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Die Kunstsammlung des Saarlandmuseums ist seit 1998 um 600 Werke gewachsen

Sammlung des Saarlandmuseums : Wundheilungen im Museum

Seit 20 Jahren ist die Sammlung der Modernen Galerie um 600 Werke gewachsen – aber wie? Und warum ist Beschenktwerden gar nicht so einfach?

Bewahren, erforschen und sammeln, also erwerben, so steht es im Pflichtenheft eines jeden Museums. Fehlen eigene Finanzmittel, helfen Stifter und Künstler weiter, mit Geld, Dauerleihgaben oder Schenkungen. Die von Museumsdirektoren gewonnenen Spender sind großzügige Menschen, doch wenn es um konkrete Zahlen geht, die ihre guten Taten abbilden, werden sie schmallippig. Der Hauptgrund: Rechtfertigungsdruck. Kunstförderung steht in harter Konkurrenz zu einem Engagement für Umwelt oder Soziales.

„Es gibt klare Verabredungen, dass über Fördersummen und Kaufpreise nichts verlautbart wird“, sagt Roland Mönig, Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Das Verschweigen des Kaufpreises und der Fördersummen wird sich auch heute wiederholen, wenn ein Neuzugang für die Saarbrücker Sammlung vorgestellt wird, Willi Baumeisters „Skizze zu Figurenbild (Der Maler)“ (1923). Zehn Jahre ist es her, dass im Segment Klassische Moderne ein ähnlich kapitales Bild erworben wurde, Christian Rohlfs „Der Zecher“ (1921). Und noch viel länger, nämlich 30 Jahre, als der bis dato teuerste und spektakulärste Ankauf getätigt wurde, ein Picasso. Aus eigener finanzieller Kraft wäre das dem Museum unmöglich gewesen. Der Sparkassen- und Giroverband und 50 weitere Spender schenkten der Modernen Galerie Picassos „Nature morte au crane sur une chaise“ (1946). Kein Prestige-Objekt, eher eine Wundheilung. Ausgerechnet der Gigant der Avantgarde, die zentrale Bezugsgröße für den Aufbruch in die Abstraktion, war nicht im Bestand. Mit wieviel Geld die Lücke geschlossen wurde, das zählt bis heute zu den bestgehüteten Geheimnissen des Museums.

Ähnliche Aufmerksamkeit erntete nur noch der Ankauf von Max Pechsteins „Liegendem Akt“ (1911) im Jahr 2005, den die Kulturstiftung der Länder mittrug wie jetzt auch die Baumeister-Anschaffung und zuvor den Ankauf eines Max-Ernst- und eines Wols-Bildes. So was wird öffentlich gefeiert, doch die Masse der Erwerbungen vollzieht sich im Stillen. Systematisch, sagt Mönig. Er verfügt über einen jährlichen Ankaufsetat zwischen 100 000 und 200 000 Euro. Die Vorstellung, dass er damit im Kunsthandel-Supermarkt nach eigenem Gusto shoppen geht, ist zwar amüsant, aber unrealistisch, wie Mönig darlegt. Insbesondere die Suche nach Werken der Klassischen Moderne sei wenig sinnvoll: „Man kann solche Ankäufe nicht erzwingen, sie kommen auf einen zu.“ Verfügbarkeiten meldet das Informations- und Kommunikationsnetz des Kunstmarktes. Mönig betont, es gehe bei Ankäufen oder bei der Annahme von Dauerleihgaben und Schenkungen nicht um das Bedienen seiner persönlichen Vorlieben: „Wir folgen einer Sammlungslogik und haben Leitlinien für eine langfristige Sammlungsentwicklung“. Die da wären? Unter anderem Traditionsbewusstsein und Nachhaltigkeit. Weil der Gründer der Modernen Galerie Rudolf Bornschein in den 50er, 60er Jahren konsequent Gegenwartskunst kaufte, auch die zu diesem Zeitpunkt noch gänzlich unterbewertete Gattung Fotografie, setzt Mönig diesen Weg fort, vertieft die durch seine Vorgänger geschaffenen Bestände und hat Werke der zeitgenössischen Künstler Michael Riedel, Michal Budny oder Olav Christopher Jenssen erworben. Es sind dies Künstler, mit denen Mönig auch Ausstellungsprojekte realisierte, oft ergeben sich daraus stabile Partnerschaften, die zu Schenkungen führen. Mönigs Ziel dabei: Möglichst viele Werkgruppen eines Künstlers im Bestand zu haben, um idealerweise Künstler-Räume zu gestalten.

Mönig hat auf diese Art in seiner fünfjährigen Amtszeit rund 80 Neuzugänge realisiert, seit 200 wuchs die Sammlung um sagenhafte 600 Objekte an, wobei Gegenwartskunst finanziell die größeren Spielräume lässt. „Ein so großes Rad, wie wir es mit Baumeister jetzt drehen, dreht man nicht jedes Jahr“, so Mönig. Und wie passt das Gemälde in seine Sammlungsphilosophie? Nun, der Vorreiter und Verteidiger einer abstrakten Malerei ist eine Idealbesetzung, wenn es um das deutsch-französische Profil der Modernen Galerie geht. Willi Baumeister (1889-1955), den die Franzosen einst als „deutschen Picasso“ wahrnahmen, unterhielt zudem intensive Kontakte zu französischen Kollegen, insbesondere Fernand Léger (1881-1955) stand ihm nahe. Auch er ist in Saarbrücken präsent. Die Moderne Galerie besitzt bereits einen späten, eher kalligraphischen Baumeister, die „Peruanische Mauer“ (1946), von Bornschein 1958 erworben.

 Doch erst durch den Neuzugang lässt sich durch das stilistisch davon abweichende Schaffen der 20er Jahre der Einfluss des französischen Kubismus und Purismus auf den Deutschen zeigen – und zugleich seine Nähe zur Bauhaus-Bewegung. Deshalb hängt die „Skizze zu Figurenbild (Der Maler)“ in Saarbrücken unmittelbar neben Oskar Schlemmers „Blauer Figurengruppe“ (1931) und soll dort „Funken schlagen“, wie Museumschef Mönig sagt. Denn: „Eine Sammlung ist wie der Tresor einer Bank. Sie ist das Reservoir unserer ästhetischen Werte, das wir, gewinnbringend für die Öffentlichkeit, immer neu befragen.“