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Élodie Malanda erforscht in Saarbrücken Kinder- und Jugendbücher

Kinder- und Jugenbuchliteratur : Diesseits von Afrika

Klischees, Rassismus und viel gut Gemeintes, was zum Falschen führt: Das Afrika-Bild in deutschen wie französischen Kinder- und Jugendbüchern ist selten nur realistisch. Und: Literatur für junge Afroeuropäer gibt es viel zu wenig. Die luxemburgische Literaturwissenschaftlerin Élodie Malanda geht dem nun an der Saar-Uni auf den Grund.

Wie man den Fernseher einschaltet, wusste sie auch mit zehn noch nicht, gesteht Élodie Malanda und lacht: „Meine Eltern haben die Fernbedienung gut versteckt.“ Damals schon aber hatte sie den Schlüssel zur Schulbibliothek – ihr magischer Ort. Und sie bekam die Nase gar nicht mehr raus aus den Büchern.

So ist das auch heute noch bei der luxemburgischen Literaturwissenschaftlerin. Sie fräst sich geradezu durch Kinder- und Jugendbücher. Deutsche, französische, englische. Aus der Passion wurde irgendwann Profession. An der Pariser Sorbonne hat Malanda studiert und promoviert, in München ein Kinder- und Jugendbuchfestival betreut. Nun hat sie eines der raren Humboldt-Stipendien ergattert und sich dafür die Saar-Uni ausgesucht. Zwei Jahre lang wird sie hier „nur forschen“ können und freut sich über diesen „Luxus“. Weil sie sich mal ganz und gar auf das Thema einlassen kann. Von dem sie allerdings noch nicht weiß, ob es überhaupt genug zu Erforschendes gibt, sprich Gedrucktes. Will Malanda doch wissen, wie es sich mit der Kinder- und Jugendliteratur von afrodeutschen und afrofranzösischen Autoren verhält – welche Geschichten sie jungen schwarzen deutsch- und französischsprachigen Lesern zu erzählen haben. Viele, auch Verlagsleute, weiß Malanda, halten das für ein „Minderheitenprogramm“. Sicherheitshalber hat sie daher auch Blogs und Podcast für junge Schwarze in den Forscherblick genommen.

Für Élodie Malanda ist die Schwarz-Weiß-Frage in der Literatur quasi ein Lebensmotiv, das die Mittdreißigerin lange schon umtreibt. Ihr Vater, ebenfalls Literaturwissenschaftler, stammt aus dem Kongo, ihre Mutter, eine „Weiße“, war Lehrerin. Und da in den 80ern und 90ern in Luxemburg aufzuwachsen, bedeutete Blicke auf sich zu ziehen, erinnert sich Malanda auch an einen Zeitungsbericht über sie als Baby und ihre Eltern. Grundtenor: wie eine Familie mit unterschiedlichen Hautfarben zusammenlebt.

 Und welche Bücher auch immer sie in Kindertagen in die Finger bekam: Immer waren es Geschichten von weißen Mädchen und weißen Jungs in einer weißen Welt. „Ich dachte, Leute wie ich gehören halt nicht in ein Buch.“ Lange überlegt habe sie nicht, warum in ihrem kindlichen Fantasiekosmos keine schwarzen Helden reüssierten. Damals. Erst im Studium und dann mit ihrer bemerkenswerten Dissertation über das Afrika-Bild in französischen wie deutschen Kinder- und Jugendbüchern sei ihr vollends bewusst geworden, dass da was nicht stimmt.

Just in der Phase, wenn Kinder groß werden, sich als Persönlichkeit finden wollen, Rollenvorbilder brauchen, auch und gerade, um sich davon abzusetzen, fand sie in der Literatur – nichts. „Vielleicht wäre es mir besser gegangen, wenn ich nicht so viel gelesen und wie meine Brüder die Zeit vorm Fernseher verbracht hätte“, überlegt sie. Den „Prinz von Bel Air“ guckten die Anfang der 1990er mit Hingabe, mit Will Smith, der schon auf dem Weg zum schwarzen Megastar war. Eine TV-Serie mit erfolgreichen schwarzen Menschen, mit einem Richter und seiner völlig überdrehten Familie, die im luxuriösen Los Angeles lebt. Ein wahr gewordener afroamerikanischer Traum – wenn auch bloß als Fernsehfiktion.

