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Ein Saarbrücker Vortrag hat das jüdische Leben in Lublin nachgezeichnet.

Saarbrücker Lesung : Erinnerung am Ort der Vernichtung

Ein Saarbrücker Vortrag hat das jüdsche Leben in Lublin nachgezeichnet.

Nur eine gemauerte Brunneneinfassung auf dem Lubliner Busbahnhof erinnert heute noch an das ehemalige jüdische Viertel. Vor der Vernichtung des Ghettos im Frühling 1942 lebten um die 43 000 Juden (40 Prozent der Einwohner) in Lublin, der damals zweitgrößten jüdischen Gemeinde Polens nach Warschau.

Der Übersetzer, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Lothar Quinkenstein war am Dienstag im Rahmen des Festivals „erLesen!“ in der Buchhandlung St. Johann zu Gast, eingeladen von der Christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft des Saarlandes und der Heinrich Böll Stiftung Saar; in seinem Vortrag hat er die Geschichte der Juden Lublins nachgezeichnet: von deren mit einer Legende bedachten Ankunft im frühen Mittelalter (1336 erteilte König Kasimir das „Judenprivileg“) bis zur fast vollständigen Auslöschung 1942. Die Stadt war im Mittelalter ein bedeutendes Druckzentrum für hebräische Schlüsseltexte. Das „jüdische Oxford“ (Quinkenstein) avancierte Ende des 18. Jahrhunderts mit der Übersiedlung Jaakow Jizchak Horowitz’, des Sehers von Lublin, zu einem Zentrum des Chassidismus, einer gottzugewandten, mystischen Ausprägung des Judentums. 1930 gründete Meir Shapiro die weltweit größte Talmudschule namens „Jeschiwa Chachmei“, zu deren Einweihungsfeier mehr als 20 000 Menschen kamen, was Quinkenstein mit historischen Aufnahmen belegt.

Davon ist auf den Luftaufnahmen von Lublin heute nichts mehr zu sehen. Denn die SS sprengte kurzerhand die ehemalige jüdische Stadt und errichtete im Süden Lublins das Vernichtungslager Majdanek. „Die Leere ist an vielen Orten im Osten Europas heute noch spürbar, auf die Vernichtung folgte das Vergessen“, konstatiert Quinkenstein. Wie kann man der Leere dennoch Erinnerung abtrotzen? Indem man den kabbalistischen Weg der Gedächtniskultur einschlägt, wie es der polnische Literaturwissenschaftler Władysław Panas (1947–2005) in seinem Essay „Das Auge das Zaddik“ getan hat. Darin begibt sich Panas auf die Spuren des berühmten Sehers Horowitz, von dem keine Spuren mehr vorhanden sind – bis auf Horowitz’ Mazewa, seinen Grabstein auf dem jüdischen Friedhof vor den Toren der Stadt.

„Vom Himmel aus“ betrachtet Panas die neu aufgebaute Stadt und erkennt in deren Geometrie die Mazewa von Horowitz. In die scheinbare Leere des großen Platzes schreibt er die Existenz des berühmten Sehers und damit pars pro toto der jüdischen Einwohner ein – das ist die kabbalistische Volte, die Panas in seiner geopoetischen Stadtbetrachtung schlägt – und den Leser im Sinne einer Gedächtniskultur neu zu sehen lehrt. Die Schlüssigkeit von Panas zeigt sich im „performativen Erinnern im Stadtraum“, betont Quinkenstein mit Verweis auf das stetig wachsende Archiv „Lublin 43 Tausend“, dem „House of Words“ und der immer leuchtenden Laterne.