das hinreißende Buch „Wiesenzeit“ von Autor Lothar Quinkenstein.

Wie verlässlich sind Erinnerungen? Und wie trügerisch? Über die Jahre können sie verblassen oder sich verändern durchs eigene Erzählen. „Als Erwachsene stehen wir vor dem verlassenen Haus des eigenen Erlebten, spähen durch die Scheiben, die mittlerweile blind geworden sind“, schreibt denn auch Lothar Quinkenstein als Vorbemerkung seines hinreißenden Buchs „Wiesenzeit“ über seine Kindheit in einem saarländischen Dorf in den 1970ern. „Doch sind unsere Augen nicht mehr dieselben.“ Nicht verwunderlich also, dass er dem Titel seines Buchs das Wort „Erzählung“ beifügt.

Mit dem Umzug ins Saarland beginnt „Wiesenzeit“, mit einem schmerzhaften Abschied von der alten Heimat. „Dort war doch alles anders. Wie sollte das schön werden?“ Nun, es wird schön, wenn auch nicht nur – aber im Saarland erlebt Quinkenstein, 1967 in Bayreuth geboren, die titelgebende „Wiesenzeit“. Eine Kindheit mit all ihren Herrlichkeiten und Schrecknissen, Glücksmomenten und auch Demütigungen. Wo genau im Saarland die Quinkensteins damals hingezogen sind, lassen Buch und die Kurzbiografie auf dem Klappentext offen – diese Erinnerungen sind ja auch in gewisser Weise universell.

Ein bestimmendes Thema ist die Kollision der Sprache der Zugereisten mit der der Saarländer. Während Quinkensteins Eltern, er Arzt, sie Übersetzerin, Sätze sagen wie „Hat‘s Dir die Petersilie verhagelt“ (Mutter) oder „Was sind denn das für Töne, Knabe?“ (Vater), hört der junge Lothar auf dem Hof der neuen Schule bisher unbekannte Worte: „Kummuffstelle“, „Guddche“, „eich“ und „dau“ – das sind keine niedrigen Integrationshürden. Aber der junge Zugereiste arbeitet sich ein in die Sprache, saugt saarländische Begriffe wie „Speis“ oder „Beddong“ in sich auf und weiß, wichtig für die Schulhofgespräche, auf welchem Platz gerade der „Eff Zeh“ steht.

Freunde findet er zügig. Pitt und Bätsche heißen sie, Maddin, Holgi und Eddi. Gemeinsam erleben sie die Zeiten, die endlos wirken, wenn man in der Dämmerung auf einer Wiese am Feuer sitzt und eine Mutter (die von Pitt) Limo und Leberwurstbrötchen vorbeibringt. Atmosphärisch und sinnlich ist Quinkensteins Sprache, es wimmelt von plastischen Schilderungen, etwa „wenn die Väter und Onkel im Glanz der untergehenden Sonne standen. Wenn ringsum das frisch Betonierte trocknete, die Arbeit des Tages in blauen Trainingshosen, Cordpantoffeln und leuchtend weißen Unterhemden ihre Vollendung fand.“

"Wiesenzeit" von Lothar Quinkenstein Foto: Knischetzky/Quinkenstein

Selig sind die Besuche bei den Großeltern in der Pfalz um die Ecke (man darf Kaiserslautern vermuten, da der Humbergturm erwähnt wird); dort kann der kleine Lothar auch mal in Ruhe fernsehen – zuhause läuft das TV-Gerät selten und heißt dort, bildungsbürgerlich abwertend, „Glotzophon“ oder „Flimmerkiste“. Ab und an geht es auch an den Sehnsuchtsort der Familie – Lothringen, wo die „Orangina“ jede deutsche Limo aussticht und die Pommes Frites dünner und knuspriger sind als in den heimischen Kneipen.

Wie unmittelbar man als Leserin oder Leser auf diese Erinnerungen reagiert, wird auch am eigenen Alter liegen – wer seine Kindheit in den 1970ern erlebt hat, bei dem werden Comics wie „Bessi“ oder „Silberpfeil“, ein Eis namens „Brauner Bär“, Zigaretten wie „Ernte 23“ oder „Lasso“, das Bonanzafahrrad, die „Carrera“-Bahn und der „Matchbox“-Looping wohlig nostalgische Assoziationen auslösen; ebenfalls, wenn ein „Opel Admiral“ vorbeischwebt und Kaugummi-Automaten noch Selbstverständlichkeiten im Straßenbild sind und nicht Retro-Relikte wie heute.

Autor Lothar Quinkenstein Foto: Röhrig Universitätsverlag GmbH/ADAM CZERNENKO

In der neuen saarländischen Heimat, zwischen rotierendem „Beddong“-Mischer und einem Lädchen, in dem die bestellten Schulbücher immer „neggsch Wuch“ kommen (also nie), ist nicht immer eitel Sonnenschein. Es kann schon mal sein, dass ein Nachbar angesichts von Maulwürfen und Wühlmäusen rät: „Alles vergase, vergase!“. Der Tod ist machmal weit weg, wenn die Rote Armee Fraktion und etwa deren Mord am Bankmanager Jürgen Ponto 1977 wie ein dunkler Schatten durch die Welt der Kinder huscht, doch schnell verschwindet; aber im Ort sieht Quinkenstein die erste Leiche, einen Motorradfahrer, der sich „dodgesterzt“ hat. Die neugierigen Jungs schleichen sich in die Leichenhalle und betrachten den Aufgebahrten, der wirkt, als schliefe er. Auf dem Heimweg sind die Buben verstummt. „Unter der Brücke gluckste die Bach. Heute lockte sie uns nicht.“

Letztlich mehr Schrecken verbreitet die Anschaffung eines Klaviers bei den Quinkenstein – denn Klein-Lothar muss mittwochs zum Unterricht zu Herrn Spaniol, zugleich Organist, Dirigent des Gesangsvereins und Gastronom (gutbürgerliche Küche). Der Weg zu ihm führt „in die zwielichtige Gegend hinter der Bahnlinie, wo Halbstarke das Sagen“ haben, „in Lederjacken mit Rollbratenschultern“. In diesem Zusammenhang hört der junge Lothar auch eine Drohung, vor deren saarländischer Bildhaftigkeit er schon damals, bei aller Angst, den Hut zieht: „Dau krisch‘se, dass dei Zänn uff‘m Arsch Klavier spille“.

Quinkenstein beschreibt das alles nicht aus der distanzierten, leicht erhobenen Sicht des Erwachsenen – seine Erinnerungen sind ganz unmittelbar, ohne Verweise oder Bezüge auf heute. Am Ende, im Kapitel „Die letzte Wiesenzeit“, geht etwas zu Ende, Freund Pitt etwa trifft sich lieber mit Älteren, und das Bonanzarad, gleichsam ein Sinnbild für eine Jugend in den 70ern, steht unbeachtet herum – sogar die Reifen sind symbolhaft platt. Aber Quinkenstein lässt sein Erzählung nicht sentimental oder tränenschwer enden – es geht eben immer weiter, nur eben etwas anders. 

Lothar Quinkenstein: Wiesenzeit.
Knischetzky, 163 Seiten, 13,90 Euro.
www.roehrig-verlag.de