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Diskussion um die Performance „Plus Ultra“ von „Die Redner“

Diskussion um die Performance „Plus Ultra“ von „Die Redner“ : Glas gegen Gold, Clicks gegen Daten

Wie diskutiert man mit 150 Jugendlichen ein hochkomplexes Stück? Am besten nicht in einem so großen Forum wie der Alten Feuerwache in Saarbrücken, wo „Die Redner“ vergangene Woche ihre neue Performance „Plus Ultra“ über Steve Jobs und Christopher Columbus für Schüler zeigten.

Das neue Stück der „Redner“ ist ein mitreißender, visueller Knaller, dem allerdings nur folgen kann, wer hellwach und am besten auch vorbereitet ist. Die Saarbrücker Performance-Gruppe um den Schlagzeuger Oliver Strauch und den Videokünstler und Bassisten Florian Penner hat sich dieses Mal mit zwei Entdeckern beschäftigt: mit Informatik-Pionier Steve Jobs und Entdecker Christopher Columbus (wir berichteten). Text-Grundlagen sind die berühmte Rede des Apple-Gründers an der Stanford University 2005, die im Original-Englisch verarbeitet wird, und ins Deutsche übersetzte Auszüge aus Columbus’ Tagebuch von seiner ersten Reise 1492/93 gen Indien, die bekanntermaßen auf der Karibik-Insel Hispaniola endete.

Mit Alisa Klein an Posaune, Flöte (und Muschel) und Manuel Krass am Keyboard sowie als Columbus-Sprecher gelang den „Rednern“ eine großartige Collage aus Text, Tanz, Videokunst, Renaissance-Musik, Jazz und Pop, deren Vielschichtigkeit lange nachwirkt.   Die Tänzerin Lucyna Zwolinska (bekannt als Mitglied der einstigen Donlon-Company am Staatstheater) setzt Musik und Text in faszinierende Körpersprache um – in einer durchsichtigen Box, die ebenfalls als Projektionsfläche dient. Mit Columbus fährt man auf einem Segelschiff per Videoinstallation auf Abenteuerreise. Wer hier nicht aufpasst, geht  nicht nur in stürmischer See über Bord, sondern verliert sich auch in den hochkomplexen Animationen. Schnelligkeit und vorwärtsdrängende Bewegung suggerieren Laufbänder, auf denen die Posaunistin, die Tänzerin und der Bassist zeitweilig laufen und dabei spielen. Viel Input also, der verarbeitet werden will. Für junge Menschen des digitalen Zeitalters, wo vieles zeitgleich passiert, eigentlich nichts Neues.

Und doch – schon die Rede in Englisch, auch wenn sie in Auszügen mitzulesen war, überforderte die meisten Schüler. Zwar hatten sich rund 20 Zehnt- und Elftklässler von Gemeinschaftsschulen (unter anderem in Türkismühle, Rehlingen und Saarbrücken-Rastbachtal) in Workshops mit den Rednern, finanziert mit 35 000 Euro aus dem Schulentwicklungs-Projekt „Kultur leben!“ über die Landeszentrale für politische Bildung (LPM), auf die Performance vorbereitet. Doch bei der anschließenden – für einige unangekündigten Diskussion – wirkten die Jugendlichen wie überfahren – oder desinteressiert? So sehr sich die Redner und LPM-Chef Burkhard Jellonnek auch bemühten – außer ein paar wenigen, schüchternen Kommentaren war der mit dem Mobiltelefon sozialisierten Generation nichts zu entlocken. Ja, haben die denn nichts zu sagen? Doch! Aber  nicht in einem Theatersaal, wo schon Erwachsene sich scheuen,  zum Mikro zu greifen, aus Angst sich zu blamieren.

Dass dieses Gesprächs-Format so nicht funktioniert, war schnell klar. Dass die multimediale Performance allerdings eine Kunstform ist, die prinzipiell bei jungem Publikum ankommt, war in Gesprächen vor dem Theater zu erfahren. Dort  stand beispielsweise der Leistungskurs Kunst dreier Saarbrücker Gymnasien mit seiner Lehrerin zusammen, die bemängelte, dass man gar kein Material zur Vorbereitung gehabt habe. „Deshalb habe ich erst spät verstanden, was die Redner eigentlich rüberbringen wollten“, sagte Schülerin Marlene und brachte auf den Punkt, was viele, die keinen Workshop besucht hatten, so sahen. Die Workshop-Teilnehmer hingegen konnten einiges mitnehmen, war zu erfahren. Einig waren sich die Befragten über die hohe Qualität der Show. „Die Technik war cool“, befand ein Schüler. Und auch das Thema interessierte.

