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„Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ verrät seuchenfeste Erkenntnis​

Hoffnungsbuch : Drinnenbleiben als Chance begreifen

Gabriel García Márquez verrät im Klassiker „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ eine seuchenfeste und kitschfreie Erkenntnis.

Der Roman „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ ist in mannigfachen Änderungen seines Titels längst sprichwörtlich geworden. „Sicherheit in Zeiten der Corona-Pandemie“ oder „Freizeit in Zeiten der Quarantäne“: Spätestens jetzt passt er wie die Faust aufs Auge. Was sein Autor, der wortgewandte kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez, schon vor uns über Seuchen erkannt hat, weiß Janett Reinstädler. Die Literaturprofessorin der Saar-Uni hat an dem Werk von 1985 Facetten entdeckt, die weit über Liebe und Cholera weisen.

Wie präsent ist die Seuche im Roman?

JANETT REINSTÄDLER Sie spielt eine größere Rolle als zuweilen behauptet wird. Zwar erkranken die beiden über 70-jährigen Hauptfiguren Fermina Daza und Florentino Ariza nicht. Doch sie nehmen eine Epidemie zum Vorwand, während einer Schiffsreise die Choleraflagge zu hissen, um, von Passagieren und Besatzung verlassen, ungestört den Rio Magdalena immer wieder hinauf- und hinabzufahren. Diese selbstgewählte Quarantäne wird für sie zur Chance, etwas zu leben, das bisher nicht möglich war: eine tiefe, einzigartige Liebe, die über 50 Jahre lang durch gesellschaftliche Konventionen verhindert wurde. So kann sich vor dem alptraumhaften Szenario vorbeitreibender Leichen etwas Unerhörtes ereignen: die Eröffnung eines ungemein schönen Raumes der Gefühle, der Zärtlichkeit und Sexualität. Mit diesem vollkommenen, endlos dahintreibenden Glück endet die Geschichte. Zurzeit sind wir fast alle in Quarantäne, aber zugleich ist die überwiegende Mehrheit gar nicht erkrankt. Warum also diese Zeit nicht für die schönen Dinge nutzen. Und wenn es nicht die Liebe ist, dann vielleicht die Lektüre. Salopper gesagt, möchte man den Menschen zurufen: Leute, hamstert Bücher!

Macht es Sinn, die mehr als 600 Seiten nun noch einmal zu lesen?

REINSTÄDLER Aber selbstverständlich. Gabriel García Márquez hat 1982 völlig verdient den Literaturnobelpreis erhalten. Er ist ein meisterhafter Erzähler, in dessen wundervoll reiche und zugleich präzise Sprache man nach wie vor mit großem Gewinn eintauchen kann. „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ ist durch ein realistisches und zugleich ausschweifendes Erzählen geprägt, das die faszinierende Welt Kolumbiens Anfang des 20. Jahrhunderts handlungsreich und doch entschleunigend ausmalt. Das Buch ist übrigens nicht mehr dem magischen Realismus zuzuordnen. Für die Gegenwart des Romans, um 1930, wird keine Faszination des Urwalds zelebriert, keine lateinamerikanische Exotik beschworen. Vielmehr wurde bereits damals der Regenwald zerstört, und internationale Agrarkonsortien entvölkerten ganze Landstriche, nahmen die Menschen in Lohnsklaverei. Gabo, wie ihn die Lateinamerikaner liebevoll nennen, schildert diese Modernisierungsprozesse sehr weitsichtig. Der Roman zeigt auch ein Grundproblem des Fortschritts: die Ablösung der altvertrauten Arbeits-, Wirtschafts- und Bewegungsformen durch neue Techniken, mit denen nicht jeder umgehen kann.

Und welches Bild zeichnet er von der Liebe? Bei einem Mann, der 51 Jahre wartet, könnte man meinen, dass es kitschig zugeht.

REINSTÄDLER Kitschig, nein, das würde ich nicht sagen. Es geht im Roman nicht um süßliche Schwärmereien, bürgerliche Vorstellungen von Monogamie, dem Sich-Selbst-Bewahren für die Eine, für den Einen oder gar eine Traumhochzeit. Florentino Ariza wartet nicht „untätig“, sondern hat unzählige Affären, die freilich seine Gefühle für Fermina nicht schmälern. Es ist eine tiefe, echte Liebe, die nicht Zentrum, sondern Zielpunkt der Handlung ist. Der Roman ist vor allem auch ein Manifest für die Macht der poetischen Sprache. Denn es sind seine wunderschönen Liebesbriefe, mit denen Florentino die junge wie die alte Fermina zu erobern vermag.

Im Originaltitel „El amor en los tiempos del cólera“ schwingt eine Doppeldeutigkeit mit, denn „cólera“ meint auch Wut. Geht dem deutschen Leser da etwas Wichtiges durch die Lappen?

REINSTÄDLER Das ist richtig, denn der Verlust von sprachlichen Mehrfachkodierungen ist ein grundsätzliches Problem von Übersetzungen. Cholera, Wut, Wahn – García Márquez spielt damit. So sind die rastlosen Eroberungen Florentinos ebenso als „cholerisch“ zu lesen wie die Technisierung der Welt Anfang des 20. Jahrhunderts.

Zehn Jahre nach García Márquez legte der Portugiese José Saramago 1995 mit „Die Stadt der Blinden“ auch einen Seuchenroman vor. Was kann dieses Werk uns vermitteln?

REINSTÄDLER Saramago richtet hier seine brillante Sprache darauf, die gesellschaftliche Verrohung während einer Epidemie aufzuzeigen. Es ist ein dystopischer Roman über den krisenbedingten Rückfall in vorzivilisatorische Zustände. Mit dem Szenario einer militärisch durchgesetzten Isolierung entfaltet Saramago eine apokalytische Vision, der wir uns im Augenblick hoffentlich nicht annähern. Zugleich ähnelt sein Text aber durchaus García Márquez, weil er vorführt, wie sich auch unter lebensbedrohlicher Zwangsquarantäne Fürsorge, Zärtlichkeit und Liebe entwickeln können. Insofern erschaffen diese beiden Bücher in dem aufgewühlten Meer der Krise Inseln, auf denen die Menschlichkeit überleben kann. Sie sind herausragende Beispiele für den unschätzbaren Wert von Literatur. Literatur ist ein wichtiger „Speicher von Überlebenswissen“, wie es mein Kollege Ottmar Ette nennt. So vermittelt García Márquez die Utopie, die Krise als Chance zu nutzen, und mahnt uns Saramago, unsere humanitären Werte nicht zu verlieren. Albert Camus wiederum spielt in „Die Pest“ die Wertigkeit philosophischer und religiöser Modelle für Zeiten totalitärer (Viren)Bedrohung durch.

Camus, García Márquez oder Saramago – mit welchem der drei sollte man seine Lektüre-Quarantäne beschließen, um hoffnungsvoll zu sein?

Gabriel García Márquez: „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“. Fischer Taschenbuch, 672 S., 13 Euro. . Foto: Foto: Fischer Verlag

REINSTÄDLER Mit García Márquez. Auch, weil alles auf die Liebe zwischen alten Menschen hinausläuft, das ist selten.