Zirkus auf dem Tbilisser Platz in Saarbrücken So funktioniert auf der Insel „La Réunion“ progressiver Zirkus

Saarbrücken · Wie erzählt man mit Zirkus-Nummern die Geschichte eines Inselstaates? Dem „Cirquons Flex“ gelang das am Donnerstag zur Eröffnung der Saarbrücker „Perspectives“.

Das deutsch-französische Festival Perspectives eröffnete am Donnerstag mit dem „Cirqueons Flex“-Zirkus auf dem Saarbrücker Tbilisser Platz.

Das deutsch-französische Festival Perspectives eröffnete am Donnerstag mit dem „Cirqueons Flex“-Zirkus auf dem Saarbrücker Tbilisser Platz.

Foto: Oliver Dietze

Perspectives und neuer Zirkus, das ist eine sehr vertraute Verbindung. Und so stellte sich am Donnerstag schon draußen, beim Eintrudeln der Besucher am Zirkuszelt auf dem Tblisser Platz in Saarbrücken, die lang ersehnte Festivalstimmung ein. Dennoch war beim diesjährigen Auftakt etwas anders. So sehr sie auch gleich in Vorbegeisterung schwelgten und schwärmten, die Grußredner und -innen, die witzigerweise mit dem Rücken zur Politiker-, Ehren- und Pressetribüne postiert sprachen, es fehlte etwas. Und zwar, ohne in Personenkult verfallen zu wollen, eben jene gewohnte, souverän-unaufgeregte Festivalchefin Sylvie Hamard, die auch ohne Worte ausstrahlen konnte: Alles wird toll! Doch Hamard hat ihren Posten in Saarbrücken geräumt.

Die saarländische Kultusministerin sprach immerhin einen Satz aus, den man sich merken muss für Zeiten, in denen das Festival mal zu sehr auf Schmalhans-Kost gesetzt werden sollte. „Dies Festival ist Teil der saarländischen DNA“, sagte Christine Streichert-Clivot. Also lebensnotwendig. Wir nehmen sie beim Wort.

Ziemlich genau so klein oder so groß wie das Saarland ist die Île de la Réunion, auf die uns die Gastspieltruppe des Abends, der „Cirquons Flex“ entführte. So weit kamen wir mit dem Festival Perspectives bisher wohl noch nie. Die erste eigene Zirkustrupppe dieser Insel, über die, obwohl Übersee-Département von Frankreich, wahrscheinlich die wenigsten etwas wissen, brachte uns nicht nur Akrobatik und Musik, sondern auch Geschichten über sich selbst, über die Geschichte und die Zukunft ihrer Insel mit. So viel erzählen und erläutern kann man nur, wenn man redet. Sich einfach zurücklehnen und mit den Augen genießen, war also nicht drin. Es hieß, auch viel zuhören und auf die drei im Zeltrund verteilten Übertitelungstafeln ( sehr gut!) zu achten. Man war als Zuschauerin also von Anfang an etwas gefordert.

Die Truppe mit den vier Akrobatinnen und vier Akrobaten hatte es nicht so eilig. Wer hohes Tempo und artistisches Feuerwerk erwartet hatte, für den verlief, gerade die erste Hälfte, etwas zäh. Die Geschichte aber war sehr interessant. 1940 hatte sie La Réunion auf die Seite des mit den Nazi-Besetzern kollaborierenden Vichy-Regimes gestellt, weshalb die Briten die Insel per Seeblockade von jeglicher Versorgung, von Lebensmitteln über Benzin bis zu Ersatzteilen, abschnitten. Der „Mangel“ einerseits, eine auf der auf Lebensmittelimporte angewiesenen Zuckerexport-Insel beinahe historische Konstante, die Isolation und sowie die Bedrohung durch den zu erwartenden Anstieg des Meeresspiegels, und dazu andererseits die Frage, was man als Gruppe, Stichwort: Resilienz, dagegensetzen kann - das waren die thematischen Leitmotive. Zwischen den Gruppen-Diskussionen fanden sich immer wieder höchst poetische, bildkräftige, verdichtete Momente. Da gelingt es einem Männer etwa, über ein altes Kofferradio, aus dem auch Katastrophenwarnungen tönen, mit seiner Oma im Jenseits (?) zu parlieren und so Beistand zu finden. Ein anderer jongliert genüßlich den letzten Pfannuchen aus Maniok-Mehl und verschlingt ihn vor den Augen der hungrigen Kollegen – auch Komik ist oft mit im Spiel.

Und dazwischen gibt es immer wieder sehr gekonnte Akrobatik, die betont, wie sehr diese Artistik-Form auf das Miteinander, Einander-Stützen, Sich-Aufeinander-Verlassen-Können angewiesen ist: Wenn drei oder vier Träger die fliegenden Frauen zu Salti in die Luft schleudern und fangen genauso wie wenn man sich zur dritte übereinanderstellt.

Zu den auch im Wortsinne Höhepunkten in der insgesamt stärkeren zweiten Halbzeit gehört es, wenn die Truppe beschließt, alle nacheinander und gemeinsam auf ein einziges Trapez hinaufzuklettern, um so dem Hochwasser zu entkommen. Noch hinreißender, weil atemberaubend, sind die akrobatischen Figuren zweier Frauen am Vertikalseil, ohne Netz und weiterer Sicherung außer dem Seil an dem sie sich gegenseitig stützen, verwickeln und hinauf- und hinabgleiten. Oft leider erlebt man die nicht zu knappe Artistik als Einschub, als Pause in der Handlung, stumm und unterlegt mit stimmungsvoller Band-Musik. In den Momenten, wenn es jedoch gelingt, Akrobatik durch die Handlung zu motivieren oder umgekehrt, sind wir genau bei jenem zeitgenössischen Cirque à la française wie wir ihn bewundern und lieben und von dem wir in den nächsten Festivaltagen noch so einige Beispiele erwarten dürfen. Bereichert fühlte man sich aber auch an diesem Abend schon sehr, ist es der Truppe doch gelungen, ihrem Publikum Einblicke in Leben und Geschichte ihrer Insel jenseits Postkartenklisches und eigenen Zirkusstil zu vermitteln. Wer die zugehörige berührende Fotoausstellung in der Nauwieser 19 verpasst hat, kann sie noch im Internet ansehen: Www.cirquonsflex.com

Die Vorstellung am Freitagabend wurde abgesagt und auf Samstag, 14 Uhr, verlegt.

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