"Ente und Anfall" auf dem Theaterschiff Maria-Helena in Saarbrücken.

Kindertheater in Saarbrücken : Komische Vögel auf dem Theaterschiff

Mit völlig neuer Crew, einem rasant-witzigen Kinderstück und Gruseltheater für Erwachsene ist das Saarbrücker Theaterschiff Maria-Helena in die Saison gestartet.

Längere Zeit lag das Theaterschiff Maria-Helena nicht gerade unter Dampf. Das lag unter anderem daran, dass Kapitän Frank Lion sich als Admiralsintendant von seiner alten, fünfköpfigen Compagnie getrennt hat: Er wollte sich nicht länger von festen Strukturen und Aufgaben an die Ankerwinde legen lassen. Nun hat er den Kopf frei für neue Ideen und Projekte und dafür freie Seemänner und -frauen angeheuert. Und wenn man sich die näher anguckt, muss man sagen: Lion hat keine Leichtmatrosen schanghait.

Nehmen wir zum Beispiel Eva Kammigan, die uns an Bord des ehemaligen Kohlenkahns gerade mit ihrem Solo „Ach, wenn’s mir nur gruselte“ das Fürchten lehrte. In der Produktion „Anfall und Ente“ (ein Zwei-Personenstück für Kinder ab fünf Jahren, Premiere war am Sonntag) poltert die Schauspielerin nun so dermaßen lebhaft und dominant durch den Schiffsbauch, dass man den Eindruck hat, sie habe mal eben die ganze Péniche gekapert. Und das ganz ohne Enterhaken, nur mit ihrem überbordenden Temperament und ihrer Spielfreude.

Daneben hat‘s Viola Altmann, die parallel auch im Kinderstück „Die zweite Prinzessin“ (Regie: Corinna Preisberg) auf den Planken steht, direkt schwer, aber schließlich ist das von der Rollenverteilung her auch exakt so gewollt: Altmann spielt die schüchterne Ente, die am liebsten auf ihrer lauschigen Teichwiese vor sich hin dümpelt und der ihre kleine, überschaubare Welt voll und ganz genügt. Kammigan dagegen verkörpert alle anderen Figuren und hauptsächlich Entes extrovertierten Kumpel Anfall, der vor wilder Abenteuerlust und Eroberergeist schier platzt. Auch rhetorisch hat dieser komische Vogel einer nicht näher definierten Spezies Anfälle: Er stampft und trampelt hin und her und quasselt sich dabei in Monolog-Kaskaden hinein, mit denen er die überforderte Ente regelrecht überfällt. Ja, man könnte sagen: Der ganze laute Typ ist ein Anfall, und genau deshalb heißt er wahrscheinlich auch so. Dennoch kommen die beiden miteinander klar, bis Entes Kuscheltier Hundi verschwindet.

Nun treibt die Eifersucht einen Keil ins Getriebe, weil Anfall merkt, dass er nicht Entes bester Freund ist. Doch er überwindet das Gefühl und beschließt, Ente bei der Suche zu helfen – der Beginn einer fantastischen, aufregenden Reise zum Nordpol und sogar ins All, auf der das ungleiche Paar auf ziemlich skurrile Freunde Anfalls trifft und bei der die ängstliche Ente über sich hinauswachsen wird. Aber auch der laute Anfall profitiert, weil er dank Ente endlich mal zur Ruhe kommt. Regie führt Frank Lion selbst, doch entgegen seiner sonstigen Gepflogenheiten hat er das Stück diesmal nicht selbst geschrieben: Es stammt aus der Feder von Sigrid Behrens, die mit leichter Hand die Entwicklung einer Freundschaft schildert und ein Plädoyer für existenziellen Mut und fürs Über-den-eigenen-Tellerrand-Hinausgucken verfasst hat.

Lion lässt quer spielen, das heißt, das Publikum sitzt mit dem Rücken backbord, und Kammigan und Altmann haben gegenüber einen langen Korridor zur Verfügung; mit einer kleinen Ausstattungsoase unterm Bug, die Entes Teich skizziert. Licht- und Halleffekte (über Deckenmikros) tun ein Übriges an Wirkung, und vor allem dank des hohen Tempos und des facettenreichen Spiels ist das Ganze keine Sekunde langweilig, macht Spaß und funktioniert – obwohl ein paar beratungsresistente Eltern bei der Premiere wieder mal Kinder weit unterhalb der Altersempfehlung von fünf Jahren eingeschmuggelt haben.

Karten für die beiden Kinderstücke, aber auch Konzerttermine gibt es unter www.theaterschiff-maria-helena.com