Doch Moment mal. Keine schwarze Helden im Kinderbuch? Aber es gibt doch schon ewig „Jim Knopf“ – weiß doch jeder. Gerade ist Michael Endes Kinderbuchklassiker mit einem weiteren Film in der nächsten Verwertungsschleife in den Kinos angelangt. „Immerhin eine positiv besetzte Figur“, meint Malanda. Aber zum einen sei das eben nur ein prominentes Exempel. Und man solle auch mal genau hinschauen. Wie überzeichnet dieser Jim Knopf gerade im Film sei, und exemplarisch sei doch das große Staunen, als plötzlich das „schwarze Baby“ im weißen Lummerland auftaucht.

Eigentlich ist Élodie Malanda mittlerweile schon müde, darüber zu diskutieren, wie wenig oder wie viel Rassismus da bewusst oder unbewusst mitschwingt. Oder wie man mit Astrid Lindgrens „Pippi in Taka-Tuka-Land“ umgeht. Pippis Vater, Efraim Langstrumpf, nennt Lindgren darin einen „Negerkönig“. Ja, lange her. Und 1948 schaute man in Europa anders auf die Welt als heute. Aber für viele längst Erwachsene steht Astrid Lindgren nach wie vor unreflektiert auf einem Postament, zementiert mit Leseglück aus fernen Kindertagen. „Was aber macht das mit einem schwarzen Kind, das liest, wie schwarze Menschen als Wilde um Papa Langstrumpf herumtanzen?“, fragt Malanda. Bedenkenswert.

Viel wichtiger aber ist ihr, eben nicht bloß auf die ewigen Denkmäler der Kinder- und Jugendbuchliteratur zu schauen. Erfreulich sei, so die Literaturwissenschaftlerin, dass heute eine Reihe von Autoren in Frankreich wie in Deutschland sich bemühten, Kindern und Jugendlichen ein diverses Gesellschaftsbild zu vermitteln: schwarz, weiß, gelb, Menschen ohne und mit Behinderung. Und doch hake es meist an einer Stelle. „Das Weiß-Sein wird oft als Norm vorgeführt“, bilanziert Malanda. Oder aber es sind Bücher, die Kindern Afrika erklären wollen. Durchaus in bester Absicht. Aber gern nach dem Muster „weißes Kind hilft armem schwarzen Kind“, sagt Malanda.

Jim Knopf ist einer der raren „schwarzen Helden“ in deutschen Kinderbuchklassikern. Mittlerweile wird über offenen und verdeckten Rassismus in Kinderbüchern heftig debattiert. Foto: dpa/Boris Roessler
Ein wunderbares und vorbildliches Bilderbuch: „Comme un million de papillons noirs“ (Wie eine Million schwarzer Schmetterlinge) von Laura Nsafou und Illustratorin Barbara Brun. Das Buch erzählt die Geschichte eines afroeuropäischen Mädchens, das sich schwer damit tut, sein Haar (und sich) so zu lieben, wie es ist. Nsafou vearbeitete darin auch eigene Erfahrungen. Als Kind wurde sie wegen ihrer „Nase und ihrem Haar“ auch gehänselt. Der alltägliche Rassismus ist eines der großen Themen der französischen Autorin. Foto: Éditions Cambourakis/Barbara Brun

 Aber interessiert das wirklich ein Kind, das in Frankreich oder Deutschland geboren ist – nur eben zufällig mit schwarzer Haut? Das möchte doch Geschichten aus seiner Heimat lesen, mit denen es sich identifizieren kann. Zwar gibt es in Deutschland mittlerweile einige afrodeutsche Autoren wie die Berlinerin Katharina Oguntoye. Die aber schreiben meist für Erwachsene. Und bei Verlagen fehle Mut und Lust, Bücher für junge Afrodeutsche zu machen und zu initiieren, weiß Malanda. Weil man offenbar keinen Markt dafür sieht. Frankreich sei da ein bisschen weiter, wohl eine der wenigen positiven Nachwehen der Kolonialgeschichte. Das Bilderbuch „Comme un million des papillons noirs“ etwa von Laura Nsafou mache Mut, meint Élodie Malanda. Für die wunderbare Geschichte eines kleinen Mädchens, dass seine krausen schwarzen Haare erst lieben lernen und seinen Platz finden muss, suchte die Autorin auch lange nach einem Verlag. Doch inzwischen ist es ein Buch, dass auch andere Afrofranzösinnen animiert – zum Schreiben. Solche Bücher liebt Élodie Malanda ganz besonders, eine Geschichte aus der neue Geschichten wachsen.