Das junge Publikum nach seinen „Kindheitserinnerungen an Columbus“ zu befragen, wie Jellonnek es versuchte, konnte allerdings nur dazu führen, dass die Jugendlichen ausstiegen. Wer benutzt ein Apple-Gerät, was macht ihr mit euren Mobiltelefonen, und macht ihr euch Gedanken darüber, wer für die seltenen Erden in den Geräten ausgebeutet wird, wären vielleicht Aufhänger gewesen. Könnt ihr euch ein Leben ohne Handy überhaupt vorstellen?

Brutale Ausbeutung, Eroberung und Kolonisierung sind die Themen des Stückes – und eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite geht es um Grenzen und Grenzüberschreitungen und den unbändigen Drang des Menschen, Neues zu entdecken und zu entwickeln, sich selbst zu verwirklichen. Waren es  bei Columbus wertlose Glasperlen, mit denen er die ahnungslosen Ureinwohner lockte, um an ihr Gold zu kommen, sind es heute Clicks und Likes, die an sorglos-ignorante User verteilt werden, um wertvolle Daten zu schürfen.

Die „Redner“ spannen in „Plus Ultra“ also einen Bogen von der Renaissance bis in unsere Gegenwart – und werfen am Ende einen von den dystopischen Gemälden von Hieronymus Bosch (gest. 1516) inspirierten, düsteren, aber heiter bebilderten Blick in die Zukunft. Stellvertretend fürs Publikum ziehen sie in der finalen, fulminanten Videosequenz in Renaissance-Kostümen immer schneller durch Boschs animierte bunte Fabelwesen-Welt, in der schließlich Atomkraftwerke, Kreuzfahrtschiffe, Aldi, Lidl, Kik & Co. dominieren. Es endet – begleitet von Facebook-Likes, iPhone-Klingeltönen und einer wirr brabbelnden Alexa – in einem Kaufrausch. Und der wiederum ist in diesem exzessiven Ausmaß nur möglich, weil die von Columbus’ begonnene Globalisierung durch die faszinierend-rasante Digitalisierung, die Steve Jobs Entwicklungen (vom Macintosh über Pixar-Animationstechnologie bis zum iPhone) den Turbo eingeschaltet hat und nicht mehr zu stoppen ist.

„Stay hungry, stay foolish“ („Bleib hungrig, bleib albern“) rief Steve Jobs den College-Absolventen damals zu in seiner Rede, in der er sein eigenes Leben erzählt. Sein Credo: Inspiration und Forschergeist speisen sich aus Niederlagen. „You’ve got to find what you love“, man muss finden, was man liebt, ist Jobs’ Leitsatz, den die Redner auf ihre Leinwände projizieren. Ein sinniger Satz für junge Menschen, die gerade dabei sind, ihre eigenen Talente und Wege zu finden und dabei selbst Grenzen überschreiten müssen und werden. Wie sie sich dabei in einer zunehmend bedrohten, ungerechten Welt bewegen und ob es gelingt, den Digitalisierungs-Turbo zu drosseln, das bleiben die spannenden Fragen unserer Zeit. Lebte Hieronymus Bosch heute, er wäre sicher Videospiel-Entwickler.

„You can’t connect the dots looking forward; you can only connect them looking backwards“ („Man kann die Punkte nicht verbinden, indem man vorausschaut, sondern nur, indem man zurückblickt“), sagt Steve Jobs. Und dann müsse man darauf vertrauen, dass sich die Punkte in der eigenen Zukunft günstig zusammenfügen. Dieses Urvertrauen in eine vielversprechende Zukunft, die sich immer auch aus dem Wissen um die Vergangenheit speist, ist Kern jeder Innovation. Denn sonst könnten die Menschen es ja sein lassen. Und Columbus und Steve Jobs wären nie auf ihre Reisen gegangen.

Lucyna Zwolinska setzte Musik und Text beeindruckend in Tanz um, meist in einer durchsichtigen Box in der Bühnenmitte. Foto: Oliver Dietze

Weitere Termine: 22. Januar (Theater am Ring Saarlouis), 11./12./28. März (Feuerwache Saarbrücken), 3./4. September (Gebläsehalle Neunkirchen).
Karten: Tel. (06 81) 30 92 486.
Info: www.die-redner.de